Interview mit Volker Schmidt, Chef des Gesundheitsamtes

Oberster Corona-Bekämpfer im  MK: "Es kann jederzeit neue Ausbrüche geben"

Volker Schmidt

Lüdenscheid – „Wir befinden uns nicht auf der Sprintstrecke, sondern mitten in einem Marathonlauf. Am Ziel sind wir noch lange nicht.“ Dies sagt Volker Schmidt zur aktuellen Corona-Situation. Redakteur Willy Finke sprach gestern mit dem Chef des Gesundheitsamtes des Märkischen Kreises.

Herr Schmidt, im Kreisgebiet gab es am Mittwoch nur noch 29 Corona-Infizierte, die Märkischen Kliniken behandelten Anfang der Woche keinen einzigen Corona-Patienten mehr. Hat der Kreis die erste Coronawelle überstanden? 

Wenn man den Begriff „Welle“ verwenden will, dann würde ich Ja sagen. Wir bewegen uns auf den Sommer zu. Wir halten uns vielfach draußen auf. Viele Experten gehen deshalb davon aus, dass sich zum Sommer hin die Fallzahlen nicht noch einmal so exponentiell entwickeln werden. 

Was bedeutet das für Sie?

Jedenfalls keine Entwarnung. Den Peak, also die Höchstzahl der Fälle, hatten wir Anfang April erreicht. Seitdem sind die Fallzahlen tatsächlich kontinuierlich zurückgegangen. Für uns heißt das aber nicht, dass es nicht doch noch plötzlich neue Ausbruchsgeschehen mit vielen Fällen geben kann. Stichworte: Gottesdienst in Frankfurt oder Restaurantbesuch im Kreis Leer. Wir müssen also weiter wachsam bleiben. 

Wie wirkt sich die entspanntere Lage auf die Arbeit bei Ihnen im Gesundheitsamt aus? 

Die Arbeitsbelastung des gesamten Gesundheitsamtes ist insgesamt geringer geworden, es gibt aber immer noch viel zu tun. Stark zurückgegangen ist die Ermittlungsarbeit bei Kontaktpersonen, die wir ja immer anrufen müssen, wenn irgendwo ein Infizierter festgestellt worden ist. 

Welche Auswirkungen hat das auf die Personalstärke? 

Wir sind gerade dabei, die Anzahl der Beschäftigten insgesamt in der Verwaltung, die mit Corona zu tun haben, zurückzufahren. Da erfolgen gerade die ersten Schritte. Das werden wir bis Anfang Juni abgeschlossen haben. Wir haben im Gesundheitsamt neben den zahlreichen Mitarbeitern anderer Abteilungen sieben externe Hilfskräfte gehabt. Das hat uns sehr geholfen. 

Diese Hilfskräfte gehen jetzt wieder? 

Es ist noch nicht so ganz klar, wann die Unterstützung wieder abgezogen wird. Das kann Ende Juni sein, vielleicht aber auch erst im Herbst. 

"Noch weit entfernt vom Alltag"

Dann kehrt also wieder der Alltag ein? 

Nein, wir sind noch weit weg von einem Regelbetrieb, wie es ihn vor den Corona-Zeiten gab. Das beginnt schon damit, dass wir natürlich die starken Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen beachten müssen. Das lässt eine vollständige Öffnung der Kreishäuser, wo jeder rein-und rausgehen kann, gar nicht zu. 

Also wird es eine teilweise Öffnung geben? 

Wir werden mit Termin-Vorgaben und Termin-Vergaben arbeiten. In bestimmten Bereichen werden wir auch die Möglichkeit haben, dass sich die Bürgerinnen und Bürger online bei uns für Termine anmelden. Sie werden dann im jeweiligen Kreishaus in Empfang genommen und zu den entsprechenden Stellen geleitet. 

Dann wird es auch zu den Bürgerbüros noch keinen ungeregelten Zugang geben? 

Nein, das muss gesteuert werden. Etwas anderes lassen die Sicherheits- und Hygieneregeln gar nicht zu. Man muss weiterhin streng auf Abstände und Atemschutz achten. 

Da es ja noch keinen nennenswerten Publikumsverkehr gibt: Arbeiten nach wie vor viele Mitarbeiter der Kreisverwaltung im Homeoffice? 

Die Kreisverwaltung kann im Augenblick 600 Homeoffice-Arbeitsplätze für ihre etwa 1300 Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Diese werden auch fast alle genutzt. Das wollen wir zumindest bis Ende August auch so aufrechterhalten. 

Kam das Homeoffice erst mit Corona? 

Nein, wir hatten auch vorher schon in einigen Bereichen Tele-Arbeit. Das war aber eher punktuell. 

Keine Schuleingangsuntersuchungen mehr

Mussten während der akuten Corona-Phase andere Arbeiten im Gesundheitsamt ruhen oder zurückgestellt werden?

Ja, manche Arbeiten sind zurückgefahren und andere sogar ganz eingestellt worden – beispielsweise Schuleingangsuntersuchungen im kinder- und jugendärztlichen Dienst. Es gab auch keine amtsärztlichen Untersuchungen mehr für Lehrer oder Beamte. Auch Gutachten für Frühförderungen wurden nicht mehr erstellt. 

Geht es auch hier zurück zur Normalität? 

Ja, seit knapp zwei Wochen werden wieder amtsärztliche Untersuchungen durchgeführt. Auch Gutachten für die Frühförderung gibt es wieder. 

Und die Schuleingangsuntersuchungen? 

Die können wir, das hat sich inzwischen herausgestellt, gar nicht nachholen. Das lässt sich schon deshalb nicht aufholen, weil uns gerade in diesem Bereich sowieso Fachkräfte – also Ärztinnen und Ärzte – fehlen. Die Personaldecke in diesem Bereich ist so dünn, dass wir das immer nur gerade soeben hinbekommen haben. 

Welche Folgen hat der Ausfall der Untersuchungen? 

Wir überlegen zurzeit, wie wir damit umgehen. Bis Anfang März gab es die Untersuchungen ja noch. Jetzt wird es wohl darauf hinauslaufen, dass wir uns im Laufe des Schuljahrs einzelne Sonderfälle anschauen werden, auf die wir von den Schulleitungen hingewiesen werden. 

Sitzungen werden seltener

Wie hat sich im Laufe der vergangenen Wochen die Arbeit des Krisenstabs im Kreishaus entwickelt? Tagen Sie noch täglich? 

Wir haben die gesamte Krisenstabs-Arbeit immer an die Entwicklung der Lage angepasst. Wir haben den Krisenstab schon relativ früh anders organisiert, indem wir aus dem Krisenstab heraus eine „Arbeitsgruppe Corona“ gegründet haben, die sich täglich getroffen hat. Ebenfalls täglich traf sich ein Lenkungskreis, an dem auch der Landrat beteiligt war. 

Sie sprechen in der Vergangenheitsform? 

Ja, denn das haben wir mittlerweile heruntergefahren. Wir treffen uns jetzt nur noch dreimal in der Woche und werden das vielleicht ab der nächsten Woche weiter reduzieren. Im Krisenstab arbeiten ja Menschen aus unterschiedlichen Bereichen mit. Auch da müssen wir natürlich darauf achten, dass sie irgendwann auch wieder zu ihren originären Aufgaben zurückkehren können. 

Testergebnisse schon nach einem Tag

Wie lange dauert es im Märkischen Kreis mittlerweile von der Durchführung eines Corona-Tests bis zur Mitteilung des Ergebnisses an das Gesundheitsamt? 

Am Anfang hat das durchaus bis zu sieben Tage gedauert. Das lag vor allem an den knappen Laborkapazitäten. Heute vergeht zwischen Test und Ergebnisübermittlung durch das Labor ein Tag. Seit etwa drei Wochen gibt es sogar eine Smartphone-App. Diese haben wir mit dem Labor, mit dem wir zusammenarbeiten, entwickelt. Damit erhalten die Betroffenen ihre Testergebnisse, sobald sie vom Labor freigegeben sind, auf ihr Handy. Das funktioniert sehr gut. 

Welche Lehren lassen sich für den Märkischen Kreis aus der ersten Coronawelle ziehen? Hat es Schwachpunkte gegeben, wo war der Kreis besonders gut aufgestellt? 

Ganz wichtig ist es, nicht zu vergessen, dass wir in einem Marathonlauf stecken – vielleicht mittendrin, vielleicht aber auch erst im ersten Drittel. Wir gehen davon aus, dass sich die Lage auch wieder ganz anders entwickeln kann. Die erste Lehre lautet deshalb: Wir brauchen Personal, das in mehreren Schichten arbeiten kann und dann auch eine Rückfallebene bilden muss. 

Was bedeutet „Rückfallebene“? 

Das sind sozusagen die Nachrücker, falls die Stammbesatzung ausfällt, beispielsweise erkrankt. Wir haben bereits damit begonnen, zusätzliches Personal entsprechend zu qualifizieren. Das ist schon eine Herausforderung. 

Gibt es weitere Konsequenzen? 

Bürger, Einrichtungen und Institutionen, aber auch Ärzte und Krankenhäuser, hatten viele Fragen an das Gesundheitsamt. Diese Fragen konzentrierten sich bei uns auf relativ wenige Fachleute. Das war ein Nadelöhr. Wir werden deshalb weitere Personen schulen. Das ist aber natürlich nur begrenzt möglich, bleibt also ein ganz großes Thema. 

"Eine herausragende Leistung"

Wie bewerten Sie die Arbeit Ihres Amtes insgesamt? 

Zu Spitzenzeiten waren im Kreis mehr als 250 Personen mit dem Thema Corona beschäftigt. Da war die Koordination nicht immer ganz einfach. Dass das unterm Strich gut funktioniert hat, ist dem hohen Engagement und der hohen Motivation unserer Leute zu verdanken. Das war eine herausragende Leistung. 

Können Sie für eine eventuelle zweite Welle damit auf einem soliden Fundament aufbauen? 

Das hoffen wir zumindest und davon gehen wir auch aus. Wir gehen aber auch davon aus, dass es jetzt im Sommer durchaus einige Ausbrüche geben kann – beispielsweise in Pflegeheimen, Kindertageseinrichtungen oder Schulen. Deshalb ist es für uns ganz wichtig, dass bei allen Lockerungen die Hygiene- und Sicherheitsregeln nie vergessen werden. 

Wie fühlen Sie sich ganz persönlich, wenn Sie jetzt durch die Stadt gehen? 

Das ist ein durchaus gemischtes Gefühl. Oft verhalten sich die Leute wirklich vorbildlich, aber eben nicht alle. Die Lockerungen sind wichtig, aber man muss unbedingt weiter aufpassen. 

"Lieber an die Nordsee"

Haben Sie mittlerweile auch mal wieder früher Feierabend? 

Es ist im Augenblick noch genug zu tun. So richtig durchatmen kann ich noch nicht. Auch Urlaub ist wahrscheinlich bis Jahresende nicht in Sicht. 

Würden Sie sich denn grundsätzlich schon in ein Ferienflugzeug begeben? 

Da würde ich schon sehr genau nach den Bedingungen schauen – im Flugzeug und im Urlaubsland. Aber ich fahre ohnehin lieber an die Nordsee.

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