Für das erste Weihnachten nach dem Krieg

Aus einer Granate wird ein Christbaumständer

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Der Teller der Granate ist deutlich zu erkennen. 

Lüdenscheid - Bei immer noch sommerlichen Temperaturen im September schon an Weihnachten zu denken, fällt schwer – auch wenn in den Geschäften langsam aber sicher das Weihnachtsgeschäft beginnt. Spekulatius und Lebkuchen, Lichterketten und andere Dekorationsartikel gelangen bereits in die Auslagen und dokumentieren den Überfluss, in dem Menschen in Deutschland im 21. Jahrhundert leben. Vor etwas mehr als 70 Jahren war das noch ganz anders: Das neue Ausstellungsstück für das Virtuelle Museum erinnert an Weihnachten 1945.

Es ist ein Christbaumständer, aber keiner, wie man ihn allgemein kennt: Er wurde aus einer Granate gefertigt. An diesem ersten Weihnachtsfest nach dem Zweiten Weltkrieg dürfte allein schon ein Christbaum mit Kerzen und Lametta für viele Familien der blanke Luxus gewesen sein. 

Not und Armut dominierten das Leben der Menschen nach dem Krieg. Der Schwarzmarkthandel begann zu boomen – und das sollte bis zur Währungsreform 1948 nicht anders werden. Dabei ging es den Menschen in Lüdenscheid noch vergleichsweise gut, weil die Stadt nicht zerstört war. Aber auch hier herrschte große Wohnungsnot wegen der Ausgebombten, die Zuflucht suchten, sowie der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Auch zu essen gab es kaum etwas. Glücklich war, wer Besonderes auf dem Tisch hatte, vielleicht sogar ein wenig Fleisch. Für die Bezugskarten gab es kaum etwas: Vielleicht etwas Zucker und Butter, damit die Mütter ein paar Plätzchen backen konnten. Am besten ging es denjenigen, die sich selbst versorgen konnten oder die noch etwas zum Tauschen auf dem Schwarzmarkt hatten. An Geschenke, wie sie heute im Überfluss unter den Christbäumen liegen, war kaum zu denken – vielleicht ein paar selbstgestrickte Socken oder ein altes Spielzeug, das aufpoliert wurde. 


Symbole des Friedens 


Und doch dürften die leuchtenden Christbäume hinter den nach sechs Jahren Krieg nicht mehr verdunkelten Fenstern für viele Menschen großes Glück bedeutet haben – Weihnachten im Frieden, mit der Familie, aber auch mit der Trauer um die, die nicht dabei waren – tot, vermisst, in Gefangenschaft. Viele Familien waren durch die Wirren des Krieges auseinandergerissen, wussten mitunter nicht, wo die Angehörigen sind und ob sie noch leben.

Eine eng vernetzte Gesellschaft mit E-Mail und Handys, die es von fast überall her möglich machen, Kontakt zu halten, gab es nicht. Die wichtigste Anlaufstelle, um vermisste Angehörige zu finden, war der Suchdienst des Roten Kreuzes – oder eine Nachricht am zerbombten Haus mit der neuen Adresse, aber das war in Lüdenscheid nicht nötig.

Da bekommt das aktuelle Ausstellungsstück gleich mehrfache symbolische Bedeutung: Ein Christbaumständer gefertigt aus einer eigentlich todbringenden Granate – ein deutlicheres Zeichen gegen Gewalt zum Fest der Liebe und des Friedens kann es kaum geben.

Aber dieser Christbaumständer macht auch deutlich, wie sehr Not erfinderisch macht. Es ist nachvollziehbar, dass die Menschen in jener Zeit Sehnsucht nach Weihnachten hatten – und dazu gehörte eben auch der geschmückte Tannenbaum. Wer keinen Ständer dafür hatte, musste sich etwas einfallen lassen.


Beispiel für Erfindergeist


Erfindergeist und Ideenreichtum waren nicht ungewöhnlich: In der Sammlung des Geschichtsmuseums gibt es mehrere Objekte, die die Historiker unter der Bezeichnung „Rüstungskonversionsgut“ führen. Das sind Gebrauchsartikel, die aus ehemaligen militärischen Gegenständen gefertigt wurden, nicht zuletzt aus Waffen. So gibt es im Depot noch einen Handkarren, dessen Räder aus den Felgen eines Radpanzers gemacht wurden.


Die Lüdenscheider waren immer schon erfinderisch.



Selbst für die, die Geld hatten, gab es kaum etwas zu kaufen. Also nahmen die Menschen, was sie fanden, um Neues und Brauchbares daraus zu schaffen: Aufbruchsstimmung trotz der völligen Ungewissheit, wie es in Deutschland weiter geht. Das galt auch für die Unternehmer, die ihren Neuanfang suchten. So gibt es im Museum auch eine Presse, die aus einer alten Wäschemangel gefertigt wurde. Auch Aspekte wie diese sind es, die über die Jahrhunderte die Innovationsgeschichte in Lüdenscheid ausmachen und dazu beitragen, dass die Stadt bis heute ein bedeutender Industriestandort ist. Dem will das Team des Geschichtsmuseums mit der neuen Dauerausstellung, an der intensiv gearbeitet wird, Rechnung tragen.

Aber bevor mit der Währungsreform auch das Wirtschaftswunder seinen Anfang nahm, wurden Not und Elend noch größer: Der eiskalte Winter 1946/47 ging als Hungerwinter mit Hunderttausenden von Toten in Deutschland in die Geschichte ein.

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