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Chef der Intensivstation: Wenn Impfquote nicht steigt, kommt die Katastrophe

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Von: Jan Schmitz

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Angesichts steigender Zahlen gerät die Situation auf den Intensivstationen mehr in den Fokus. Ein Interview über die Corona-Lage mit dem Chef der Intensivstation in Lüdenscheid.

Lüdenscheid - Die aktuelle Entwicklung sieht Klinikdirektor Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig mit großer Sorge, wie er im Interview mit Jan Schmitz erzählt.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohner71.911

Chef der Intensivstation: Wenn Impfquote nicht steigt, kommt die Katastrophe

Wie ist die Situation derzeit auf der Intensivstation?

Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig: Wir haben jeden Tag eine komplett volle Intensivstation. Dazu muss man aber wissen, dass wir vor Jahresfrist unsere Intensivkapazitäten aufgrund der gesetzlichen Vorgaben deutlich ausgeweitet hatten. Das ist nun nicht mehr der Fall und die vorhandenen Intensivbetten sind alle belegt. Das wird auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so bleiben. Wir behandeln derzeit zwei Covid-19-Patienten auf der Intensivstation (Stand 18. November). Das heißt aber nicht, dass der Druck geringer ist. Wir bekommen derzeit bereits Anfragen von Kliniken außerhalb von NRW, ob wir helfen können. In Süddeutschland, Sachsen und Thüringen ist die Lage bereits richtig dramatisch. Mit Blick auf die nächsten Wochen haben auch wir kein gutes Gefühl – zumal wir jeden Tag darum kämpfen, dass wir ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung stellen können. Man muss anerkennen, dass wir in der Zeit, wo andere im Sommer aufgeatmet haben, auf einer vollen Intensivstation durchgearbeitet haben. Wir hatten keine Zeit zum Luftholen und es ist echt ein Kraftakt, jeden Tag Schwestern und Pfleger zu finden, damit die Patientenversorgung funktioniert.

Zwischen Leben und Tod: Reporter berichtet von der Intensivstation im Klinikum Lüdenscheid
Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig © Cédric Olivier Nougrigat

Haben Sie denn schon Zusagen gemacht, Patienten von außerhalb NRWs aufzunehmen?

Uhlig: Noch nicht. Aber man muss es ganz pragmatisch sehen. Das Corona-Virus in 2021 ist absolut identisch mit dem in 2020. Und wir müssen auch in 2021 davon ausgehen, dass etwa 0,8 bis ein Prozent aller Menschen, die sich mit diesem Virus anstecken, auf der Intensivstation landen. Wenn wir jetzt täglich Neuinfektionen haben von mehr als 55 000 haben, dann brauchen wir in absehbarer Zeit in Deutschland 2 000 Intensivbetten, die wir nicht haben, weil wir in Summe 4 000 Intensivbetten seit vergangenem Jahr abgebaut haben. Das bedeutet: Wenn das Infektionsgeschehen ungebremst weiterläuft, dann werden wir das definitiv nicht bewältigen können. Das Verrückte an der ganzen Situation ist ja, dass alle Voraussagen von Menschen, die von einer fachlichen Sicht aus argumentieren, komplett eingetreten sind. Die Prämisse lautete: Wenn die Impfquote nicht steigt, wird das im Desaster enden. Und weil sich an der Impfquote nichts geändert hat, endet es nun im Desaster.

Erwarten Sie eine Lage, wie wir sie derzeit in Bayern und Sachsen sehen, absehbar auch in NRW?

Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig:Wir haben in NRW eine um etwa zehn Prozent höhere Impfquote als beispielsweise in Bayern und etwa 15 Prozent höher als in Sachsen. Deswegen haben wir hier deutlich niedrigere Inzidenzen. Da merkt man, was es ausmacht, wenn zehn Prozent mehr Menschen geimpft sind. Es ist definitiv so: Das Entscheidende ist und bleibt die Impfung. Je höher die Impfquote, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Pandemie in den Griff bekommen. Je kleiner die Quote desto desaströser wird es.

Aus Sicht des Mediziners: Würden Sie sich eine Impfpflicht wünschen?

Uhlig: Ich bin ganz bewusst kein Politiker. Was ich mir wünschen würde, ist mehr Einsicht in der Bevölkerung. Zwang ist immer der schlechteste Berater. Neun von zehn Intensivpatienten mit Covid-19 bei uns sind definitiv ungeimpft. In der Diskussion mit diesen Menschen merken wir, da geht es nicht mehr um die Frage, ist die Impfung sinnvoll oder nicht, sondern um die bewusste Ablehnung der Impfung, weil man es nicht möchte, weil man ein bisschen trotzig ist. Ob das durch eine Impfpflicht besser würde, weiß ich nicht. Letztlich müsste die Impfpflicht ja auch kontrolliert werden. Was passiert dann mit denen, die sich der Impfpflicht widersetzen?

Kommt diese Einsicht bei den Ungeimpften denn, wenn sie auf der Intensivstation liegen?

Uhlig: Leider nein.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Patienten gemacht?

Uhlig: Das ist auch eine Frage der Grundeinstellung. Es gibt welche, die sehr unter der Krankheit leiden und wirklich mit dem Tod ringen, wo wir durch die Kooperation des Patienten merken, dass dort so etwas wie ein Umdenken stattfindet. Das ist vielleicht die Hälfte. Die anderen Patienten – und das ist für mich erschreckend – bekommen kaum noch Luft und sagen: Es gibt diese Krankheit nicht und deshalb brauche ich auch keine Behandlung. Das ist die schlimmste Situation, wo ich manchmal kindlich naiv sagen würde: Herr, lass Intelligenz vom Himmel regnen. Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, aber es findet bei uns real statt.

Was lösen solche Situationen bei den Ärzten und beim Pflegepersonal aus?

Uhlig:Wir machen alles. Wir geben uns definitiv genau so viel Mühe wie bei allen anderen Patientinnen und Patienten auch, aber – und das klingt vielleicht furchtbar, ist aber leider wahr: Wir wissen ganz genau, dass eine solche Haltung, die die Therapie verweigert, zwangsläufig dazu führt, dass dieser Mensch sterben wird. Da können wir auch nichts machen. Wir können dem Menschen nicht verbieten zu sterben, insofern sind unsere Mittel im Umgang mit diesen Menschen begrenzt. Die Krankheit ist die Krankheit, es macht keinen Unterschied, ob man sich als Impfverweigerer oder Impfbefürworter positioniert. Die Krankheit tötet, wenn sie nicht behandelt wird. Und wenn sie behandelt wird, sterben auf der Intensivstation dennoch 30 bis 50 Prozent der Covid-Patienten.

Vielleicht eine laienhafte Frage: Kann man sich auf der Intensivstation noch impfen lassen oder ist es dann schon zu spät?

Uhlig: In dem Moment, wo das Virus dafür gesorgt hat, dass der ganze Körper erkrankt ist, macht eine Impfung keinen Sinn mehr. Dann geht es eher um die Frage, ob die neuen Antikörpertherapien, die jetzt möglich sind, noch angewendet werden können. Bei Covid gibt es verschiedene Phasen. Wenn es gelingt, in der ersten Phase unmittelbar nach der Infektion die Viruslast im Körper zu senken und damit die Ausbreitung des Virus im Körper einzudämmen – und das tun Antikörper – , dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in der zweiten Phase zu mehrfachem Organversagen kommt, deutlich geringer. Deswegen ist es wichtig, dass man solche Antikörper frühzeitig gibt. Das wäre allerdings meistens in einem Zeitraum, bevor die Menschen auf der Intensivstation sind.

Sehen Sie auf der Intensivstation inzwischen auch Patienten mit einem Long-Covid-Syndrom?

Uhlig: Auf der Intensivstation nicht. Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die das Long-Covid-Syndrom haben. Nachdem Covid-19-Patienten als geheilt entlassen werden, machen wir anschließend regelmäßig Computertomographien. Da ist dann manchmal nicht mehr viel übrig von der Lunge. Die Wahrscheinlichkeit, dass Covid-Patienten nach ein, zwei Jahren wiederkommen, ist relativ groß. Es ist zwar auf der Intensivstation aktuell noch kein Problem, aber es kann durchaus noch eins werden.

Wie fällt Ihr Vergleich der Situation auf der Intensivstation zwischen Frühjahr 2021 und jetzt aus?

Uhlig: Der wesentliche Unterschied ist, dass wir Stand heute dastehen und sagen: Wir schaffen es gerade so, aber um Himmels Willen, was machen wir, wenn es uns hier in Lüdenscheid in vier Wochen genau so geht wie den Kliniken in Dresden, Bad Reichenhall oder Erfurt? Es ist nicht die Angst des Kaninchens vor der Schlange, sondern es ist eine große Sorge, dass wir in eine Situation kommen, in der wir die Krise nicht mehr beherrschen können. Wir können uns ja nicht vervielfältigen. Jetzt stellen Sie sich mal vor: Wir haben hier in Lüdenscheid zehn Covid-Patienten mehr. Was machen wir denn dann mit den anderen Patienten? Das ist das, was die Situation aktuell so belastend macht. Wir sind in einer so bedrohlichen Lage, dass – wenn es uns nicht bald gelingt, die Inzidenzen zu senken – das möglicherweise in der Katastrophe endet.

Wenn die Zahlen weiter steigen, wird es dann auch bei Ihnen so etwas wie eine Triage geben müssen?

Uhlig: Ich gehe davon aus, dass wenn der Druck der Patientinnen und Patienten stärker wird, man gemeinsam überlegen muss, welcher Patient wo behandelt wird. Es wird dann definitiv dazu kommen, dass Operationen, die aus guten Gründen verschiebbar sind, verschoben werden. Wie im vergangenen Jahr auch muss man hoffen, dass es gerade so eben gut geht. Wir glauben daran, dass wir es irgendwie auf der letzten Rille hinkriegen und wir tun auch alles dafür. An alles andere mögen wir nicht denken.

Hätten Sie gedacht, dass Sie in diese Situation noch mal hineinkommen?

Uhlig: Ja. Ich habe schon vor Monaten gesagt: Rechnet bitte damit, dass wir Ende November Inzidenzen von etwa 400 plus haben. Als die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, abgeebbt ist, war das so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Entscheidende ist und bleibt die Impfung und wenn die zunimmt, gehen die Inzidenzen runter. Wenn sich daran nichts ändert, kommt die Katastrophe.

Im Moment sind 70 Prozent der Einwohner im Märkischen Kreis vollständig geimpft. Wie hoch muss die Impfquote steigen?

Uhlig: Wenn wir bei 85 Prozent wären, wäre es gut. Ich weiß nicht, wie viele da noch fehlen.

Etwa 60 000.

Uhlig: Ja, dann los.

Welcher Weg dahin ist aus Ihrer Sicht der richtige?

Uhlig: Konsequent 2G, geimpft und genesen, weil die Schnelltests, die jetzt angeboten werden, in ihrer Aussagekraft nicht besser geworden sind als vor zehn, elf Monaten, als die auf den Markt gekommen sind. Sie haben bei den Tests eine relativ große Unzuverlässigkeit. Es ist eine trügerische Sicherheit, weil sich viele Menschen negativ testen, die aber faktisch positiv sind. Man wird definitiv darüber nachdenken müssen, dass man die Möglichkeit der PCR-Testung wieder verbessert. Dann kommt der nächste Schritt, der ein hochpolitischer und hochbrisanter ist. Wir werden die Pandemie nur durch Kontaktbeschränkungen in den Griff bekommen – und zwar im privaten Bereich, weil dort die größten Pandemietreiber sitzen. 2G, mehr PCR-Tests und Kontaktbeschränkungen plus eine Steigerung bei der Impfung – in dieser Summe kann es sein, dass wir vielleicht zu Weihnachten wieder sinkende Inzidenzen haben. Aber bis dahin werden die Inzidenzen deutlich gestiegen sein.

Kontaktbeschränkungen also für Geimpfte und Ungeimpfte?

Uhlig: Klar ist: Auch ein Geimpfter kann einen Ungeimpften anstecken, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er das tut, ist deutlich geringer als wenn ein Ungeimpfter auf einen Ungeimpften trifft. Aber trotzdem weiß man ja nicht, welcher Geimpfte gerade das Virus in sich trägt. Wenn, dann muss man Kontaktbeschränkungen für alle machen. Dann müssen halt alle noch einmal ein paar Wochen die Zähne zusammenbeißen.

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