An der Grenze der Belastbarkeit

Corona-Test-Chaos: Laborleiter aus MK rechnet mit Politik ab

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Coronatests werden auch im Medizinischen Labor Wahl in Hellersen ausgewertet. 

Lüdenscheid - Die Corona-Pandemie und die Folgen: Reihentestungen an Schulen und in Kitas. Abstriche bei Reiserückkehrern, Ärzten und Erziehern. Dazu die normalen Corona-Tests bei Kontaktpersonen und Menschen mit Infektionen: Der Spätsommer 2020 bringt nicht nur die Arztpraxen an die Grenze des Leistbaren, auch die Labore ächzen unter der Last der vielen Tests, die zu bearbeiten sind.

Das Medizinische Labor Wahl in Hellersen ist da keine Ausnahme. Redakteur Thomas Machatzke sprach mit dem Leiter des Labors, Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Dipl.-Chem. Hans Günther Wahl, über die Arbeitsbelastung und auch darüber, was falsch und richtig läuft bei den Corona-Tests in Region und Republik. 

Herr Dr. Wahl, in Deutschland werden Reiserückkehrer getestet, Lehrer, Erzieher – das erhöht auch Ihr Arbeitsaufkommen im Labor. Ist die Arbeit noch zu schaffen?

Wir sind am Rande, haben alles hochgefahren, was geht, aber es ist schon enorm. Zu den Kontaktpersonen kommen die Schulen, Kitas und Reiserückkehrer – und das kam für uns aus heiterem Himmel, war nicht von langer Hand geplant. Irgendwann hat die Politik das kundgetan – und dann wusste keiner, wie es gemacht wird. Läuft es über den Bund? Über die KVWL? Über das Gesundheitsamt? Am Anfang wusste niemand, wie man es abrechnen soll.

Und wie rechnen Sie die Tests nun ab? 

Wenn ich das wüsste... Wir als Labor sind da ja Dienstleister für die Ärzte. Eigentlich war es so, dass Leute abgestrichen wurden, bei denen ein Verdacht vorlag. Inzwischen werden aber viele Gesunde gescreent. Und dann hatte man die Idee, einen Extra-Überweisungsschein zu entwickeln. Zum Überweisungsschein 10 kam der Überweisungsschein 10c – das c für Corona. Der sollte zum 1. Juli da sein, kam aber erst Ende Juli und funktionierte dann trotzdem noch nicht. Das belastet die Hausärzte und auch die Labore. Und dann kamen die Schulen, Kitas und Reiserückkehrer...

Das bedeutet...

Hierfür wurde noch ein neuer Schein entwickelt – der OEGD-Schein über die öffentlichen Gesundheitsämter. Der wird abgerechnet, wenn der öffentliche Gesundheitsdienst den Auftrag erteilt hat. Als dann die ersten Lehrer kamen, war dieser auch noch nicht erhältlich...

Warum sind die Scheine in der Praxis denn so wichtig für die Arbeit? 

Weil in unserem Labor alles digital läuft. Man scannt die Vorderseite und kann darüber dann auch den Datenrückfluss ans Robert-Koch-Institut steuern. Allein die neuen Schnittstellen haben unser Labor 30 000 Euro gekostet. Die zahlt uns niemand. Fehlt ein Schein, dann muss alles per Hand eingetippt werden. Nehmen wir doch mal den Fall in Bayern, der die Leute so aufgeregt hat – dort wird den Stellen vorgeworfen, es schlecht organisiert zu haben. Wir könnten hier am Tag keine 700 Leute per Hand aufnehmen – in Bayern waren es aber viele Tausend am Tag. Natürlich ist da etwas schiefgegangen, aber vor allem deshalb, weil die Dinge übers Knie gebrochen worden sind. Da ist den Mitarbeitern kein Vorwurf zu machen. Und das gibt es ja nicht nur in Bayern. Hier bei uns sind die Gesundheitsämter auch völlig überfordert – da rufen 1000 Leute am Tag an und kommen nicht durch.

Sie haben von 30 000 Euro Kosten für die Schnittstellen gesprochen. Für die Programmierung?

Ganz genau. Wir brauchten die Schnittstelle zur Übermittlung an die KVWL, aber wir mussten auch eine Möglichkeit schaffen, die Scheine über ein Lesegerät möglichst einfach bei uns ins System zu bekommen. Bei maschinell erstellten Scheinen ist das problemlos, bei handschriftlichen läuft das auch gut, aber da muss schon noch nachgearbeitet werden.

Kommen wir noch einmal auf die Arbeitsbelastung zurück: Vergleichen Sie das Aufkommen doch mal mit dem vor sechs Wochen...

Vor sechs Wochen war es auch schon hoch, wenn auch noch nicht ganz so. Nehmen wir mal die Zeit vor Corona: Da haben wir am Tag 20 bis 30 Fälle nach der PCR-Methode, also dem jetzt üblichen Rachenabstrich, bearbeitet. Das ist leider keine Methode, die sich gut automatisieren ließe wie etwa bei normalen Blutbildern. Heute sind es bei uns am Tag 900 Fälle, die nach dieser Methode bearbeitet werden müssen. Die Mitarbeiter sind in zweieinhalb Schichten von 7 Uhr bis 1 Uhr nachts daran. Und zwar an jedem Tag – auch am Samstag und am Sonntag.

Haben Sie denn versucht, das Team mit frischen Kräften aufzustocken?

Im Labor in Lüdenscheid arbeiten 100 Leute, davon drei nur für Corona-Fälle. Ich würde dort gerne fünf Mitarbeiter einsetzen, habe seit März eine Stellenausschreibung laufen, aber man findet kein Fachpersonal. Wir haben intern einen Mitarbeiter weitergeschult, aber insgesamt ist es unheimlich schwierig.

Lassen Sie uns zu den Kosten für einen Abstrich kommen. Hier kursieren immer wieder andere zahlen. Wie viel dürfen Sie denn nun für einen Fall nach dieser PCR-Methode abrechnen?

Die Preise haben sich in der Tat verändert seit Beginn der Pandemie. Bei Privaten kostet er wie am Anfang noch immer 120 Euro. Die KVWL hat am Anfang 60 Euro pro Test angesetzt, unterscheidet jetzt allerdings: Bei einem Kranken können für einen Test noch 39 Euro abgerechnet werden, für einen Lehrer, der sich testen lässt, 45 Euro. Klar, die KVWL muss auch schauen, dass sie das Geld irgendwie zusammenhält, aber es ist schon schwer nachvollziehbar, dass es für denselben Test für unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Preise gibt.

Für ein Labor wir Ihres klingt das irrwitzig: Sie sollen mehr arbeiten, werden aber dafür schlechter bezahlt.

Dr. Hans-Günther Wahl sieht sein Labor in Hellersen an der Grenze des Machbaren angekommen.

Ja, das ist so. Wir als Labor sind das letzte Glied in der Kette. Wir bekommen immer mehr Abstriche und werden zum Dank nach unten gerechnet... Ja, es ist teuer für den Staat. Aber wir haben seit Wochen keinen Tag frei, ich habe keinen Tag Urlaub gemacht in diesem Jahr. Zum Dank geht die Vergütung runter. Das ist nicht nett. Und: Es ist erst Spätsommer. Was passiert, wenn in Richtung Herbst/Winter noch die normalen Kranken dazukommen? Wer weiß, welche neuen Gruppen noch zu Tests geschickt werden? Seien wir doch mal ehrlich: Im Moment werden Lehrer und Erzieher getestet, aber ist die Gefahr bei Pflegern und Ärzten, die ständig direkten Kontakt haben, nicht viel größer, müssten die nicht viel eher getestet werden?

Kommen wir noch einmal zum Geld: Viel Arbeit und viele Fälle müssten für Ihr Labor aber auch bedeuten, dass Sie einen Riesen-Jahresumsatz haben werden.

Der Jahresumsatz wird steigen, aber bedenken Sie, dass auch die Investitionen gestiegen sind. Als im Frühjahr keine Tests zu bekommen waren, haben wir uns in den USA und in Finnland darum gekümmert, daranzukommen. Das hat alleine 150 000 Euro gekostet. Ich hoffe natürlich, dass am Ende trotzdem was übrig bleibt. Aber wenn ich dafür das Chaos betrachte, die EDV, die Logistik. Bei uns macht aktuell eine Person den ganzen Tag nichts anderes als zu telefonieren. Kontaktpersonen, Reiserückkehrer, Lehrer, Erzieher – alle rufen an und müssen da auch viel Geduld haben, weil sie oft nicht durchkommen. Die Ergebnisse der Tests liegen bei uns nach acht Stunden vor, aber dann: Die Post braucht ja danach meist ein bis zwei Tage zur Übermittlung. Und die App mit den QR-Codes funktioniert ja noch immer nicht. Aber ab Montag soll das klappen.

Dass es Schwierigkeiten gab, Ergebnisse über den QR-Code abzurufen, hat man gehört. War das ein generelles Problem?

Am 1. Juli sollten die Scheine kommen, Ende Juli kamen sie dann – aber da gab es dann erst einmal ein Muster im Netz, das sich jeder ausgedruckt und kopiert hat. Die Folge: Man konnte zwar so die Daten erfassen, aber jeder kopierte Schein hatte denselben QR-Code, das konnte also gar nicht klappen, denn da hätte ja jeder das Ergebnis von jedem sehen können. Und es ist noch nicht gut: Wenn man heute 500 Scheine bestellt, bekommt man vielleicht 100. Sind die weg, muss man wieder die Scheine kopieren. So etwas kann man nicht mit heißer Nadel stricken. Aber ab Montag soll mit der App und den QR-Codes ja alles besser werden. Es bleibt spannend...

Abschließend sei eine Frage gestattet bei so viel Frust: Was würden Sie sich für den weiteren Fortgang wünschen? 

Ich will es mal ganz bösartig formulieren: Erst denken, dann handeln! 

Herr Dr. Wahl, vielen Dank für das Gespräch!

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