„Das ist alles gut so!“

Lüdenscheid - Da komme ja ein „nicht unerheblicher Freiheitsentzug“ auf ihn zu, sagt Amtsrichter Thomas Kabus zu dem Angeklagten – und bemüht sich um einen beruhigenden Tonfall. Doch der 32-Jährige wirkt gelassen. „Ich möchte möglichst schnell in Haft! Was habe ich denn sonst für Möglichkeiten?“

Angesichts seines Vorstrafenregisters, der Drogenkarriere und der neuen Anklage liegt die Antwort nahe: Keine. Neben Verteidiger Axel Grüber sitzt ein Wrack – abgemagert, schwitzend, arbeits- und obdachlos, ganz unten, am Ende. Und – immerhin – einsichtig und reumütig.

Der Heroinsüchtige wurde in diesem Jahr mehrfach mit Drogen in der Hosentasche aufgegriffen. Einmal erwischte ihn ein Mitarbeiter des Jobcenters beim Heroinkonsum auf dem Klo. „Das stimmt“, sagt der Angeklagte. Das Gericht wertet es als Geständnis. Und dass er im Saturn-Markt Sicherungskabel von Tablet-PCs abmontiert und Alarm ausgelöst hat – „ist wohl auch richtig“.

Wie er aber mit dem Ladendetektiv umgegangen ist, das veranlasst Richter Kabus doch noch zu einer Zeugenvernehmung. Der 36-Jährige erinnert sich detailreich an den Einsatz, und das aus gutem Grund. Man kennt sich. „Er wohnte in meiner Nachbarschaft“, sagt der Familienvater.

Als er den Verdächtigen nach dem Diebstahlsversuch mit einem Kollegen von der Rolltreppe und ins Büro zerrte, hagelte es nicht nur ein paar Schläge gegen den Sicherheitsmann, sondern auch Drohungen. „Er sagte, er weiß, wo ich wohne und er kennt meine Arbeitszeiten.“ Und er habe angekündigt, seine Frau und seinen Sohn umzubringen. „Wir konnten den Kleinen nicht mehr zum Spielen rauslassen.“

Die Gelassenheit des Angeklagten lässt bei dieser Aussage spürbar nach. Er bittet den Detektiv um Entschuldigung. Ja, ihm sei klar, dass das falsch war und er ein Bewährungsversager sei. „Aber wenn ich Drogen brauche, ist mir alles andere egal.“ Jetzt wolle er möglichst zügig ins Gefängnis, „und dann beende ich die Sache hier in Lüdenscheid“. Wohin er danach gehe, so der gebürtige Hamburger, wisse er nicht. Richter Kabus: „Leben Ihre Eltern noch?“ Der Angeklagte unter Tränen: „Weiß ich nicht.“

Für die Taten verurteilt ihn das Gericht zu einem Jahr ohne Bewährung. Nach einem Betrugsverfahren warten noch sechs Monate zusätzlich auf ihn. Und eine weitere Strafe, ausgesprochen von einem Berliner Gericht, ist auch noch zu verbüßen. Der Verurteilte: „Das ist alles gut so!“

Olaf Moos

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