Geschäftsführer der Märkischen Kliniken im Interview

Klinikum-Chef zur Corona-Lage: „Emotional belastende Situation“

Dr. Thorsten Kehe Märkische Kliniken
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Dr. Thorsten Kehe spricht über die Corona-Lage in den Märkischen Kliniken.

Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu. Wie gehen die Märkischen Kliniken in ihren Häusern in Lüdenscheid und Werdohl damit um?

Geschäftsführer Dr. Thorsten Kehe beantwortet im schriftlichen Interview die Fragen von Kevin Herzog zur momentanen Lage.

Herr Dr. Kehe, wie dramatisch ist die Lage in Lüdenscheid und dem Märkischen Kreis?
Dr. Thorsten Kehe: Die Pandemie verlangt uns derzeit viel ab. Es ist besonders für unsere Mitarbeiter anstrengend und herausfordernd. Ihnen allen danke ich sehr herzlich für die enorme Bereitschaft auszuhelfen und die wichtigen Hygienemaßnahmen uneingeschränkt umzusetzen. Unsere Gesamtsituation ist derzeit stabil, aber natürlich auch ein großer Kraftakt. Wir stehen im täglichen Kontakt mit dem örtlichen Gesundheitsamt. Am Donnerstag versorgten wir 37 Covid-Patienten, davon neun auf der Intensivstation. 25 Mitarbeiter sind in häuslicher Quarantäne. Wir rechnen mit weiter stark steigenden Infektionszahlen und werden unsere Kapazitäten schrittweise dafür anpassen. So haben wir am Montag eine weitere Intensivstation eröffnet.
Nicht wenige Experten befürchten schon sehr schnell eine besorgniserregende Entwicklung auf den Intensivstationen. Wie sehen Sie das?
Die Situation ist ernst, aber wir alle haben es in der Hand. Wenn wir die Maßnahmen der Bundesregierung schnell konsequent umsetzen, werden die Fallzahlen wieder sinken. Als Märkische Kliniken werden wir alles daran setzen, diese große Aufgabe zu meistern.
Sind die Märkischen Kliniken personell gerüstet für mehr Intensivpatienten?
Derzeit ist die Gesamtsituation hier stabil, und wir haben noch Reserven. Wir müssen jedoch alles daran setzen, unser System nicht zu überlasten.
Erwarten Sie, dass die Kapazitäten an Intensivbetten in den Märkischen Kliniken ausgeschöpft werden? Wenn ja, wann könnte das der Fall sein?
Wir erwarten weiter steigende Infektionszahlen, allerdings ohne wirklich einschätzen zu können, wie hoch diese Zahlen tatsächlich werden könnten. Denkbar wäre, dass wir binnen zwei Wochen an Grenzen kommen, wenn die aktuellen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung nicht hinreichend greifen sollten.
Sie sagten, dass Operationen verschoben werden, die nicht dringend notwendig sind. Welche Operationen werden denn noch durchgeführt?
Wir führen alle Notfall-Eingriffe durch, ebenso auch alle Operationen bei unseren an Krebs erkrankten Patienten. Wir verschieben momentan also wirklich nur diejenigen Eingriffe, auf die die Patienten aus medizinischer Sicht und ohne Schaden zu nehmen verzichten können. Wir müssen Schritt für Schritt unsere Ressourcen so verteilen, wie sie für die Behandlung der Covid-Patienten erforderlich sind. Indem wir alle nicht-dringlichen Operationen derzeit verschieben, wird Personal frei, das wir für die Covid-19-Versorgung benötigen.
Gibt es einen Austausch mit anderen Krankenhäusern?
Mit den Krankenhäusern des Märkischen Kreises stehen wir in einem regelmäßigen Austausch. Zugleich sind wir als Maximalversorger für andere Krankenhäuser auch Anlaufstation für schwere Covid-19-Fälle. Im Moment ist es noch nicht so, dass wir Patienten in andere Kliniken verlegen müssten.
Gibt es die Möglichkeit, Personal nach Bedarf zu verschieben?
Wir haben bereits in der ersten Infektionswelle damit begonnen, Personal für einen übergreifenderen Einsatz zu schulen, was uns nun mehr Flexibilität ermöglicht. Trotz aller Anstrengungen sind unsere Mitarbeiter hoch motiviert, zu unterstützen, wo es nur geht und bringen sich sehr bereitwillig ein. Dafür gebührt ihnen unser Dank und unsere Anerkennung.
Wie lange würde es dauern das Personal so zu schulen, dass es auf der Intensivstation eingesetzt werden kann?
Für die Übernahme von einfachen Tätigkeiten auf der Intensivstation genügen wenige Tage Einarbeitung. Diese Schulungen haben wir bereits im Frühjahr und Sommer durchgeführt. Dadurch können wir bis zu zehn Pflegekräfte von einer Normalstation auf die Intensivstation versetzen.
Welche Aufgaben könnte das neu eingesetzte Personal übernehmen?
Das reicht von einfacheren Handreichungen bis hin zu Unterstützungen bei grundlegenden pflegerischen Maßnahmen, wie das Betten und Lagern von Patienten. Überdies können Medikamente vorbereitet werden und Aufgaben der Dokumentation erledigt werden.
Könnte auch Pflege- und Ärztepersonal von anderen Krankenhäusern hinzugezogen werden? Stehen Sie in Gesprächen mit der Sportklinik Hellersen?
Die Gesamtsituation ist auf den Intensivstationen in allen Krankenhäusern derzeit ähnlich herausfordernd. Bei starken Engpässen wäre es zum Beispiel denkbar, nicht infizierte Patienten übergangsweise in kleinere Häuser zu verlegen. Alle Überlegungen und Maßnahmen werden immer mit dem Krisenstab des Märkischen Kreises vorbesprochen und abgestimmt.
Wie sieht es mit der Belastung der Ärzte und Pfleger aus? Arbeiten die Krankenhausmitarbeiter schon jetzt am Anschlag?
Wir erleben eine sehr angespannte und vor allem auch emotional belastende Situation für unsere Kolleginnen und Kollegen. Seit der ersten Welle im Frühjahr haben wir viel dazugelernt. Das Arbeiten unter Corona-Bedingungen ist jedoch jeden Tag aufs Neue eine große Herausforderung, der wir uns stellen.
Was können die Märkischen Kliniken machen, um das Personal zu entlasten?
Das Beste wäre, wenn die Pandemie einfach vorbei wäre. Das haben wir aber nur indirekt in der Hand. Ansonsten bleibt uns nur, dass wir den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen und vor allem gemeinsam dafür Sorge tragen, dass wir alle gesund bleiben und verantwortungsbewusst miteinander umgehen. Wir versuchen, so gut es eben geht, allen Bedürfnissen unserer Mitarbeiter nachzukommen, wohl wissend, dass uns das nicht immer vollkommen gelingt. Das reicht von individueller Arbeitszeitflexibilisierung bis hin zu Unterstützungsangeboten über das betriebliche Gesundheitsmanagement oder Ansprechpartner für psychische Belastungen. Wichtig ist vor allem, die wertvolle Arbeit der Kollegen wertzuschätzen und sie dabei zu unterstützen, dass sie ihre Arbeit weiterhin gut machen können.
Wie lange wird die zweite Infektionswelle Ihrer Meinung nach andauern?
Wenn wir den Experten in Politik und Virologie Glauben schenken, wird sich das Infektionsgeschehen bis zum Jahresende hoffentlich positiv verändern. Es ist sehr wichtig, konsequent soziale Kontakte zu reduzieren, um die Infektionsketten zu unterbrechen, damit dies auch tatsächlich passiert. Wir gehen aber davon aus, dass wir uns trotz eines möglicherweise bald verfügbaren Impfstoffs und neuer Medikamente etwa bis Ostern 2021 in einer angespannten Situation befinden werden.

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