Freispruch im Beleidigungs-Prozess

Dashcam-Aufnahme sorgt möglicherweise für klassisches Eigentor

In Mainz ist ein Streit zwischen zwei Autofahrern gewaltsam eskaliert. (Symbolbild)
+
Ein Autofahrer erstattete nach einem Beinaheunfall Anzeige wegen Beleidigung. Eine Dashcam wurde ihm allerdings zum Verhängnis.

Statt genüsslich der Verurteilung seines Gegners bei einem Beinaheunfall zuzuschauen, muss ein Autofahrer aus Balve sich nun selbst einem Ermittlungsverfahren stellen: Wegen des Vorwurfs der falschen Verdächtigung.

Lüdenscheid - Der Mann (42) aus Balve fühlte sich brüskiert. Gut, er hatte einem Autofahrer am 18. Februar kurz vor der Worthkreuzung auf der Lennestraße mit einem abrupten Spurwechsel die Vorfahrt geklaut. „Und ich wollte mich entschuldigen.“ Doch der andere habe ihn durchs offene Fahrerfenster mehrfach als „Wichser“ und „Hurensohn“ beschimpft.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohner72.313 (31. Dez. 2019)

Da erstattete er Strafanzeige wegen Beleidigung gegen den 45-Jährigen Werdohler. Der bestreitet den Vorwurf.

Vorwurf der falschen Verdächtigung: Dashcam-Aufnahme sorgt möglicherweise für klassisches Eigentor

Der Schuss geht für den Anzeigeerstatter nach hinten los. Denn Strafverteidiger Dominik Petereit hat einen Trumpf im Ärmel. Zwar hat ihn sein Mandant für den Strafprozess bei Amtsrichter Andreas Lyra mit einer Vollmacht ausgestattet und ist zu Hause geblieben.

Dafür hat der Rechtsanwalt etwas anderes in den Gerichtssaal mitgebracht. Eine kleine Lautsprecherbox, „die habe ich für die Verhandlung extra meiner Tochter geklaut“. Und dazu Bild- und Tonaufzeichnungen einer Kamera, der sogenannten Dashcam aus dem Wagen des Angeklagten.

Die sprang nämlich automatisch an, als es zu dem Beinaheunfall kam. Petereit, Lyra und die Staatsanwältin gruppieren sich maskiert um die Box und hören sich die Tonspur an. „Hallo, pass auf!“ ist zu hören, „Junge Junge“ auch und ein verärgertes „Mein Gott“.

Der Richter stellt fest: „Was völlig fehlt, ist die Passage mit ‘Wichser’.“ Anzeichen für eine Manipulation der Aufnahme gibt es nicht. Im Hintergrund läuft Musik aus dem Radio – ohne akustische Brüche.

Beleidigungen nach Beinaheunfall? Dashcam-Aufnahme sorgt möglicherweise für klassisches Eigentor

Der Mann aus Balve tritt in den Zeugenstand. Und bleibt bei seiner Geschichte. Und fügt hinzu: „Bei dem Wort ‘Penner’ hätte ich einen Haken dran gemacht.“ Aber über diese Beleidigungen habe er sich richtig geärgert. Davon rückt er auch nicht ab, als Richter Lyra sagt: „Es ist nicht ein einziges Mal das Wort ‘Wichser’ zu hören. Das ist mehr als irritierend.“

Petereit plädiert: „Das reicht nicht für eine Verurteilung.“ Die Staatsanwältin: „Der Tatnachweis ist nicht zu führen.“ Es wird ein blütenreiner Freispruch. Gegen den Mann aus Balve wird jetzt ermittelt, wegen falscher Verdächtigung. Die Anklägerin: „Die Justiz lässt sich nicht vor den Karren spannen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare