Doch inzwischen wurden viele Maßnahmen durchgesetzt

Coronavirus: Mikrobiologe war im März bei Hygiene-Kongress dabei: "Wir haben es im Kreis Heinsberg nicht geschafft..."

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Hygienemaßnahmen sind essenziell, sagt der Mikrobiologe.

Lüdenscheid – In kurzer Zeit haben sich die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus enorm verschärft. Anfang März trafen sich Experten auf einem Hygiene-Kongress in Leipzig und sprachen dort auch über die Entwicklung der Infektionsrate in Deutschland und der Welt. Unter ihnen ein Ex-Lüdenscheider.

„Seitdem hat sich so viel verändert“, sagt der Mikrobiologe Dr. Patrick Mester, der selbst am Kongress teilnahm. Der ehemalige Lüdenscheider absolvierte 2002 sein Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Seit mehreren Jahren ist er an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien tätig. 

Was die Kongressteilnehmer besonders beschäftigte: „Es ist krass, was die Chinesen durchgezogen haben, etwa Metropolen abzuschotten. Die Frage war: Schaffen wir das auch?“ Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Robert-Koch-Instituts (RKI) waren sich laut Mester bei der Tagung noch sicher: „Nein. Es hieß: Wir haben es im Kreis Heinsberg nicht geschafft, das wird wahrscheinlich auch anderswo nicht klappen.“ 

"Wir sind alle für das Virus empfänglich"

Doch seitdem sind viele Maßnahmen durchgesetzt worden, zuletzt auch das Kontaktverbot. „Es geht darum, zu verhindern, dass das System kollabiert. Man geht davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent infizieren werden, wir sind alle für das Virus empfänglich, es gibt keine Immunität“, sagt der Mikrobiologe. 

Wichtig sei nur, dass die Kurve abflache, sich nicht alle in diesem rasanten Tempo infizieren. „Die Verdopplungsrate muss herabgesenkt werden.“ Zum Zeitpunkt des Kongresses sei es vor allem um den Infektionsverlauf in China und Italien gegangen sowie um die Konsequenzen in Europa. Das hat sich seitdem drastisch verändert. 

Vergleichsweise wenige Fälle in anderen Ländern

„In kurzer Zeit ist so viel passiert – eigentlich hätte auch diese Tagung schon nicht mehr stattfinden dürfen. Nur einige Gruppen meldeten sich ab, darunter die RKI-Mitarbeiter und Krankenhauspersonal. Sie wurden per Video zugeschaltet. Da gab es noch verhältnismäßig wenige Fälle – eine Woche später sah das schon ganz anders aus.“ 

Der Infektionsverlauf ist nicht in allen Ländern gleich, einige schaffen es sogar, ihn vergleichsweise gering zu halten: „In Japan gibt es trotz seiner Nähe zu China und der alten Population zum Beispiel weniger Fälle als in Österreich. Die Einschränkungen dort sind inzwischen auch schon wieder geringer“, sagt Mester. 

Sein Eindruck: „Ich habe ein paar Freunde in Japan – dort verhalten sich die Menschen anders, das Thema wird ernster genommen. Generell ist die Kultur aber auch eine andere, die Menschen sind zurückhaltender. Das ist ein Klischee, aber das stimmt auch.“ 

"Können die Mittel nicht einfach übernehmen"

Japan und Deutschland seien nicht miteinander vergleichbar, „wir können die Mittel nicht einfach übernehmen. Aber grundsätzlich ist der Umgang miteinander viel Wert“. Interessant sei die Frage: „Wie sieht das in ein, zwei Jahren aus? Was nehmen wir aus dieser Zeit mit, und wird sich etwas ändern?“ 

Ein Beispiel: „In Japan ist das Tragen von Atemschutzmasken Usus. Dabei geht es seltener um den eigenen Schutz als darum, andere nicht zu infizieren, wenn man selbst krank ist. Es gilt sogar als unhöflich, wenn man krank ist und keine Atemmaske trägt – um Kranke und Ältere zu schützen. Und das hilft natürlich.“ 

Konsequenzen für das alltägliche Leben

Hygienemaßnahmen seien essenziell: „Das geht schon bei der Nies-Etikette los – andere Länder haben das schon länger deutlich besser drauf. Dabei geht es auch darum, sich in diesen Zeiten und generell bei Krankheitssymptomen entsprechend zu verhalten, nicht jeden in den Arm zu nehmen oder zu küssen. Ich weiß natürlich nicht, wie groß dieser Faktor ist, aber ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, ist wichtig.“ 

Denn nach wie vor halten sich viele Menschen nicht an vorgeschriebene Maßnahmen, was zwangsläufig weitere Konsequenzen für das alltägliche Leben zur Folge hat. „Bei uns ist es verboten, in Gruppen über fünf Personen unterwegs zu sein, fast alles ist geschlossen. Man geht zwar noch raus, aber trifft keine Freunde mehr. 

Lesen Sie mehr zur Entwicklung des Coronavirus im MK in unserem News-Ticker

Ich wohne in einer Wohngemeinschaft. Wir sind zu dritt und haben zum Beispiel darüber gesprochen, ob es für die anderen überhaupt in Ordnung ist, dass wir unsere Partner weiterhin treffen. Das ist es zwar, aber ein Pärchen in meinem Freundeskreis hat entschieden, dass sie sich vorerst nicht mehr sehen werden.

Am meisten merkt man, dass man seine Freunde nicht mehr trifft. Für Leute, die alleine wohnen, ist das noch schwieriger. Das wird keine leichte Zeit für uns alle.“

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