„Commander“-Prozess hat begonnen

LÜDENSCHEID ▪ Ein Schausteller (38) und sein Vater (60) kämpfen um ihre Existenz. Ihnen gehört der „Commander“ – jenes Fahrgeschäft, von dem am 29. Mai 2010 auf der Hohen Steinert eine Gondel abriss und neun Menschen teilweise schwer verletzte. Jetzt eröffnete das Erweiterte Schöffengericht den Prozess gegen die beiden Bremer.

Vier der Verletzten treten als Nebenkläger auf. Staatsanwalt Bernd Maas wirft den Angeklagten vor, ein defektes Lager nicht rechtzeitig ausgetauscht zu haben.

Ob sie wirklich geschlampt haben, ob sie die verdächtigen Schleifspuren an der Unterseite der Gondel hätten richtig deuten können und müssen, darüber wird am zweiten Prozesstag ein Sachverständiger des Tüv Nord ein Gutachten erstatten.

Doch spätestens seit gestern ist klar: Es gibt weitaus mehr Verletzungen als ein gebrochenes Bein, mehr als Schürfwunden und Prellungen. Die körperlichen Schäden sind größtenteils behoben. Aber ein Teil der Opfer leidet bis heute unter den seelischen Folgen des Unglücks.

Lesen Sie Hintergründe auch hier:

"Commander"-Kirmes-Unfall: Prozess beginnt

Das sehen auch die „Commander“-Besitzer. Sie machten zwar gestern von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zur Sache vorerst zu verweigern. Dennoch sprechen sie zu den Opfern, die ihnen inmitten einer Phalanx aus vier Rechtsanwälten gegenübersitzen – und bitten um Entschuldigung. Es sei „eine ganz schlimme Sache“, sagt der Vater. „Das soll und darf nicht passieren“, fügt der Sohn hinzu. Aber: „Wir können nichts dafür.“

Acht Zeugen sagen aus. Ein 18-jähriger Schüler aus Unna will die Entschuldigung nicht annehmen. Er saß in der fraglichen Gondel und erlitt eine Platzwunde an der Stirn. „Aber die Verletzungen in mir sind viel größer.“ Unter Tränen berichtet er über die Entsetzensschreie seiner Mutter, die Qualen im schmerzverzerrten Gesicht seines Freundes auf dem Nachbarsitz und „das Blut überall“. Er ist seither Dauerpatient in der Psychotherapie. Bahnfahrten oder Urlaubsflüge seien fast unüberwindbare Hürden. „Ich vertraue keiner Technik mehr.“ Selbst ein harmloses Knackgeräusch einer Rolltreppe versetze ihn in Panik.

Die Verteidigung, vertreten durch Hannelore Frehse-Hautau und Manfred Kampschulte aus Bremen, lassen durchblicken, dass sie nicht bereit sind, einen Handel mit dem Ankläger einzugehen. Es geht um Tüv-Prüfungen des „Commanders“, die jeweils „ohne Mängel“ verlaufen seien, um erteilte Genehmigungen – und darum, dass der Apparat erst kurz vor dem Unfall „frisch aus der Instandsetzung in Soest“ gekommen sei. Und es geht darum, dass Gutachter nach einem neuerlichen „Commander“-Unfall in Bremen untersuchen, ob 1992 Konstruktionsfehler bei der Herstellung begangen wurden.

Für Vater und Sohn auf der Anklagebank geht es um die Existenz. Im Falle einer Verurteilung dürfte deren Haftpflichtversicherung jeden Beistand verweigern.

Der Prozess wird am 4. Oktober um 10 Uhr fortgesetzt.

omo

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare