Interview mit dem obersten MK-Corona-Bekämpfer Volker Schmidt

Gesundheitsamt im Dickicht der Hygienekonzepte

Volker Schmidt

Lüdenscheid – Das Gesundheitsamt des Märkischen Kreises hat die erste Corona-Welle überstanden und einen neuen Tätigkeitsschwerpunkt: Hygienekonzepte. Darüber sprach Willy Finke mit Amtsleiter Volker Schmidt.

Herr Schmidt, hat es bei Ihnen im Gesundheitsamt Corona-Erkrankte gegeben? 

Volker Schmidt: Glücklicherweise nicht. Wir hatten nur einige wenige Kontaktpersonen, die dann auch unter die 14-tägige Quarantäne gestellt worden sind. 

Stichwort „14-tägige Quarantäne“. Der Virologe Prof. Christian Drosten hat erklärt, nach jüngsten Erkenntnissen sei eine Verkürzung der Quarantänezeit denkbar. Ist Ihnen bekannt, ob diese Zeit tatsächlich verkürzt wird? 

Nein, wir handeln nach wie vor nach den Regeln des Robert-Koch-Instituts. Da gilt immer noch die 14-Tage-Frist. Damit ist man auf der relativ sicheren Seite, auch wenn diese Sicherheit niemals 100 Prozent beträgt. 

Gab es in der Kreisverwaltung in den vergangenen drei Monaten mehr Kranke als sonst? 

Nein, der Krankenstand in der Gesamtverwaltung hat sich in dieser Zeit nur unwesentlich verändert. Wir haben natürlich auch viele Mitarbeiter früh ins Homeoffice geschickt. 

Fahren Sie jetzt die Homeoffice-Tätigkeit allmählich zurück? 

Wir eröffnen den Beschäftigten zunächst einmal weiter bis zum 31. August die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Wie es dann weitergeht, das wird von der aktuellen Lage abhängen. Es sollen aber immer mehr Beschäftigte zurück in die Kreishäuser geholt werden. 

Gibt es bereits Rückkehrer? 

Ja, einige Kolleginnen und Kollegen sind bereits wieder in ihren Büros. 

Ist der Märkische Kreis nach den Problemen zu Beginn der ersten Corona-Welle heute ausreichend mit Schutzmasken, Desinfektionsmitteln und Handschuhen ausgestattet? 

Wir erhalten weiterhin Lieferungen des Landes. Diese geben wir allerdings komplett an Krankenhäuser, Pflege- und andere Einrichtungen weiter. 

Reichen die Lieferungen des Landes aus? 

Das ist schon eine ganze Menge, und da kommt auch noch eine ganze Menge. Das Land hat 500 Millionen Euro für diese Anschaffungen zur Verfügung gestellt. Gesundheitsminister Laumann hat in der vergangenen Woche erklärt, dass erst ein Bruchteil der Lieferungen bereits erfolgt ist.  

Das bedeutet in der Praxis?

In unserer letzten Telefonkonferenz mit den Krankenhäusern haben wir abgestimmt, dass sie jetzt ihre eigenen Lager wieder auffüllen, um für eine mögliche zweite Welle gerüstet zu sein. Das empfehlen wir auch allen anderen Einrichtungen. 

Wie sieht es mit dem kreiseigenen Lager aus? 

Das Pandemielager füllen wir im Augenblick ebenfalls wieder auf. Wir greifen als Märkischer Kreis nicht auf die Landeslieferungen zurück. Was wir für uns – also beispielsweise für den Rettungsdienst – brauchen, das müssen wir eigenständig beschaffen und zumindest vorläufig auch selbst finanzieren. 

Seit wann gibt es dieses Lager? 

Schon seit 13 Jahren. Im Jahr 2007 haben wir eine Pandemieplanung erstellt – damals für die Influenza. Zu dieser Zeit haben wir auch schon die Einrichtung eines zentralen Lagers beschlossen. Das hat sich gerade zu Anfang der Corona-Welle bewährt, als es kaum Schutzmaterial gab. Wir konnten aus unseren Beständen beispielsweise Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen beliefern. Sie waren dafür sehr dankbar. 

Zur aktuellen Lage: Am kommenden Montag sollen die Grundschulen in NRW wieder ihren Regelbetrieb aufnehmen, und das weitgehend ohne Einschränkungen. Das heißt, die Kinder werden auch wieder in den Sporthallen herumtollen. Lassen sich vor diesem Hintergrund noch Einschränkungen für den Trainingsbetrieb von Sportvereinen, die Kontaktsport betreiben, aufrechterhalten? 

Das ist schwierig. Da kann man keine Auflagen mehr machen; das wird nicht mehr funktionieren. Aber das zu beschließen ist natürlich letzten Endes abhängig von der aktuellen Lage und Sache des Landes NRW. 

Womit beschäftigt sich das Gesundheitsamt derzeit hauptsächlich? 

Wir haben sehr stark mit dem Thema „Hygienekonzepte“ zu tun. Diese müssen erarbeitet werden von Einrichtungen vom Restaurant bis zum Friseur, vom Sport- bis zum Gesangverein, vom Freibad bis zum Fitnessstudio. 

Was bedeutet das konkret? 

Für fast jede Einrichtung ist ein eigenes Hygienekonzept erforderlich. Das wird durch die Corona-Schutzverordnung geregelt, die vom Land in sehr kurzen Abständen immer wieder angepasst und verändert wird. Dieses Konzept muss immer exakt auf die jeweilige Lokalität zugeschnitten werden.  

Das ist für die jeweiligen Antragsteller sicher viel Arbeit? 

Ja, aber es gibt durchaus Musterkonzepte, die von den jeweils zuständigen Verbänden – wie der Dehoga für die Gastronomie – erstellt werden. Der einzelne Betreiber muss also nicht jedes Mal das Rad komplett neu erfinden, aber er ist dafür verantwortlich, das individualisierte Konzept für seine Einrichtung zu entwickeln. Das nimmt ihm kein Gesundheits- und auch kein Ordnungsamt ab. Das Gesundheitsamt des Kreises ist übrigens auch nicht immer der richtige Ansprechpartner. 

Warum? 

Weil wir gar nicht immer gefragt werden müssen. Die Corona-Schutzverordnung regelt genau, in welchen Fällen Hygienekonzepte überhaupt dem Gesundheitsamt vorzulegen sind – zum Beispiel bei Wettbewerben im Breitensport. Aber auch beim Betrieb von Freizeitparks, bei Messen, Ausstellungen, Spezial- oder Flohmärkten.

Welche Konzepte müssen nicht zum Kreis? 

Wenn beispielsweise ein Turnverein seinen Trainingsbetrieb wieder aufnehmen will, muss er dazu zwar ein Hygienekonzept erstellen, das kann er dann aber mit dem örtlichen Ordnungsamt ohne uns abstimmen. Das ist manchmal etwas schwierig auseinanderzuhalten. Wir stehen diesbezüglich übrigens in Gesprächen mit dem Kreissportbund, damit auch er den Vereinen Hilfestellungen geben kann. 

Sind Sie denn zum Beispiel für Restaurants oder Fitnessstudios zuständig? 

Nein, da sind die Ordnungsämter der Kommunen die Ansprechpartner. 

Gibt es eine Faustregel, wann das Gesundheitsamt des Kreises zuständig ist? 

Das ist in der Corona-Schutzverordnung genau festgelegt. Vereinfacht kann man sagen, dass wir eingeschaltet werden müssen, wenn die geplante Aktivität über das normale Maß einer Öffnung hinausgeht. 

Das bedeutet? 

Nehmen wir den Sportbereich: Trainingsbetrieb im Sportverein? Nein. Öffentlicher Wettbewerb mit Zuschauern? Ja. 

Und dann genehmigen Sie? 

Nein. Wir geben nur Handlungsempfehlungen und informieren darüber auch das zuständige Ordnungsamt. Diese Empfehlungen können die Vereinsvorstände oder Geschäftsleute annehmen oder auch nicht. Sie müssen sich aber in jedem Fall der Kontrolle durch ihr örtliches Ordnungsamt stellen. 

Was soll der Antragsteller denn nun am besten tun? 

Er wendet sich mit seinem Hygienekonzept entweder direkt ans Ordnungsamt, und das setzt sich bei Bedarf mit uns in Verbindung. Oder er schreibt uns an, und wir schließen uns dann mit dem Ordnungsamt kurz. Beides ist möglich. 

Klingt ein bisschen kompliziert. 

Ist es sicher auch. Das Ganze basiert auf der Corona-Schutzverordnung. Bei all diesen Konzepten fahren wir, um die Kanzlerin zu zitieren, auf Sicht. Richtige Konzepte über Monate kann man zwar erstellen, aber die landen wahrscheinlich eh im Papierkorb, weil sich die Lage dann doch anders entwickelt. 

Welche Einrichtungen sind noch komplett geschlossen? 

Spaßbäder mit Ausnahme vom Bahnenschwimmen, Saunen, Spielbanken, Clubs, Bars, Diskotheken. Auch die sogenannten Versammlungen zu geselligen Zwecken sind in den meisten Fällen noch untersagt. 

Wie hat sich die Schließung Ihrer Drive-in-Teststationen in Iserlohn und Lüdenscheid ausgewirkt? 

Wir haben diese Arbeiten ja durchgeführt, um die Krankenhäuser und die Arztpraxen zu entlasten. Die Kassenärztliche Vereinigung und der Hausärzteverband Westfalen-Lippe haben nun aber erklärt, dass sie die Testungen übernehmen wollen. Das passt ja auch zu den geringen Fallzahlen. 

Funktioniert das?

Überwiegend ganz gut, aber die Information darüber, dass sie jetzt wieder selbst testen sollen, hat auch nach 14 Tagen leider noch nicht alle Praxen erreicht. Wenn ein Arzt nicht testen will, weil er noch nicht ausreichend Schutzausrüstung hat, helfen wir gern. 

Ein Blick in die Zukunft: Ist es vertretbar, im kommenden Winter schon wieder große Weihnachtsmärkte zu erlauben? 

Für eine Entscheidung ist es natürlich jetzt noch zu früh. Vom heutigen Stand ausgehend würden Weihnachtsmärkte aber anders aussehen, als wir sie gewohnt sind. Stichworte: Abstandsregeln, Mund-/Nasenschutz, Zuwegungen/Einbahn-Fußwege. Ich weiß nicht, ob das den Besuchern noch Spaß machen würde.

Und kleine Weihnachtsmärkte wie der Altstadt-Markt rund um die Lüdenscheider Erlöserkirche? 

Ich kann mir vorstellen, dass man da auch unter einem Hygienekonzept noch Spaß haben kann.  

Glauben Sie, dass Großveranstaltungen wie Rockkonzerte nach dem 31. August wieder erlaubt sind? 

Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Das Virus ist ja noch da. 

Würden Sie im Herbst auf ein Konzert Ihres Lieblingskünstlers in der voll besetzten Dortmunder Westfalenhalle gehen? 

Ehrlich gesagt: Nein! 

Dann würden Sie also sicher auch kein Bundesligaspiel besuchen. Haben Sie denn einen Lieblingsverein? 

(lacht) Ja, Werder Bremen. Da könnte man jetzt sagen: Da gibt es bald eh keine Großveranstaltungen mehr.

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