Gassigehen fällt weiterhin schwer

Ein langer Leidensweg: Frau aus MK erzählt von ihrer Corona-Erkrankung

norris hund
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Das Gassigehen fällt Jennifer Norris noch immer schwer. Seit 15 Monaten lebt sie mit den Langzeitfolgen ihrer Covid-Erkrankung. Eine Therapie, Reha oder hilfreiche Behandlungen will ihre Krankenkasse nicht genehmigen, weil nie ein PCR-Test gemacht worden ist.

Fieber, Übelkeit, Kurzatmigkeit – Jennifer Norris litt unter allen Symptomen, die eine Coronaerkrankung zu bieten hat. Ohne zu wissen, dass sie das Virus in sich trägt. Ihr Leidensweg begann bereits Anfang vergangenen Jahres und ist wohl noch lange nicht beendet.

Lüdenscheid – „Es fing damit an, dass ich mich total schlapp gefühlt habe und leichtes Fieber bekam“, blickt die Lüdenscheiderin auf den Februar 2020 zurück. Nach fünf Tagen ließen die grippeähnlichen Symptome wieder nach. Wenig später fiel ihr das Atmen schwer. „Das wurde immer schlimmer. Ich hatte einen Druck auf der Brust, als hätte mir jemand einen Zementsack aufgelegt“, versucht Jennifer Norris das beklemmende Gefühl in Worte zu fassen.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Wochenlang hatte sie mit schweren Atemproblemen zu kämpfen. Der Appetit ließ nach, und „mir hat sich der Magen umgedreht, wenn ich nur Fleisch gerochen habe“. Jeden Tag machte sie sich Hühnerbrühe. Etwas anderes konnte sie nicht essen. „Und die schmeckte nur noch nach Wasser“. Auch das Schlafen wurde zu einer Qual: „Ich war völlig fertig, kam aber nicht zur Ruhe. Ich habe mindestens zehn Monate lang nur im Sitzen schlafen können, weil ich sonst keine Luft bekam“.

Frau aus MK erzählt von ihrer Corona-Erkrankung: 20 Kilo in vier Monaten verloren

Kopfschmerzen plagten sie täglich, und ein unangenehmes Druckgefühl auf Ohren und Kopf ist bis heute geblieben. Jede Bewegung brachte die Lüdenscheiderin an ihre physische Grenze. Das Treppensteigen fiel ihr schwer, der Puls kletterte auf 160.

„Ich bin so viele Male zu Hausärzten gegangen mit akuter Luftnot. Meine Ärztin hat mich abgehört und meinte, sie könne nichts hören. Das würde von der Brustwirbelsäule kommen, weil ich dort auch Schmerzen hatte“.

Die Symptome verbesserten sich mit der Zeit von selbst, dafür bekam sie dann Schweißausbrüche und Schwindelanfälle. „Ich hatte Brainfog, und meine Augen konnten sich nicht mehr richtig fokussieren. Mein Magen machte mir Probleme. Innerhalb von vier Monaten habe ich 20 Kilo verloren“. Erst die Behandlung eines Osteopathen half ihr, besser atmen und durch regelmäßiges Augentraining wieder besser sehen zu können. Eine starke Lichtempfindlichkeit plagt sie jedoch noch immer. „Als hier Schnee lag und die Sonne schien, half mir nicht einmal eine Sonnenbrille. Ich musste mir Stoff über die Augen ziehen und dadurch blinzeln“, beschreibt sie das Ausmaß der Symptome.

Frau aus MK erzählt von ihrer Corona-Erkrankung: Lange keine richtige Diagnose erstellt

Auch nach weit über einem Jahr leidet Jennifer Norris noch immer an den Folgen der Infektion. Post Covid nennt sich diese Krankheit. Schwächeanfälle, Sehprobleme, Kopfschmerzen und Atemprobleme mit gelegentlichen Aussetzern der Atmung begleiten sie bis heute. Ihre Arztbesuche kann sie kaum noch zählen. „Bis auf die vierte Lungenfachärztin, die ich besucht habe, und einer HNO-Ärztin hat mich keiner ernst genommen“, klagt sie. „Ich weiß auch nicht, ob das Desinteresse ist oder eher Unwissenheit. Ich werde meist in die psychosomatische Ecke geschoben, oder es wird eine Depression diagnostiziert“.

Bis Ende 2020 hatte niemand eine richtige Diagnose stellen können. „Ich war bei Neurologen, Kardiologen, Allergologen, Internisten, Lungenfachärzten, Allgemeinmedizinern. Erst durch eine Selbsthilfegruppe bei Facebook fand ich die Ursache für meine Probleme“.

Ein Antikörpertest sollte für Gewissheit sorgen, doch die Mediziner gaben ihr einen Korb: „Zu teuer und zu spät dafür“. In ihrer Not ergriff die Lüdenscheiderin die Initiative und erfuhr, dass der Test nur 15 Euro kostet. Durch mehrere Tests konnte festgestellt werden, dass die Zahl der Antikörper abnahm und damit eine Covid-Erkrankung vorliegen musste. Auch die Lungenfachärztin attestierte eine Corona-Infektion als Ursache und legte ihr eine Post-Covid-Sprechstunde nahe. Eine Überweisung wollte ihr jedoch kein Arzt ausstellen. „Ich hatte keinen bestätigten PCR-Test und damit offiziell auch keine Corona-Erkrankung“.

Schließlich überwies die Lungenärztin sie dortin. Wartezeit: Ein dreiviertel Jahr. Ähnlich schwierig ist es für Jennifer Norris auch, eine Therapie, Reha oder unterstützende Behandlungen zu erhalten, so lange ihr keine Covid-Erkrankung attestiert wird. Das will ohne positiven PCR-Test jedoch kein Arzt machen. Diesen Test hat damals in den Anfangszeiten der Pandemie kein Mediziner bei ihr durchgeführt. Seit einiger Zeit ist die selbstständige Fotografin durch ihre Erkrankung arbeitslos. Überbrückungshilfen erhält sie deshalb auch nicht.

Frau aus MK erzählt von ihrer Corona-Erkrankung: Fernsehsendung „Akte“ berichtete

Doch nicht nur Jennifer leidet unter den Nachwirkungen des Virus, auch ihre beiden Söhne, Jason und Cederic, sind betroffen. Während der elfjährige Cederic durch die Krankheit sogar einen Teil seiner Sehkraft einbüßen musste, leidet sein älterer Bruder auch heute noch unter den Auswirkungen. „Jason hat noch immer Kopfschmerzen, Magenschmerzen und Schwindel. Seine Augen sind schlechter geworden und er hat einen deutlichen Leistungsabfall“, sagt seine Mutter. Bereits im ersten Schuljahr stellte eine Leistungsdiagnostik bei ihm einen IQ von 125 fest. Nach der Erkrankung waren es nur noch 105. „Wenn ich auf meine Hausaufgaben sehe, ist das wie Chinesisch. Ich verstehe es einfach nicht mehr“, versucht Jason seine Empfindung zu erklären.

Während es für Erwachsene mittlerweile einige Einrichtungen und Therapien für Post Covid-Erkrankte gibt, fehlen solche Angebote für Kinder und Jugendliche fast gänzlich. Jennifer ergriff deshalb die Initiative und rief die Selbsthilfegruppe „Covid-19 und Long Covid bei Kindern und Jugendlichen“ bei Facebook ins Leben. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich dort 150 Interessierte an.

Vor Kurzem berichtete sogar das Fernsehen über die Familie Norris und ihren Leidensweg. Der Sender Sat1 stellte sie in der Sendung „Akte“ vor. Mit der Aufmerksamkeit durch die Medien erhofft Jennifer Norris sich, dass der Fokus nicht nur auf den erwachsenen Post-Covid-Patienten liegt, sondern auch das Leid der Kinder erkannt wird. Auch den Lüdenscheider Bürgermeister hat sie angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Eine Antwort ist er ihr bisher jedoch schuldig geblieben.

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