Für ein "Durchschnittsabitur"

Schüler aus dem MK wehren sich gegen Abiturprüfungen in diesem Jahr

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Ann-Sophie Kemmerling fordert die Aussetzung der Abiturprüfungen in diesem Jahr.

Lüdenscheid – Die Welt im Ausnahmezustand und mittendrin 88 000 Schülerinnen und Schüler in NRW, die nicht nur Angst um ihre Gesundheit haben, sondern auch noch ein Abitur zu bestehen haben. Eine von ihnen ist Ann-Sophie Kemmerling, Schülerin an der Adolf-Reichwein-Gesamtschule.

Ihre Reaktion, als sie erfahren hat, dass sie nicht wie vorgesehen nach den Osterferien, sondern erst drei Wochen später, ab dem 12. Mai, in die Abi-Prüfungen gehen soll: „Ein Unding. Ich halte diese Entscheidung von der Regierung für verantwortungslos und ungerecht den Schülern gegenüber“, sagt die 19-Jährige.

Mit ihrer Meinung steht sie nicht alleine da, macht sie deutlich. Denn wie sie sitzen auch ihre Mitschüler derzeit zu Hause und bereiten sich auf die Prüfungen vor. Deutsch, Mathe, Erdkunde und Latein stehen bei Ann-Sophie Kemmerling auf dem Lernplan. Nicht gerade einfache Fächer. „Und bei den meisten fehlt uns einfach die nötige Vorbereitung aus der Schule“, sagt sie. 

Coronavirus im MK: Abiturthemen müssen selbstständig erarbeitet werden

Themen, die noch nicht behandelt wurden und jetzt selbstständig erarbeitet werden müssen, sind da noch das geringste Problem. „Wir halten per Mail Kontakt zu unseren Lehrern, bekommen Aufgaben und dann die entsprechenden Lösungen, aber man kann nicht ‚mal eben‘ Fragen stellen und so im Stoff weiterkommen“, bemängelt sie. Möglich sei dies bei ihr einzig für das Fach Latein. „Da machen wir Unterricht per Skype – was auch nicht immer reibungslos funktioniert.“ Aber das habe dann weniger inhaltliche als technische Ursachen. 

Zwar gewinnen die Abiturienten mit der Entscheidung der Landesregierung drei Wochen Zeit für die Vorbereitung auf ihre Prüfungen, doch das reiche, so Kemmerling weiter, auf keinen Fall aus. „Wir wissen ja jetzt auch noch gar nicht, wie lange das mit der Pandemie dauern wird.“ 

Dazu kommt für sie und ihre Mitschüler noch ein weiteres Problem und das wiegt sogar noch schwerer: „Wer kann uns garantieren, dass wir uns bei den Prüfungen nicht mit dem Virus anstecken und wer übernimmt die Verantwortung, wenn dadurch Schlimmeres passiert?“, fragt sie. 

Sorge um Gesundheit wegen des Coronavirus im Märkischen Kreis

Ihre Sorge gilt dabei wegen des Coronavirus im Märkischen Kreis nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern auch der ihrer Mitschüler: „Wir haben allein in unserem Jahrgang etwa zehn Schüler, die zur Risikogruppe gehören und unter chronischen Krankheiten, wie zum Beispiel Asthma leiden“, sagt sie. Und: „Die Regierung macht es sich leicht, die müssen ja nicht in den Räumen sitzen und sich dem Risiko aussetzen.“ 

Ann-Sophie Kemmerling, aber auch viele andere Schüler ihres Jahrgangs, hätten sich gewünscht, dass NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor der Entscheidung das Gespräch mit den Abiturienten gesucht hätte. „Ich dachte, wir leben in einer Demokratie und wir als Betroffene sollten da doch als Erstes gefragt werden, was wir davon halten“, sagt sie. 

Hätte die Schulministerin das getan, hätte sie erfahren, welche Lösung der Gesamtschülerin und ihren Mitabiturienten vorschwebt: „Wir wollen ein Durchschnittsabitur und das die Prüfungen ausfallen“, sagt Kemmerling. Bei einem solchen Durchschnittsabitur werden die Noten aus der Qualifikationsphase zusammengerechnet und daraus dann Durchschnittsnoten gebildet. 

Ein Wunsch, mit dem die Gesamtschüler nicht alleine dastehen. Auch im Nachbarkreis Soest halten Schülerinnen und Schüler die Abitur-Prüfungen für „moralisch nicht vertretbar“. Und unter change.org wurde jetzt sogar eine deutschlandweite Petition gegen die geplanten Abiprüfungen gestartet. „Wir fordern: Keine Abitur-Klausuren in 2020!“, ist da zu lesen. 

Wegen Coronavirus: "Keine Abitur-Klausuren in 2020"

Bis Dienstagmorgen hatten mehr als 130 000 Menschen diese Petition unterschrieben. Auch der Lösungsansatz der Hamburger Abiturienten Paul Gringel und Filippa Steffens, die die Petition gestartet haben, ist das Durchschnittsabitur. Und sogar für die Notenverbesserung und somit einen bessern Schnitt, haben sie einen Vorschlag: „Bei einer erwünschten Verbesserung der Note, kann eine mündliche Leistung in einem der vier bereits gewählten Prüfungsfächer erbracht werden (zum Beispiel per Online-Videocall), und wie in den Vorjahren als mündliche Prüfung mit einberechnet werden.“ 

Ann-Sophie Kemmerling und ihre Mitschüler haben die Petition längst unterschrieben. Was sie letztendlich bringen wird, ist ungewiss. Für die Ministerin ist das Thema erst einmal vom Tisch. Trotzdem kennt sie die Petition der Abiturienten, aber auch eine Gegenpetition einer Gruppe von rund 2000 Schülern, die sich für die Durchführung der Abiturprüfungen ausgesprochen haben. 

Im geplanten NRW Notstandsgesetz ist zwar geplant die Abschlüsse an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen auszusetzen, das Sitzenbleiben auszusetzen und Prüfungsregeln an Unis zu lockern – das Abitur findet hier aber keine Erwähnung. Jetzt laufen die Osterferien und damit eigentlich die heiße Phase der Vorbereitung für die Prüflinge. 

„Zu den gesundheitlichen Punkten kommt dann auch noch der psychische Druck, dem wir momentan ausgesetzt sind. Wir Schüler können uns gar nicht richtig auf unser Lernen konzentrieren“, sagt Kemmerling. Dabei haben sie und ihre Mitstreiter nur zwei Wünsche: „Ein faires Abitur bekommen und vor allem gesund bleiben!“

Alle Nachrichten zum Coronavirus im Märkischen Kreis lesen Sie in unserem Newsticker.

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