Vor 50 Jahren in der Schützenhalle am Loh

Deep Purple in Lüdenscheid: Erinnerungen an ein Randale-Konzert

Deep Purple Lüdenscheid 50 Jahre Randale
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Das Konzertplakat aus dem Jahr 1970: Der legendäre Auftritt von Deep Purple in Lüdenscheid wird angekündigt.

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit das legendäre Deep-Purple-Konzert in der Schützenhalle am Loh mehr oder weniger über die Bühne ging. Dem 8. Dezember 1970 fieberten damals tausende Teenager der Bergstadt entgegen, hatte doch der damalige Stadtjugendpfleger Gottfried („Gotti“) Schumann die Band Deep Purple im Rahmen ihrer Deutschland-Tour für ein Konzert nach Lüdenscheid geholt.

Lüdenscheid - Ein Konzert allerdings, das unter keinem guten Stern stand, denn es endete bekanntlich in einer Katastrophe.

2000 enttäuschte Fans, Sachschäden und Randale vor und auch auf der Bühne: Der Lüdenscheider Edgar Schlimm erinnert sich an das Konzert, als wäre es gestern Abend gewesen. Allerdings nicht wegen seines phänomentalen Langzeitgedächtnisses, sondern weil er Mitautor des 2013 erschienenen Buches „Die besten Tage unseres Lebens“ war. Dort widmeten Dr. Dietmar Simon und der später verstorbene Michael Nürenberg dem Konzert mehrere Seiten und ließen auch Zeitzeugen zu Wort kommen.

„Ich bin nicht bis zum Schluss geblieben“, sagt Schlimm, „das durfte ich gar nicht. Ich war noch nicht volljährig. Ich hätte sowieso vorher gehen müssen.“ Was ihn und seinen Kameraden allerdings nicht daran gehindert hatte, sich an jenem Abend zur Schützenhalle aufzumachen. Ohne Geld, ohne Eintrittskarte und in der Hoffnung, per Zufall einen Blick auf die Idole zu erhaschen oder durch die unteren Fenster zu spähen. Schlimm: „Wir haben dann auf der Treppe eine Klassenkameradin gesehen. Die wollte nicht allein hineingehen und hat für mich und meinen Kameraden Eintrittskarten an der Abendkasse gekauft.“ Elf D-Mark mal zwei – „Woher die das Geld hatte, weiß ich nicht. Das war damals viel Geld.“

Elf D-Mark kostet die Eintrittskarten zum Konzert.

In der Schützenhalle trat Ashton, Gardner, Dyke & Lieber als Vorband auf. Deep Purple kam ohne Gitarrist Ritchie Blackmore auf die Bühne, der wegen einer Erkrankung abgereist war. Die Band spielte trotzdem, dann eben zu viert. Aber Sänger Ian Gillan konnte nach wenigen Titeln nicht mehr singen – „der hatte angeblich eine Mandelentzündung“, so der Lüdenscheider. Die verbliebenen Musiker spielten ein Instrumentalstück, dann verschwanden auch sie hinter die Bühne.

„Die Leute hatten vorher die Wahl: Es gibt das Geld zurück, oder man nimmt in Kauf, was geboten wird.“ Daran erinnert sich Edgar Schlimm noch gut. Das Ergebnis sei dann ja nicht so begeisternd gewesen: „Damals gab es noch Flaschenausschank, und in der Schützenhalle wurde geraucht. Die Flaschen müssen geflogen sein, aber da waren wir schon weg. Wir mussten nach Hause, meine Mutter wusste nicht einmal, dass ich bei dem Konzert war“, ist ihm der Ärger daheim noch in guter Erinnerung.

2000 junge Lüdenscheider pilgerten vor 50 Jahren zur Schützenhalle, um ihre Idole zu sehen.

„Vor der Bühne bildete sich ein großer Kreis, die ersten Flaschen landeten auf dem Boden. Als dann die erste Flasche in die Orgel von John Lord flog, brachen alle Dämme: Ein Flaschenhagel ging auf der Bühne nieder. Dann gelangten einige Besucher auf die Bühne und traten auf die großen Lautsprecherboxen ein. Schließlich wurden die Boxen von der Bühne geworfen und von den aufgebrachten Fans zertreten. Wegen des abgebrochenen Auftritts zahlte ,Gotti’ Schumann der Band nur die Hälfte der vereinbarten Gage von 16 000 D-Mark, schreibt Zeitzeuge Klaus Tiedge in dem Buch von Simon und Nürenberg. Der Sachschaden an Halle und Instrumenten wurde auf 45 000 D-Mark taxiert. Sechs Besucher wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Insgesamt, so fassen Simon und Nürenberg zusammen, stellten die Randalierer aber nur einen kleinen Teil des Publikums dar. Die Polizei, die vor der Halle postiert war, hatte nicht eingegriffen, damit die Situation nicht eskalierte.

Deep Purple hört Edgar Schlimm heute nur noch selten, sein Musikgeschmack hat sich mit den Jahren geändert. Aber weder Platten noch Plattenspieler gibt er her: „Ich hab die alle noch, aber ich reite nicht auf der alten Schiene herum.“

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