Interview mit Geschäftsführer Dr. Thorsten Kehe

Corona beschert Märkischen Kliniken  siebenstelliges Defizit

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In Lüdenscheids Süden: Der beeindruckende Komplex des Klinikums.

Lüdenscheid – Als unmittelbare Folge der Corona-Krise müssen sich die Märkischen Kliniken auf ein siebenstelliges Defizit Ende des Jahres einstellen. Darüber – und über künftige Besuchsregelungen – sprach Willy Finke mit Dr. Thorsten Kehe, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung des Unternehmens. Zu den Märkischen Kliniken gehören unter anderem das Klinikum Lüdenscheid und die Stadtklinik Werdohl.

Herr Dr. Kehe, werden zurzeit noch Corona-Patienten im Klinikum behandelt? 

Dr. Thorsten Kehe: Nein, zurzeit haben wir keine mit dem Virus infizierten Patienten. 

Dann ist die 1. Etage des Hauses jetzt nicht mehr eine reine Corona-Etage? 

Richtig. Sie ist jetzt teilweise wieder anders belegt. Hier handelt es sich aber um ein sehr dynamisches Geschehen. Allmählich werden die Auflagen ja gelockert, und es soll in einen neuen Normalbetrieb zurückgekehrt werden. Ich sage bewusst „neu“, weil ich das nicht mit den alten Maßstäben messen würde. 

Wie geht das vonstatten? 

Wir passen unsere Bettenkapazitäten fortlaufend an – aber immer vor dem Hintergrund, dass wir auch genügend Reserven haben, falls wieder mehr Infektionen auftreten. 

Stehen Ihnen denn zurzeit alle Betten auf allen Stationen zur Verfügung? 

Nein, insgesamt haben wir für alle Patienten, also auch Corona-Infizierte, eine Bettenkapazität von 80 Prozent des Normalbestandes. 

Wo sind die restlichen 20 Prozent hin? 

Die sind natürlich noch da. Aber wir haben durch die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen, die Besetzung unserer Checkpoints und die Doppelbesetzung bestimmter Bereiche einfach nicht das Personal, um alle Betten zu betreiben. 

Gilt das auch für die Stadtklinik Werdohl? 

Im Prinzip ja. Allerdings haben wir für Werdohl festgelegt, dass dieses Haus unbedingt coronafrei bleiben soll. 

Wie können Sie das erreichen? 

Patienten, die in Werdohl ankommen, aber verdächtig sind, vom Coronavirus befallen zu sein, werden sofort nach Lüdenscheid gebracht. Lüdenscheider Patienten, die zum Beispiel in die Geriatrie nach Werdohl sollen, werden erst nach einer negativ verlaufenen Testung nach Werdohl verlegt. 

Wie sieht die bisherige Coronapatienten-Statistik des Klinikums aus? 

Wir hatten 57 Patienten insgesamt, davon mussten 22 intensivmedizinisch behandelt und von diesen Menschen 19 beatmet werden. 14 Patienten sind leider verstorben. 

Gab es unter den Mitarbeitern der Märkischen Kliniken Corona-Erkrankte? 

Ja, fünf Mitarbeiter erkrankten, von denen sich allerdings niemand im Dienst angesteckt hatte. 53 unserer Mitarbeiter wurden als Kontaktpersonen in Quarantäne gesteckt. 

Gab es in Ihrem Hause einen Corona-Krisenstab? 

Ja, wir haben gleich zu Beginn einen Krisenstab gebildet. Ihm gehören unter anderem die Geschäftsführung, der Ärztliche Direktor, der Leitende Intensivmediziner, der Leiter der Notaufnahme, die Pflegedirektion, aber auch zum Beispiel die Leiter des Einkaufs und der Apotheke an. Dieser große Krisenstab besteht aus ungefähr 15 Mitarbeitern. Dann gibt es noch einen Kern-Stab, der aus Geschäftsführung, Ärztlichem Direktor, Pflegedirektorin und dem Leiter der Notaufnahme besteht. 

Wie oft tagen Sie? 

Anfangs täglich. Nach einigen Wochen sind wir auf dreimal wöchentlich zurückgegangen und treffen uns jetzt im Wochenrhythmus. 

Patientenbesuche sind in Ihren Häusern derzeit nur unter sehr eng gefassten Bedingungen möglich. Wird sich das ändern? 

Wir arbeiten daran, in der nächsten Woche eine etwas gelockerte Besuchsregelung an den Start zu bringen. Dies geschieht in Absprache mit dem Gesundheitsamt des Märkischen Kreises. Ziel ist es, die Besuchsmöglichkeiten zu erweitern, ohne dabei unsere Kontrollmöglichkeiten zu überfordern. Wir müssen unbedingt darauf achten, dass kein Besucher das Virus ins Haus trägt. 

Dr. Thorsten Kehe

Wie wird das gehen? 

Die Besucher werden weiterhin gescreent werden. Außerdem müssen wir ihre Daten erheben, um im Falle einer Infektion die Nachvollziehbarkeit der Infektionsketten zu gewährleisten. Besucher werden unsere Häuser auch nur zu bestimmten Zeiten und in einer genau festgelegten Höchstanzahl betreten dürfen. 

Besuchsmöglichkeiten von morgens bis abends – wie vor Corona – stießen ja gar nicht bei allen Patienten und bei allen Mitarbeitern auf Zustimmung. Mancher wünschte sich durchaus etwas mehr Ruhe. Können Sie sich vorstellen, dass gewisse Einschränkungen auf Dauer bestehen bleiben? 

In der Vergangenheit fanden die Besuche nicht unbedingt zu unseren Kernarbeitszeiten statt. Das war also kein großes Problem, und auch die überwiegende Anzahl der Patienten profitierte von den Besuchen. Es gibt natürlich Situationen, in denen recht viele Besucher kommen. Das ist dann schon recht störend für den Nachbarpatienten oder den Arbeitsablauf auf der Station. Da haben wir auch in der Vergangenheit schon um Rücksichtnahme gebeten. 

Also wird nach Corona wieder alles sein wie vor Corona? 

Dem spricht nichts entgegen. Wir wissen aber alle noch nicht, wie die Nach-Corona-Zeit überhaupt aussehen wird. Es kann durchaus sein, dass für Unternehmen der Gesundheitsbranche bestimmte Restriktionen weiter gelten werden. Diese Freiheit bei der Besuchsregelung, wie wir sie vorher kannten, wird es vielleicht über einen längeren Zeitraum nicht mehr geben. 

Haben Sie zurzeit noch Sicherheitspersonal im Haus? 

Ja, dieses Personal benötigen wir an den Stellen im Haus, an denen wir die Kontrolle von ambulanten und stationären Patienten sowie den Besuchern mit Sondererlaubnis vornehmen. Dort werden die Personaldaten erfasst und der Patient befragt, ob er Symptome hat. Zudem wird Fieber gemessen, und es werden für die Patienten die Abstriche durchgeführt. 

Warum ist das Sicherheitspersonal dort erforderlich? 

Es herrscht, erst recht durch die zunehmende Lockerung der Einschränkungen im Alltag, immer mal wieder auch Unverständnis über die Maßnahmen, die wir bei Strafandrohung durch die Behörden verpflichtet sind einzuhalten.

Da kommt es dann zu kritischen Situationen? 

So ist das, da gibt es den einen oder anderen Konflikt. Da ist das Sicherheitspersonal besser geeignet als unser Personal, diese Konflikte auch zu entschärfen.  

Eingangs der Krise warben Sie aktiv um Ruheständler als Unterstützung – sowohl bei den Ärzten als auch bei den Pflegern. Sind sie auf Resonanz gestoßen? 

Durchaus. Aber mit der Zunahme an Informationen über das Virus kristallisierte sich ja heraus, dass gerade die alten Menschen zur Risikogruppe gehören. Je mehr Informationen wir bekamen, desto klarer wurde uns, dass das keine Alternative sein kann. 

Sie müssen immer noch starke Einschränkungen im Alltagsbetrieb der beiden Häuser hinnehmen. Lässt sich das beziffern? 

Wir haben ungefähr 20 Prozent weniger Patienten behandelt und auch etwa 20 Prozent weniger Operationen durchgeführt. 

Welche finanziellen Folgen wird das haben? 

Wir rechnen mit einem siebenstelligen Defizit. Die genaue Höhe ist noch abhängig von der Gesetzgebung. Wir haben gerade eine neue Finanzierungsrichtlinie bekommen unter Corona, die sich für uns aber nicht wesentlich von der alten unterscheidet. Im Gegenteil: Es wird sogar ein bisschen schlechter. Die wesentlichen Finanzierungsregeln reichen nur noch bis September. 

Haben Sie Hoffnung auf Besserung der finanziellen Situation? 

Im Gegenteil. Ich befürchte, dass die Bundespolitik mit zunehmender Entspannung der Corona-Lage eher restriktiv mit Zahlungen an die Krankenhäuser umgeht – vor dem Hintergrund, dass natürlich viele andere Branchen auch staatliche Hilfe einfordern. 

Und das bedeutet für die Märkischen Kliniken? 

Auch zum Jahresende werden wir unser Bettenkontingent wohl kaum ausschöpfen können. Das kann dazu führen, dass sich unser Defizit sogar noch vergrößert. Wir haben bisher keine Perspektive, ob und wie das noch aufgefangen werden soll. 

Das klingt nicht danach, dass sich das Pflegepersonal jetzt auf finanzielle Wohltaten einstellen kann?

Wir sind als Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband ein tarifgebundenes Unternehmen. Da gehört es sich eben, dass solche Dinge zwischen den Tarifparteien ausgehandelt werden. Danach haben wir uns zu richten.

Könnten Sie nicht freiwillig Zulagen zahlen? 

Vor dem Hintergrund unseres Defizits sind wir dazu gar nicht in der Lage, so sehr ich es auch befürworte, solche Zulagen zu gewähren. Wir müssen das aber refinanzieren können. Abgesehen davon möchte ich aber betonen, dass neben den Pflegekräften noch ganz viele andere Berufsgruppen ihr Bestes gegeben haben, um während der Krise die Lage stabil zu halten. 

Welches Zwischen-Fazit ziehen Sie nach der ersten Corona-Welle? 

Das Unternehmen Krankenhaus hat hoch motivierte Mitarbeiter. Wir konnten in dieser schwierigen Situationen sehr flexibel und gut organisiert reagieren. Ich habe es bewundert, wie unsere Mitarbeiter mit den Corona-Patienten umgegangen sind. Sie sind mutig, engagiert und professionell zu Werke gegangen. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern konnten in dieser Lage. 

Was war der Grund, dass Sie die Öffentlichkeit so intensiv informiert haben? 

Die Lage erschien uns so bedrohlich, dass es uns nötig erschien, so viele Informationen und Einschätzungen wie möglich auch nach draußen zu geben. Wir haben versucht, das so proaktiv und transparent wie möglich zu gestalten mit unseren „Pandemie-Updates“, über die ja auch die LN immer wieder berichtet haben. Darin nannten wir auch immer klare Zahlen. 

Wer wurde informiert? 

Ein ganz großer Kreis. Es waren hunderte Mitarbeiter, die Presse, die Aufsichtsräte, die Politik. Wir wollten eine klare Vorstellung darüber vermitteln, was wir tun und wie wir reagieren. 

Herr Dr. Kehe, wie haben Sie persönlich das letzte Vierteljahr erlebt? 

Es war sicherlich eine der größeren Herausforderungen in meiner beruflichen Karriere. Dennoch war es nicht so ein großes Problem, wie ich zunächst dachte. 

Warum? 

Weil ich nicht alleine stehe. Gemeinsam ist es uns gelungen, diese große Aufgabe zu bewältigen, weil jeder Mitarbeiter seine Aufgabe erfüllte. Auf der einen Seite war die Zeit anstrengend, andererseits aber auch sehr erfüllend, weil ich gesehen habe, was im Unternehmen möglich ist, was in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen möglich ist.

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