Missbrauchsskandal

Immer mehr Opfer melden sich - aus Kinderheimen

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Das Bistum Essen bestätigt acht Missbrauchsfälle im Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid im Jahr 2019.

Es gibt deutlich mehr Opfer von sexuellen Übergriffen durch Geistliche im Bistum Essen als zunächst bekannt. Das bestätigt ein Bistumssprecher auf Anfrage unserer Zeitung. Nach der ersten Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Jahr 2018 hätten sich viele weitere Opfer gemeldet.

Lüdenscheid/Märkischer Kreis – Vor fast drei Jahren hatte das Bistum eine umfassende Studie über sexuellen Missbrauch durch Geistliche vorgelegt. Demnach wurden zwischen 1946 und 2014 im Bistum Essen 60 mutmaßliche Täter identifiziert. Das Gutachten nannte damals eine Opferzahl von 85. Nachdem öffentlich über die Studie berichtet wurde, stieg die Zahl deutlich an.

Immer neue Opfer meldeten sich bei den eigens eingerichteten Anlaufstellen im Bistum. Sie berichteten von traumatischen Kindheits- und Jugenderlebnissen, verursacht durch Männer der Kirche. In vielen Fällen, sagt Bistumssprecher Ulrich Lota, seien die Täter bereits bekannt gewesen. Sie tauchten schon in der Missbrauchsstudie auf. Es habe nur wenige Hinweise auf neue Tatverdächtige gegeben.

Die Zahl der Betroffenen aber stieg stark an, vor allem aus inzwischen geschlossenen Kinderheimen von Ordensgemeinschaften, wie Lota erklärte. Tatverdächtig sind Ordensangehörige. Mindestens 122 Opfer sexualisierter Gewalt – wie es heute heißt – sind dem Bistum inzwischen bekannt. Dabei handelt es sich nur um die Opfer, die noch leben. Die Gesamtzahl ist nicht bekannt. Ob sich auch weitere Betroffene aus dem Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid gemeldet haben, blieb unklar.

Das Bistum Essen hatte 2019 acht Fälle im heimischen Kreisdekanat bestätigt, in denen Geistliche Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht hatten. Aktenkundig gewordene Missbrauchsfälle von drei Opfern wurden einem Angehörigen einer katholischen Ordensgemeinschaft zugeordnet. Hinweise auf Missbrauch fanden sich auch in den Personalakten von zwei durch das Bistum entsandte Priester, unter anderem in Lüdenscheid. Zudem wurden drei Mitarbeiter aus der Jugendarbeit aufgrund von Einträgen in den Personalakten beschuldigt, sich an drei minderjährigen Opfern vergangen zu haben. Die Übergriffe liegen teils Jahrzehnte zurück.

Zuletzt hatte das Bistum die 122 namentlich bekannten Opfer angeschrieben und zu einem Treffen mit Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck eingeladen. Mehr als 40 Frauen und Männer folgten der Einladung in die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim/Ruhr. Overbeck dankte den Anwesenden für die Bereitschaft zum Dialog. „Es ist sicher sehr schwer, einer Institution Vertrauen zu schenken, die Ihr Vertrauen einst schändlich missbraucht hat und deren Vertreter schreckliche Verbrechen begangen haben“, wird der Bischof zitiert. Er entschuldigte sich bei den Opfern im Namen der Kirche.

Hintergrund des Treffens ist die geplante Einrichtung eines Betroffenenbeirates, um den Opfern in der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche eine Stimme zu geben. So ist es vereinbart zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Bis Ende Juli können Betroffene ihre Bereitschaft zur Mitarbeit im Betroffenenbeirat im Bistum Essen noch erklären.

Kontakt

Der Stabsbereich Prävention und Intervention im Bistum Essen ist erreichbar unter der Telefonnummer (02 01) 22 04 23 02 49.

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