Chinesischer Nationalzirkus mit 40 Tonnen Handgepäck

LÜDENSCHEID - Sie reisen seit Mitte Dezember. Die einen im Nightliner voraus, die anderen mit 40 Tonnen Handgepäck: Artisten und Management des Chinesischen Nationalzirkus’ touren durch Deutschland und die Anrainerländer.

Von Jutta Rudewig

Heute Lüdenscheid, morgen Schweiz, übermorgen Österreich, nächste Woche Holland. 140 Vorstellungen umfasst die Tournee, am Dienstagabend machte der Tross im Kulturhaus Station.

Zugabe mit Zuschauerbeteiligung – wer in der ersten Reihe sitzt, wird auch beim Nationalzirkus schon mal zum Programmpunkt.

„Eine große Gruppe der Artisten kommt aus Peking“, sagt Nicolette Sroka. Artisten hätten im Reich der Mitte ein völlig anderes Standing als hierzulande, weiß die Tourmanagerin: „Man spielt dort überwiegend in festen Häusern. Artist ist ein sehr angesehener Beruf.“ Dass das Reisen mit Zirkuszelten in China eher die Ausnahme darstellt, ist nicht der einzige Unterschied zur deutschen Zirkus-Kultur: „Die Figur des Clowns zum Beispiel, die kennt man in China gar nicht. Aber hier geht Zirkus ohne Clown nicht. Deswegen hat Raoul Schoregge zum Beispiel den Part des Clowns übernommen.“ Schoregge ist Regisseur und Produzent der neuen Show „Feng Shui – Balance des Lebens“. Und ein Verehrer der Musik des Barden Konstantin Wecker, der keinen Hehl aus seiner Affinität zur asiatischen Kultur macht. Im Vorfeld der „Feng Shui“-Produktion habe man die Bilder, die am Dienstagabend auf die Kulturhausbühne projiziert wurden, Konstantin Wecker zur Verfügung gestellt. Danach komponierte Wecker die Musik, die die Show begleitete.

Feng Shui, die Harmonie des Menschen mit seiner Umgebung, wird in der Zirkusshow weder wissenschaftlich, noch esotherisch angegangen. Natürlich stehen sich auch auf der Kulturhausbühne unterschiedliche Pole gegenüber. Da ist zum einen die archaische männliche Artistengruppe, die jedwede Form von Übungen zwischen Salto und Flic-Flac in Perfektion beherrscht. Mal zu weicheren, oft aber zu harten, rhythmischen Klängen scheint es für die jungen Männer fast wie ein Spaziergang zu sein, sechs Meter hohe Stangen hinauf zu klettern, sich wieder fallen zu lassen und dem Stangentanz eine andere Bedeutung zu geben. Im fliegenden Wechsel wird es warm und weich und harmonisch. Die Artistinnen zeigen das, was den Europäer mit dem Reich der Mitte verbindet: Schillernde Kostüme, Glöckchen, Bambusstöcke, an denen schwere Stoffe hängen, Diabolos, sich stetig drehende Teller an langen Stangen – chinesischer Zirkus eben, choreografiert von Sun Quing Quing, die von sich selbst als „Großmutter der Schlangenmädchen“ spricht und gerade mal 30 Jahre alt ist.

Weit weg von zuhause vollbringen die chinesischen Akrobaten auch an diesem Abend wieder Höchstleistungen, so, wie es von ihnen erwartet wird und wie sie es von klein auf in den mehr als 1000 Artistenschulen Chinas gelernt haben. Der Skype- und I-Phone-Draht nach Hause ist dünn. „Aber er ist dank moderner Technik immerhin da“, sagt Nicolette Srora. Das relativ autarke System erlaubt den Akrobaten und dem Team ein kleines Stück zuhause in einem fremden Land – „wir haben alles dabei, eine Waschmaschine, Töpfe, Gewürze, sogar den Koch, der die Gruppe verpflegt. Untergebracht sind die Künstler, wo’s geht, in Hotels.“ Aber manchmal geht’s halt nicht. So wie an diesem Abend. Auspacken, aufbauen, auftreten, abbauen, einpacken – und ab geht’s nach Zürich. Im Neuen Theater Spirgarten wartet man schon, dann schläft die Gruppe halt im Tourbus.

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