Strafprozess beendet

Der letzte Akt: Gier, Geld, Drogen und eine Plantage im ehemaligen Baumarkt

Cannabis-Plantage mit Beleuchtung
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Die professionell eingerichtete und aufwendig betriebene Cannabis-Plantage mit mehr als 400 Pflanzen im Keller eines leer stehenden Baumarktes war längst noch nicht erntereif.

Es war eine „nicht ganz unkomplizierte Beweisaufnahme“, stellt Staatsanwalt Axel Nölle zum Ende des Prozesses fest. Kurz zuvor hat der Hauptangeklagte (45), bis fast zuletzt eisern schweigsam, zur Erleichterung aller Beteiligten dann doch die Kurve gekriegt – und alle Vorwürfe gegen sich eingeräumt. Der „Lohn“ dafür: Der Deal zwischen Verteidiger Baris Gültekin, dem Ankläger und der Kammer wird wirksam, die Richter verhängen eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Lüdenscheid - Es wäre „teurer“ geworden für den Autovermieter, wenn er bei seinem Schweigen oder seinen zuletzt undurchsichtigen Erklärungen geblieben wäre. Zu Beginn des finalen Verhandlungstages kündigt Gültekin zwar eine „umfassende Erklärung“ seines Mandanten an.

Der Familienvater berichtet über ominöse Holländer, die ihm angeblich Autos zur Ummeldung und Tüv-Abnahme nach Lüdenscheid gebracht und am nächsten Tag wieder abgeholt haben. Über das Unternehmen, für das er gearbeitet und dass einem Holländer gehört habe. Dass er über präparierte Drogenverstecke in den Autos nichts wisse und eigentlich nur die Papiere für die Wagen bearbeitet habe. „Das ist die Geschichte, mehr weiß ich nicht.“

„Es fällt schwer, das alles nachzuvollziehen“

Der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz quittiert die Aussage mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Es fällt schwer, das alles nachzuvollziehen.“ Die Beweisaufnahme droht sich weiter in die Länge zu ziehen, der Deal droht zu platzen. Knapp zwei Stunden Wiedergabe abgehörter Telefonate stehen bevor, um die Indizienkette gegen den Angeklagten weiter zu schließen. Die Verlesung des Vorstrafenregisters zuvor geht schneller. Acht Einträge, eine Sammlung zwischen vorsätzlicher Körperverletzung, Diebstählen, Verletzung der Unterhaltspflicht oder Urkundenfälschung.

Der Geduldsfaden der Richter wird dünner. Am Rande der Hauptverhandlung erwägt Weber-Schmitz im Gespräch mit den Verteidigern, das Verfahren gegen den 45-Jährigen von dem gegen seine Mitangeklagten abzutrennen – damit wenigstens schon mal zwei Akten geschlossen werden können.

„Sacherklärung ganz im Sinne der Anklage“

In einer Verhandlungspause schafft Rechtsanwalt Gültekin es dann doch, den 45-Jährigen zur Einsicht zu bewegen. Es folgt eine „Sacherklärung ganz im Sinne der Anklage“. Kein Abstreiten, kein Taktieren mehr. „Ich bedaure zutiefst, die Straftaten begangen zu haben.“ Er habe seinen Kindern vorgelebt, „was Gier und Geld und Drogen aus einem Menschen machen können“.

Der Verteidiger des 21-jährigen Syrers, Dr. Carsten Ernst aus Bielefeld, schafft es, das Gericht milde zu stimmen. Der junge Mann war für seinen Landsmann als Drogenkurier tätig. Eine Jugendgerichtshelferin attestiert ihm Reifeverzögerung und empfiehlt die Anwendung des Jugendstrafrechts.

Die Kammer verurteilt ihn zu zwei Jahren mit Bewährung. Im Zuschauerraum sitzt seine Freundin, sie vergießt Freudentränen. Ihr Liebster darf nach Hause.

Der Dritte im Bunde auch – vorerst. Der 55 Jahre alte haft-erfahrene Betreiber der Cannabis-Plantage in einem ehemaligen Baumarkt nimmt sein Urteil reglos hin: dreieinhalb Jahre. Dass er „einen Großteil seines Lebens in Gefängnissen verbracht hat“, sagt Staatsanwalt Nölle, „hat ihn nicht von der Begehung weiterer Straftaten abgehalten“. Strafverteidiger Dirk Löber ringt dem Gericht die Entscheidung ab, seinen Mandanten zunächst auf freiem Fuß zu lassen.

Der Verurteilte schimpft auf dem Gerichtsflur: „Wenn ich aus dem Knast komme, bin ich Hartz-IV-Empfänger.“

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