Demenz: Wenn das Hier und Jetzt Nebensache wird

Hospitant Rolf Gunkel inmitten seiner Gruppe auf der Station 5 des Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrums: Nach dem Kaffeetrinken stehen Rätsel, Lieder und Spiele auf dem Programm.

Lüdenscheid - Der Tisch ist weihnachtlich gedeckt, LED-Kerzen sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, die Stimmung ist entspannt. Es könnte ein ganz normales Kaffeekränzchen sein – und doch ist die Runde eine ganz besondere.

Denn die Damen und Herren, die sich an diesem Nachmittag auf der Station 5 im Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum versammelt haben, sind an Demenz erkrankt, leben nur bedingt im Hier und Jetzt, oftmals aber in ihrer eigenen Welt.

Doch das tut der Stimmung in der Runde keinen Abbruch – und dafür sorgt an diesem Nachmittag auch ein besonderer Gast: Rolf Gunkel, ehrenamtlicher Helfer für demenzerkrankte Menschen, der an diesem Tag in der Einrichtung hospitiert. „Nehmen Sie ruhig! Essen Sie bitte!“, lautet denn gleich auch die Aufforderung einer Dame, die Gunkel ihr Stück Torte rüberschiebt. Und dieser nimmt die ungefähre Hälfte, das größere Stück natürlich – etwas anderes würde die Dame nicht gelten lassen. Denn so viel hat der Hospitant schon gelernt: So lange er nichts gegessen hat, wird die Dame keine Ruhe geben.

„Man muss sich auf die Menschen einlassen und sie dort abholen, wo sie sich in ihrer Welt gerade befinden“, erklärt Ute Meyer vom Sozialdienst. „Nur durch das Erwidern ihrer Gefühle kann man mit ihnen ins Gespräch kommen und ihre Akzeptanz gewinnen. Und das ist es ja, was wir wollen – ihr Wohlfühlverhalten stärken.“ Und dazu gehören eben auch die gemeinsamen Nachmittage auf der Station, für die normalerweise Betreuungsassistentin Ursula Klein verantwortlich zeichnet. Sie ist es auch, die Hospitant Rolf Gunkel an diesem Tag begleitet, ihm Hilfestellungen gibt. Denn sie kennt ihre Bewohner, weiß um ihre Befindlichkeiten und Gewohnheiten. Sie weiß, auf welchem Stuhl wer am liebsten sitzt, was er gerne trinkt, was er nicht mag. Denn für Demenzkranke sind regelmäßige Abläufe wichtig. Stimmen diese nicht überein, wirft das den Betroffenen schnell aus der Bahn.

Doch an diesem Nachmittag läuft alles rund, Rolf Gunkel ist gut von der Gruppe aufgenommen worden. „Männerbesuche kommen auf der Station schließlich nicht so häufig vor“, wissen auch die Mitarbeiterinnen der Station um die Bedeutung männlicher Personen im Umgang mit den Bewohnern. Und deshalb kann Gunkel auch mit seinem kleinen Programm starten: „Haben Sie vielleicht Lust, etwas zu raten?“, fragt er vorsichtig in die Runde – und erntet zustimmendes Nicken. So bittet er um die Vervollständigung berühmter Sprichwörter und Zitate – und die Antworten kommen zum größten Teil wie aus der Pistole geschossen.

„Das ist etwas, was auch trotz der Demenzerkrankung nicht verloren geht, da kommen viele Erinnerungen wieder vor“, erklärt Ute Meyer. Das gelte auch für spezielle Memory-Spiele für Demenzkranke, beispielsweise mit Motiven „von früher“, aber auch Mensch-ärgere-dich-nicht und vor allem auch für Lieder, deren Texte die Senioren aus dem Effeff beherrschen.

Für Rolf Gunkel sind es ganz besondere Erfahrungen, die er an diesem Tag im Bonhoeffer-Altenzentrum macht. Dabei ist er in der Einrichtung längst kein Unbekannter. Seit etwa einem Jahr zeichnet der 64-Jährige einmal im Monat für das Vorlesecafé verantwortlich, liest den Bewohnern eine Stunde lang Geschichten von damals vor. Und dann entstand bei dem Schalksmühler der Wunsch, die aufgrund seiner Altersteilzeit neu gewonnene Zeit sinnvoll und vor allem ehrenamtlich zu nutzen. „Ich habe mein ganzes Leben mit Jugendlichen gearbeitet, jetzt wollte ich mal etwas ganz anderes machen“, erzählt der Pädagoge, der nebenbei ein Philosophie-Studium an der Uni Bochum aufgenommen hat. „Durch meine Verbundenheit mit dem Haus weiß ich, wie groß der Hilfebedarf ist, vor allem im Bereich der Demenzerkrankten.“

Um sich auf den Umgang mit den Betroffenen vorzubereiten, absolvierte Gunkel den Lehrgang „Qualifizierung zum ehrenamtlichen Helfer für demenzerkrankte Menschen in Lüdenscheid“. „Denn das Thema war ja Neuland für mich und man muss achtsam mit den Menschen umgehen.“ Dieses Wissen kann er nun, während seiner Hospitanz, in der Praxis anwenden. Und ist begeistert: „Viele verbinden mit dem Thema Demenz Trübsinn, etwas, das ihnen Angst macht. Dabei kann man den Erkrankten so viel Freude machen, wenn man ihnen die richtigen Impulse gibt. Das ist eine Arbeit, die nicht umsonst ist“, erklärt Gunkel.

Er ist überzeugt, dass dieser Praxistag für ihn erst der Anfang ist. Denn wenn es nach ihm ginge, möchte er sich – auch zur Freude von Ute Meyer – weiter im Bereich der Demenz-Begleitung engagieren und das Thema mehr in den Fokus rücken. „Das ist ein Bereich, in dem es großen Bedarf, in dem es zu wenige Ehrenamtliche gibt. Meine Motivation ist es, im Ruhestand nicht untätig herumzusitzen, denn: Es gibt genug anzupacken.“ Sagt’s und kehrt zu „seiner“ Gruppe zurück, die bereits zum wiederholten Mal an diesem Nachmittag ihr Lieblingslied angestimmt hat: „Horch, was kommt von draußen rein...“ - kes

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