Der Lüdenscheider Murat Isboga zieht die Reißleine

Corona sorgt für das erste Theater-“Aus“ im Märkischen Kreis

Lüdenscheid Theater Halber Apfel Murat Isboga
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Murat Isboga gründete das Theater „Halber Apfel“ und fungiert seither als künstlerische Leiter und Regisseur.

„Als Theatermacher, der seiner Passion nicht mehr nachgehen kann, vermisst man die Bühne genauso sehr wie die große Liebe, die einen verlassen hat.“ Der Lüdenscheider Theaterpädagoge Murat Isboga ist frustriert und enttäuscht: Seit Februar 2020 kann sein Theater „Halber Apfel“ Corona-bedingt keine Auftritte mehr bestreiten. Jetzt droht seinem Theater „Halber Apfel“ das Corona-“Aus“.

Lüdenscheid - Das semi-professionelle Theater, dessen Ensemble seit 2018 in den Räumen der Integrativen Kulturwerkstatt Alte Schule an der Altenaer Straße probt, ist ein reines Gastspieltheater. Die Restriktionen verhindern, dass man Auftritte planen oder gar durchführen kann. Murat Isboga, der das Theater seit 2010 hauptberuflich betreibt und seit 2005 eigene Stücke mit Gleichgesinnten inszeniert, hat schweren Herzens die Reißleine gezogen – vorerst.

Bühnenrequisiten und Technik des Theaters „Halber Apfel“ wurden im Keller der Alten Schule „geparkt“, und die Proben, die das Ensemble gegen eine Spende für die Integrative Kulturwerkstatt durchführen durfte, werden ausgesetzt. Die Darsteller, mit denen Murat Isboga keine festen Verträge abgeschlossen hatte, sondern ihre Leistung von Auftritt zu Auftritt honorierte, müssen nun auf unbestimmte Zeit von der Bühne. Der Hauptgrund für die Entscheidung des Theatermachers liegt auf der Hand. „Die Veranstalter brauchen in der Regel ein halbes bis ein Jahr Vorlaufzeit“, erklärt der Theaterpädagoge. Und weiter: „Wegen Corona gibt es aber auf absehbare Zeit keine Planungssicherheit. Deshalb buchen unsere Auftraggeber nicht.“ Wie bei vielen anderen Spielstätten bleiben die Einnahmen komplett aus, während die laufenden Kosten wie zum Beispiel die monatlichen Raten für einen Ende 2019 geleasten Theaterbus bestehen bleiben.

„Mit den 9000 Euro Soforthilfe, die im April gezahlt wurden, konnte ich das Theater zwar gerade noch bis zu den Sommerferien retten, aber ich durfte meine privaten Lebenshaltungskosten, die ich ja auch komplett aus dem Theater ,Halber Apfel’ erwirtschaftet habe, nicht davon bestreiten – eine Regelung, von der zu Beginn der Antragsstellung keine Rede. Die wurde erst etwa eine Woche später nachträglich in die Erläuterungen eingefügt“, so der Theaterpädagoge.

Seit dem 15. Juli hat Murat Isboga nun eine Halbtagsstelle im Jugendzentrum Knast an der Alten Wache 1, das er gemeinsam mit Larissa Ziemann leitet. Sie ist ebenfalls im Ensemble des Theaters „Halber Apfel“ als Schauspielerin aktiv. Der „Knast“ steht in der Trägerschaft der Awo. Das Theater „Halber Apfel“, das unter Federführung von Murat Isboga ein Ensemble mit rund 15 semiprofessionellen Schauspielerinnen und -schauspielern beschäftigte, liegt dem Lüdenscheider mit türkischen Wurzeln persönlich sehr am Herzen. „Wir bringen nur Stücke auf die Bühne, die ich selbst geschrieben habe“, erzählt der Theatermacher.

Wir möchten die Probleme auf beiden Seiten ansprechen, aber mit einem Augenzwinkern, sodass Deutsche und Türken gleichermaßen darüber lachen können.

Murat Isboga

Dabei geht es ihm vor allem darum, die deutsche und die türkische Kultur mit all ihren Facetten zu beleuchten und dabei beide Kulturen auf der Bühne zusammenzubringen und zu versöhnen. „Wir möchten die Probleme auf beiden Seiten ansprechen, aber mit einem Augenzwinkern, sodass Deutsche und Türken gleichermaßen darüber lachen können“, sagt Isboga. Anders als zum Beispiel bei Fatih Akins mehrfach ausgezeichnetem Film „Gegen die Wand“, der ein pessimistisches Bild der heutigen Türkei zeichnet und dessen Darstellung der türkischen Mentalität aus Isbogas Sicht nicht der Realität entspricht, möchte der Lüdenscheider auch zeigen, was Türken und Deutsche verbindet.

„Es geht mir darum, die türkische Bevölkerung in Deutschland für das Theater zu begeistern“, betont er, denn es gebe viele Türken, die bei ihm zum allerersten Mal Bekanntschaft mit dem Theater gemacht hätten.

Gemeinsam mit Larissa Ziemann arbeitet Murat Isboga mit Jugendlichen im AWO-Jugendtreff Knast, der auch während des Lockdowns geöffnet hat.

Derzeit sind drei deutschsprachige und drei türkischsprachige Stücke im Fundus, die für unterschiedliche Gruppen zum Einsatz kommen. Für ein neues Werk zum Thema Rechtsextremismus steht bereits das Grundgerüst, doch Isboga hat die Arbeit daran nun ebenso auf Eis gelegt wie das professionelle Theatermachen. „Halber Apfel“ konnte bereits mit seiner ersten deutschsprachigen Produktion „Stefanie integriert die Öztürks“ die im letzten Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feierte, gute Erfolge verbuchen. Seit der Uraufführung kam die Inszenierung jedes Jahr zum Einsatz und wurde intensiv nachgefragt.

Darüber hinaus führte die Theaterarbeit das Ensemble immer wieder ins benachbarte Ausland, zum Beispiel mit einem der türkischsprachigen Stücke zu einer türkischen Community nach Dänemark, aber auch in die Niederlande, Österreich und die Schweiz.

„Kultur und Schule“ an der Pestalozzi-Schule

Obwohl Isboga die Arbeit mit seinem Gastspieltheater nun eingestellt hat, hofft er doch darauf, das Theater nach Corona wieder reaktivieren zu können. Bis dahin wird er mit Larissa Ziemann im Jugendzentrum „Knast“ mit jungen Leuten arbeiten, mit ihnen Spiele-, Champions-League- und Playstation-Abende, Dart- und Billard-Turniere und vieles mehr veranstalten. Derzeit hat die Einrichtung täglich von 16 bis 20 Uhr geöffnet, darf aber nur acht Kinder und Jugendliche gleichzeitig pro Tag aufnehmen.

Auch als Leiter eines Projektes im Rahmen des nordrhein-westfälischen Landesprogramms „Kultur und Schule“ in der Pestalozzi-Grundschule ist Isboga aktiv. „Hier kann ich meine Leidenschaft für das Theater noch ein bisschen einbringen“, freut er sich. Das Projekt dauert ein Schuljahr lang. So erfüllend die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch ist – „Wer einmal als Theatermann gearbeitet hat, ist immer Theatermann“, glaubt der Lüdenscheider. Und die Hoffnung bleibt, das Theater „Halber Apfel“ eines Tages wieder auferstehen lassen zu können.

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