Erste Erfahrungen mit Covid-19 am Klinikum Lüdenscheid

Arzt kämpft um Leben von Covid-19-Kranken: "Ohne Mittelfeld und Angriff" - Interview

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Sie behandeln die schwer erkrankten Covid-19-Patienten im Klinikum Lüdenscheid: Prof. Dr. Thomas Uhlig, Leiter der Intensivstation, und sein Team.

Lüdenscheid – Im Kampf gegen das Coronavirus geht das Klinikum Lüdenscheid voran. Die Covid-19-Intensivstation in Hellersen ist die zentrale Anlaufstelle für schwerkranke Infizierte im Kreis.

  • Der Leiter der Intensivstation am Klinikum Lüdenscheid über das Coronavirus
  • Erste Erfahrungen in der Behandlung von Covid-19-Patienten
  • Das Coronvirus "macht mit den Menschen, was es will"

Prof. Dr. Thomas Uhlig ist Leiter der Intensivstation und behandelt mit seinem Team seit Ausbruch der Pandemie Covid-19-Patienten in Lüdenscheid. Der Direktor der Klinik für Anästhesie, Operative Intensivmedizin, Schmerztherapie und Rettungswesen stellte sich den Fragen unserer Zeitung. 

Wie ist die aktuelle Situation in Bezug auf Covid-19-Patienten? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Aktuell behandeln wir auf der Intensivstation 13 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung. Davon sind neun Patienten beatmet. Vier Erkrankte konnten wir mittlerweile von der Beatmung entwöhnen. Einen weiteren Patienten haben wir bereits in gutem Zustand verlegt. Alle Patienten, die beatmet sind, befinden sich auch in einem sogenannten künstlichen Koma. Maschinelle Beatmung ohne Sedierung und Schmerztherapie geht nicht.

In welchem gesundheitlichen Zustand kommen die Patienten zu Ihnen?

Prof. Dr. Thomas Uhlig: In die Notaufnahme kommen die Patienten mit den allgemein bekannten Symptomen: Husten, Fieber, Unwohlsein. Wenn sich heraus stellt, dass sich die dahinter stehende Krankheit nicht ohne intensivmedizinische Maßnahmen behandeln lässt, kommen die Patienten auf die Intensivstation. Wir entscheiden dann kontinuierlich und Fall für Fall wie wir die Therapie weiter ausweiten müssen. Erwartungsgemäß steht dann irgendwann die künstliche Beatmung zur Diskussion. Wenn das nötig ist, dann machen wir das auch; genau wie wir weitere Organe unterstützen, wenn deren Funktion gestört ist. Insgesamt können wir sagen, dass jeder Fall anders ist und wir bei jedem Menschen auf alles vorbereitet sein müssen. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Erkrankung gemacht? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Es bietet sich vielleicht ein Vergleich mit einem Fußballspiel an. Wir stehen gegen ein Virus auf dem Platz, das uns formal in allen Belangen spielerisch überlegen ist. Wir haben weder Impfstoff noch Medikamente. Wir spielen also ohne Mittelfeld und Angriff

Die Konsequenz ist, dass wir in der Verteidigung kompakt stehen müssen, jeden Zweikampf annehmen und hoffen, dass wir die Spielzüge des Gegners richtig antizipieren. Ganz ausschalten können wir die Finesse des Gegners aber nicht. Und dann hoffen wir natürlich darauf, dass irgendwann einmal genügend Sauerstoffmoleküle im eigenen Strafraum von der Lunge in die Leber gepasst werden, wodurch wieder Glukose aus der Leber freigesetzt wird, was dann dem Darm ermöglicht einen Angriff zu starten, weshalb hinten in der Abwehr dann für kurze Zeit Entlastung geschaffen wird. 

Welche Therapien haben sich bewährt? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Wir behandeln in jedem Fall Störungen von verschiedenen Organsystemen mit allen möglichen Medikamenten und Strategien. Dabei stellen wir fest, dass das Virus mit den Menschen macht, was es will. Neben der Lunge ist manchmal das Herz betroffen, manchmal die Niere, manchmal die Blutgerinnung, manchmal auch alles. Deshalb ist es auch so, dass sich im Prinzip alle gängigen Therapien einer modernen und leistungsfähigen Intensivmedizin bewähren. 

Wie gehen Patienten mit der Situation um? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Auf der Intensivstation sind die meisten Patienten beatmet. In dieser Zeit können sie sich nicht äußern. Wir geben aber alle nötigen Informationen an die Angehörigen weiter. Nach Beendigung der Beatmung stellen wir fest, dass die meisten Patienten – platt ausgedrückt – „richtig in den Seilen hängen“ und einige Zeit brauchen, bis die Lust auf Leben wieder zurückkehrt. So wie wir das von den Patienten verstanden haben, ist das wohl so ähnlich wie nach jeder schweren Grippe. 

Prof. Dr. Thomas Uhlig, Leiter der Intensivstation.

Danach normalisiert sich alles wieder Stück für Stück. Ohne jetzt ein Experte sein zu wollen, zeichnet sich ab, dass es etwa eine knappe Woche dauert, bis jemand richtig krank wird, dann etwa 10 bis 14 Tage beatmet wird, um danach weitere zwei Wochen zu brauchen, bis es halbwegs wieder funktioniert. Über Spätfolgen lässt sich gegenwärtig nur spekulieren. Es gibt auch andere Intensivpatienten neben Covid-19-Erkrankten.

Wie lösen Sie die Doppel-Belastung logistisch und personell? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Für alle Patienten, die nicht an einer Covid-19-Erkrankung leiden,finden wir immer auch ein Intensivbett. So haben wir beispielsweise im OP und im Aufwachraum zusätzliche Möglichkeiten geschaffen und diese am Wochenende auch bereits genutzt. Selbstverständlich sind auch alle Schwerverletzten versorgt worden, wobei wir dieses Jahr zu Ostern nahezu ausnahmslos Fahrradunfälle hatten, während es sonst meist Pkw- oder Motorradunfälle sind. 

Wie schätzen Sie aus medizinischer Sicht Covid-19 ein? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Das Gefühl für diese Krankheit ergibt sich aus der Nähe, die ein Mensch zu dieser Krankheit hat. Je näher wir dran sind, desto größer ist die Belastung. Aus intensivmedizinischer Sicht ist es dabei vor allem die Unkontrollierbarkeit und die Unvorhersagbarkeit von Dingen, die das Virus in den betroffenen Menschen anstellt. Natürlich finden auch wir eine besondere Krankheitsschwere bei sogenannten Risikogruppen. Trotzdem haben wir auch 20-Jährige gesehen, die ganz schwer betroffen waren und 85-Jährige, bei denen es nicht so schlimm war. 

Wie unterscheidet sich die aktuelle Situation von anderen Erkrankungswellen? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Im Vergleich zu anderen Erkrankungswellen ist es bei Covid-19 sicherlich so, dass die plötzlich aufgetretene Menge von Erkrankten und die Unberechenbarkeit der Erkrankung selbst besondere Merkmale darstellen. 

Wie nehmen Sie die Stimmung in Ihrem Team wahr? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Ganz am Anfang waren da viele mulmige Gefühle. Keiner von uns wusste genau, was da auf uns zukommt. Wir haben einfach versucht, uns auf alle Eventualitäten vorzubereiten und nicht in Panik zu verfallen. Als dann die ersten Patienten kamen, war auch Unsicherheit vorhanden, wie denn nun mit der Krankheit tatsächlich umzugehen ist. Mittlerweile hat die Kerngruppe der mit der Behandlung befassten Kollegen aber durchaus Rituale entwickelt und Sicherheit aufgebaut. Im Gegensatz zu dem, was ich oben gesagt habe, ist in diesem Kontext allerdings festzustellen, dass die Nähe zur Erkrankung aus meiner Sicht auch positive Aspekte hat. Wir stellen fest, dass wir die Patienten gut behandeln können, wenn wir uns an die vorgegebenen Regeln von Selbstschutz und Hygiene halten. Etwas weiter weg von uns sieht das durchaus anders aus. Da gibt es schon Menschen, die offen ihre Angst vor der Erkrankung aussprechen und nicht in die Behandlung einbezogen werden wollen. Das respektieren wir natürlich. 

Wie werden die Erfahrungen verarbeitet? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Unbestritten ist meiner Einschätzung nach, dass viele Verarbeitungsprozesse stattfinden. Das ist aber ein generelles Problem bei der Arbeit auf einer Intensivstation. Da versuchen viele Kollegen ihren eigenen Weg zu finden. Wenn dabei der Wunsch nach psychologischer und sozialer Hilfe entsteht, können wir das anbieten. Und schließlich gibt es auch manchmal eine aus der Unsicherheit heraus geborene Gereiztheit und Unzufriedenheit. Das müssen wir annehmen und damit umgehen. 

Was würden Sie sich wünschen? 

Prof. Dr. Thomas Uhlig: Natürlich beschleicht mich bei alledem auch die Sorge, dass die Probleme eher zunehmen, wenn die Pandemie noch viele Monate andauern wird, was ja zu erwarten ist. Wir können nur hoffen, dass wir die Kraft behalten, auch dann noch mit Volldampf und Leidenschaft bei der Sache zu sein. Das ist das, was ich mir am meisten wünsche neben der Hoffnung, dass wir alle gesund bleiben.

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