Volker Schmidt macht sich Sorgen

Gesundheitsamt-Chef ist wütend: „Corona-Situation ernster als im Frühjahr“

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An der Teststation in der Nähe des Lüdenscheider Bahnhofs läuft der Betrieb seit vergangenem Donnerstag. In Iserlohn und Lüdenscheid werden täglich etwa 450 bis 500 Personen getestet.

Volker Schmidt ist oberster Corona-Bekämpfer des Kreises. Der Chef des Gesundheitsamtes sieht die gegenwärtige Entwicklung mit großer Sorge – und zum Teil auch mit unverhohlener Wut. 

Lüdenscheid – Der Chef des Kreis Gesundheitsamt sieht die Lage als kritisch. Hier alle News zu Corona im MK.

Herr Schmidt, funktioniert die Corona-Kontaktnachverfolgung noch?

Sie funktioniert nur noch eingeschränkt. Wir sind jetzt schon seit einer Woche im Rückstand bei der persönlichen Information der Infizierten per Telefon. Für die Kontaktpersonen gilt das noch stärker. 

Rückstand bedeutet? 

Kontaktaufnahme erst drei bis vier Tage nach Bekanntwerden des Testergebnisses. 

Das gilt aber nicht nur für den Märkischen Kreis? 

Stimmt. Das ist aufgrund der steigenden Fallzahlen in ganz Nordrhein-Westfalen und auch in einigen anderen Bundesländern so. 

Was bedeutet das konkret für einen Infizierten? 

Er wird vom Labor kurzfristig informiert, dass er positiv getestet worden ist. Dann sollte er auf jeden Fall ja schon einmal zuhause bleiben und sich in bestmögliche Isolierung begeben. Danach kommt erst die Information durch das Gesundheitsamt. 

Ist diese Information denn überhaupt notwendig?

Auf jeden Fall. Wir teilen dem Betroffenen mit, wie lange er sich in Isolierung begeben soll – das sind im Augenblick zehn Tage. Zudem bitten wir ihn darum, Kontakte zu seinen Familienangehörigen zu vermeiden und erklären, was Quarantäne bedeutet – dass man eben nicht mal eben rausgehen darf zum Einkaufen. 

Ab Mittwoch werden Sie bei der Kontaktermittlung durch die Bundeswehr unterstützt. 20 Soldatinnen und Soldaten und drei Sanitätskräfte kommen nach Lüdenscheid. Wird Ihnen das wesentlich helfen? 

Wir hoffen das natürlich. Aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ab Mittwoch diesbezüglich dann alle Probleme gelöst wären. 

Wie viel Personal bräuchten Sie denn insgesamt in der Kontaktermittlung? 

Wir bewegen uns jetzt schon auf die Zahl 100 zu. Mit der Anzahl der Personen wächst natürlich auch der Koordinierungs-, Schulungs- und Einweisungsaufwand – und das vor dem Hintergrund, dass sich ganz schwer wirkliche Routinen erarbeiten lassen. 

Warum? 

Die Voraussetzungen und die gesetzlichen Bestimmungen ändern sich immer wieder – jetzt gibt es gerade wieder eine neue Einreiseverordnung. Das alles müssen wir jeweils neu schulen. Das wird umso schwieriger, je mehr Personal wir haben. Wir müssen nach außen immer mit einer Stimme sprechen, und dazu muss jeder Mitarbeiter unbedingt auf dem gleichen Stand sein. Zu viel Personal hilft also letzten Endes auch nicht. 

Können Sie ihre Mitarbeiter denn räumlich noch alle gut unterbringen? 

Das ist gar nicht so einfach. Wir dürfen sie nicht alle in Großraumbüros unterbringen – abgesehen davon, dass wir gar keine freien Büros mehr haben. Die Bundeswehr geht beispielsweise in unsere kreiseigene Jugendbildungsstätte. Wir sind dabei, noch weitere Gebäude anzumieten. Die Mitarbeiter dürfen sich nicht gegenseitig infizieren. 

Gibt es denn zurzeit infizierte Personen im Gesundheitsamt? 

Ja, zurzeit sind drei Mitarbeiter infiziert – dazu gibt es einige Kontaktpersonen, die im Homeoffice arbeiten. 

Vor der Nachverfolgung muss ja erst einmal getestet werden. Wie sehen diesbezüglich die Zahlen in ihren beiden Teststationen in Iserlohn und am Lüdenscheider Bahnhof aus? 

Zurzeit sind wir bei 450 bis knapp 500 Fällen pro Tag, die wir dort abarbeiten können. Da ist noch etwas Spielraum nach oben. Zudem streichen unsere mobilen Teams weiterhin bei Einzelpersonen – beispielsweise in Pflegeheimen – ab. Das können situationsbedingt auch noch mal gut 50 pro Tag sein. 

Wo werden die Tests analysiert? 

Wir arbeiten mit je einem Labor in Iserlohn und in Lüdenscheid zusammen. Auch diese Labore haben natürlich nicht unbegrenzte personelle Ressourcen, aber noch klappt das gut. 

Gesundheitsminister Spahn schlägt vor, nur noch diejenigen Kontaktpersonen zu testen, die Symptome zeigen. Was sagen Sie dazu?

Wer im privaten Umfeld Kontaktperson eines Infizierten ist, der sollte sich vom Hausarzt wirklich nur testen lassen, wenn er Symptome hat. Kontaktpersonen aus dem Gesundheits- und dem Erziehungswesen inklusive Kitas durchlaufen bei uns aber nach wie vor die Reihenuntersuchungen. 

Stichwort Intensivbetten: Am Montag um 13 Uhr waren 41 der 134 Betten im Kreis frei und knapp 16 Prozent dieser Betten durch Covid-Patienten belegt. Besteht da schon Grund zur Sorge, dass es eng werden könnte? 

Ja, es besteht Grund zur Sorge. Das Infektionsgeschehen ist nicht unbedingt linear. Es könnte exponentiell ansteigen. Die Patienten, die heute noch auf Isolierstationen im Krankenhaus liegen, können vielleicht in einer Woche oder zehn Tagen intensiv- oder beatmungspflichtig werden. 

Also reicht die Bettenzahl vielleicht nicht? 

Es geht gar nicht unbedingt nur um die Anzahl der Betten. Vor allem muss genug Personal vorhanden sein, um die Patienten zu betreuen. Und dieses Personal ist nicht beliebig verfügbar. Es braucht eine spezielle intensivpflegerische Ausbildung. Das ist durchaus ein limitierender Faktor. 

Wie stellt sich die Lage in den Krankenhäusern des Kreises zurzeit dar? 

Im Augenblick ist das alles noch zu handhaben. Aber die Krankenhäuser – nicht nur im Kreis – schauen mit Sorge auf die Situation.

Inwieweit können kleinere Häuser das Klinikum in Lüdenscheid unterstützen? 

Es gibt Überlegungen, coronafreie Patienten in die Werdohler Stadtklinik zu verlegen, um in Lüdenscheid Freiräume zu schaffen.

Beziehen Sie die Sportklinik Hellersen in ihre Überlegungen ein? 

Wir sind mit der Sportklinik als potenziellem Überlaufkrankenhaus im Gespräch. Dort läuft der Betrieb aber zurzeit noch normal. Die Krankenhäuser müssen ja auch ihre wirtschaftliche Situation im Auge behalten. 

Wie sieht es mit dem Marienhospital Letmathe aus? 

Das haben wir zwar in der Hinterhand, eine Wieder-Inbetriebnahme wäre aber äußerst schwierig. Es gibt dort ja keinerlei Personal mehr. 

Wie ist Ihr persönlicher Eindruck nach einer Woche „Lockdown Light“? 

Die Stadt (Lüdenscheid, die Red.) scheint leerer geworden zu sein. Man kann nur hoffen, dass sich die Maßnahme spätestens bis Ende der Woche wirklich positiv bemerkbar machen, dass also die Zahlen wieder heruntergehen.

Ist die Situation im Vergleich zum Frühjahr ernster? 

Ja. Im Frühjahr waren wir zwar mit einer völlig neuen Situation konfrontiert, jetzt allerdings haben wir mittlerweile fast viermal so viel Fälle wie im Frühjahr. Deswegen kommen wir mit der Nachverfolgung ja auch kaum noch hinterher. 

Ihre Prognose? 

Keine Prognose, sondern eine Hoffnung: dass durch diesen Mini-Lockdown jetzt das Bewusstsein aller geschärft wird, die sogenannten AHA-Regeln ernst zu nehmen und weniger Kontakte zu haben. 

Wie empfinden Sie vor diesem Hintergrund die Proteste in Leipzig? 

Diese Leute verhalten sich extrem leichtfertig und machen, wenn sie sich infiziert haben, hinterher anderen Menschen die Arbeit. Dafür habe ich nicht das geringste Verständnis. Für jeden, der jetzt in der Kontaktermittlung, allgemein im Gesundheitswesen oder direkt am Intensivbett arbeitet, ist das ein Schlag ins Gesicht!

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