Eine Stadt im Bombenhagel

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„Debakel auf Soest“ von Eberhard Viegener

LÜDENSCHEID -  Eines der Prunkstücke der Ausstellung „Anpassung – Überleben – Widerstand“, die am vergangenen Wochenende in der Städtischen Galerie eröffnet wurde – wir berichteten – ist Eberhard Viegeners Werk „Debakel auf Soest“, 1945 in Öl entstanden, gut 1,40 Meter mal knapp zwei Meter groß und im Kunstbesitz der Stadt Soest.

Viegener war um 1920 einer unter vielen modernen Künstlern. Er fertigte Stadtansichten an, allerdings nicht die üblichen. Seine Grafiken zeigten dynamische Linien, abstrakte Flächenelemente, harte schwarz-weiße Kontraste – von den einen gern gesehen und viel gelobt, von anderen als exaltierte Übersteigerung betitelt. Bis zum Ende der 1920-er-Jahre malte Viegener moderne Avantgardekunst. Später zwangen ihm die Nationalsozialisten eher konventionelle Kunst auf, die allgemein akzeptiert wurde und die der Maler ausstellen durfte. Da Viegener mit einer halbjüdischen Frau verheiratet war, baute er zwischen sich und den Nationalsozialisten eine vorsichtige Distanz auf. Er wollte mit seiner Kunst für sich und seine Familie den Lebensunterhalt verdienen und passte sich, wie viele seiner Künstlerkollegen, der offiziellen Kunstauffassung an – allerdings nur äußerlich, innerlich war der Künstler lange schon emigriert.

Landschaftsbilder aus der Soester Börde oder auch aus dem Sauerland entstanden während der Nazizeit, beschaulich, naturalistisch, unverfänglich, neusachlich. Gemalt wurde, was man sehen konnte, gleichwohl der Künstler selbst nicht viel von seinen Werken hielt. Er fand sie leblos, aber immerhin konnte er mit seiner neutralen, aber offiziell tolerierten Kunst seine Familie ernähren.

Auch wenn das Motiv „Debakel auf Soest“ die Bombadierung der Stadt Ende 1944 zeigt, so wirkt das Bild wie eine Abrechnung Viegeners mit der Nazizeit, eine am Kubismus orientierte Bildsprache und die Besinnung des Künstlers auf seine früheren Werke.

Die Ausstellung beschäftigt sich insgesamt in mehr als 100 Werken mit westfälischen Künstlern, die mit Beginn des Nationalsozialismus für sich entscheiden mussten, ob sie sich den neuen Machtverhältnissen anpassen, in den Widerstand oder ins Ausland gehen wollten. Zu den in Lüdenscheid geborenen bildenden Künstlern gehören, so der Lüdenscheider Kunstkenner Helmut Pahl, auch Max Loviscach (1911-1956) und Hans Pels-Leusden (1904-1993). Loviscach habe, so Pahl, im Herbst 1934 gemeinsam mit seinem Vater im Lüdenscheider Verkehrsamt ausgestellt. Hans Pels-Leusden hingegen habe während der NS-Zeit Ausstellungsverbot erhalten. Seine Werke gingen 1941 im Bombenhagel auf Berlin unter. Pels-Leusden arbeitete nach dem Ende des Krieges in Berlin als Maler und Galerist.

Die erste öffentliche Führung durch die Ausstellung übernimmt am Sonntag (15 Uhr) Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen. Der Eintritt kostet vier, ermäßigt zwei Euro plus einen Euro Kosten für die Führung. Die Galerie hat jeweils mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. - rudi

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