Coronavirus und die Folgen

40.000 Beschäftigten droht Kurzarbeit: Lage der Betriebe im MK "zunehmend dramatisch"

Marksu Klümper
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Märkischer Kreis – Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die heimischen Unternehmen? Im Interview sagt Gudrun Gerhardt von der IG Metall, was das Coronavirus für Betriebe und Mitarbeiter bedeutet.

Einen Überblick, wie es vor Ort aussieht, haben die Gewerkschaften durch ihren Kontakt zu vielen – aber nicht allen – Betriebsräten. Aktuell betreut die IG Metall rund 200 Unternehmen des produzierenden Gewerbes im Märkischen Kreis mit mehr als 40.000 Beschäftigten. 15.000 davon sind Mitglied der IG Metall. Wir sprachen mit der Ersten Bevollmächtigten, Gudrun Gerhardt. 

Wie ist die aktuelle Situation der Betriebe im Märkischen Kreis? 

Gudrun Gerhardt: Für unsere Region mit starker Ausrichtung auf die Automobilzulieferindustrie würde ich die Situation als zunehmend dramatisch betrachten. Wie viele Unternehmen sind betroffen? Am Ende des Tages werden wahrscheinlich einhundert Prozent der Betriebe betroffen sein. Aktuell sind es weit mehr als zwei Drittel der Unternehmen. Es gibt Kurzarbeitsvereinbarungen im weit überwiegenden Teil unserer Betreuungsbetriebe. Nicht alle arbeiten schon in Kurzarbeit, aber die Vereinbarungen sind größtenteils überall abgeschlossen. Es gibt ganz wenige, die im Moment noch in Gesprächen sind. Ein paar wenige „Exoten“ fahren noch Volllast. 

Rechnen Sie damit, dass weitere Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken?

Gudrun Gerhardt: Ja, die meisten haben Probleme mit der Unterbrechung der Lieferketten beim Vormaterial oder sie können nicht ausliefern, weil die Grenzen in Europa – mit Ausnahme von Belgien und den Niederlanden – geschlossen sind. Es fehlen insbesondere Komponenten aus Osteuropa und Norditalien. Das ist aber nur ein kleinerer Teil der betroffenen Betriebe. Ein Großteil der Unternehmen ist direkter Zulieferer für die Automobilindustrie, und wenn die Hersteller die Produktion stoppen, werden auch von den Zulieferbetrieben keine Teile abgenommen. 

Welche Branchen trifft es am härtesten?

Gudrun Gerhardt: Besonders die Automobilzulieferindustrie ist stark betroffen. Wir haben ja auch andere Bereiche wie die Elektroindustrie, die für das Baugewerbe arbeiten. Da wirkt es sich im Moment noch nicht so stark aus. Diese Betriebe haben noch zu tun. Aber auch hier sind die Folgen unterschiedlich, je nach dem welche Komponente man herstellt und welche Vormaterialien man benötigt. 

Wie nehmen Sie die Stimmung in den Belegschaften wahr? 

Gudrun Gerhardt: Wir stellen in Anrufen und E-Mails eine starke Besorgnis bei den Beschäftigten fest. Ich glaube, die Besorgnis ist besonders groß in Betrieben, in denen die Kommunikation vielleicht nicht ganz optimal läuft. Ich denke, dass die Beschäftigten, die gut informiert sind, die darüber Bescheid wissen, wie zum Beispiel Kurzarbeit abläuft und im glücklichsten Fall durch ihren Betriebsrat eine Aufstockung beim Kurzarbeitergeld erreichen konnten, etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken als diejenigen, die in Bereichen arbeiten , die nicht so stark und gut vergütet werden und deshalb größere Existenzsorgen haben. 

Was bedeutet das für die Beschäftigten, wenn ihr Arbeitgeber Kurzarbeit anmeldet?

Gudrun Gerhardt: Es gibt derzeit durchaus Betriebe, die Kurzarbeit null fahren. Das bedeutet: Der gesamte Betrieb ist geschlossen. Derzeit schätze ich den Anteil auf 20 Prozent unserer Betriebe. Wer Kurzarbeit null hat, bekommt nur 60 beziehungsweise mit Kindern 67 Prozent vom letzten Netto. Das ist für den einen oder anderen auch sehr schnell ein größeres Problem, wenn keine zusätzlichen Einkünfte oder Reserven zur Verfügung stehen. Wir haben aber auch Betriebe, die arbeiten nur einen Tag Kurzarbeit in der Woche, da ist die Lage nicht so dramatisch, weil der Ausfall nicht so hoch ist. 

Wie unterscheidet sich die aktuelle Corona-Krise von der Situation während der Finanzkrise 2008/2009? 

Gudrun Gerhardt: So schlimm die Finanzkrise auch war: Wir hatten sehr viel Glück, dass es sehr schnell wieder aufwärts ging und die Nachfrage rasant stieg und dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Ich gehe davon aus, dass viele Firmen aus dieser Krise damals gelernt haben und die Instrumente zum Beispiel der Kurzarbeit auch ganz gut nutzen und wir deshalb nicht so viele panische Entlassungswellen bekommen werden, wie wir sie 2008/2009 hatten. 

Wie hoch war 2008/2009 der Anteil der Kurzarbeit-Null-Betriebe? 

Gudrun Gerhardt: Viel geringer. Wir haben damals auch insgesamt wesentlich weniger Kurzarbeit gehabt, weil leider viele Firmen sofort Personal abgebaut haben. Das wird hoffentlich heute durch die Kurzarbeit erst einmal nicht der Fall sein. 

Wie lange können die Unternehmen und Mitarbeiter Kurzarbeit und das Herunterfahren der Produktion durchhalten? 

Gudrun Gerhardt: Das wird sehr individuell sein. Ich denke, Firmen, die ein gewisses Polster haben, werden das länger aushalten können – und ähnlich ist es ja auch bei den Mitarbeitern. Ich gehe davon aus, dass der Stillstand der Produktion nicht so lange anhält. 

Gudrun Gerhardt, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Märkischer Kreis.

Ich bin optimistisch, dass wir vielleicht schrittweise ab Anfang Mai wieder mehr Beschäftigung und mehr Produktion auch in unseren Firmen haben können. Aber wenn Teile aus Osteuropa oder Norditalien, die dringend gebraucht werden, nicht geliefert werden, dann wird es schwierig. Das zeigt mit Blick auf den europäischen Binnenmarkt: Es muss auf jeden Fall eine gesamteuropäische Lösung geben. 

Es gibt derzeit Vorstöße insbesondere bei Medizinprodukten zum Wiederaufbau nationaler Produktion. Könnte darin für die heimischen Produktionsunternehmen auch eine Chance liegen? 

Gudrun Gerhardt: Ich glaube, dass die Corona-Krise in jedem Fall eine solche Chance bietet – nicht nur für den Bereich der Medizintechnik. Die Politik und die Entscheidungsträger in den Unternehmen werden darüber nachdenken, dass man die Abhängigkeit wie bei Verlagerungen ins Ausland doch etwas mehr zurückschrauben sollte. Vielleicht ist dann diese schreckliche Pandemie doch ein kleiner Lehrmeister. 

Was macht Ihnen Hoffnung?

Gudrun Gerhardt: Die Solidarität innerhalb der Bevölkerung zeigt, dass man gewillt ist, gemeinsam Lösungen zu finden. Diese gute Disziplin wird hoffentlich dazu führen, dass wir in Deutschland unsere Wirtschaft relativ schnell wieder schrittweise hochfahren können.

Alle Nachrichten aus dem Märkischen Kreis zum Coronavirus finden Sie in unserem Newsticker.

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