Café Wermter schließt nach 50 Jahren zum Monatsende

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Das Samstagskränzchen muss sich jetzt eine neue zweite Heimat suchen – „am liebsten“ im großen Wohnzimmer von Marita und Ortwin Wermter (stehend). Der Abschied fällt keinem leicht, wird aber jedem auf seine Weise versüßt.

LÜDENSCHEID - Nächstes Jahr haben Marita und Ortwin Wermter Goldhochzeit. Und Zeit zum Feiern. Denn das Café, das der Konditormeister und die Konditoreifachverkäuferin direkt nach der Hochzeit übernommen haben, gibt es dann nicht mehr. „Am 29. Dezember ist unser letzter Tag“, sagt Marita Wermter. „Bei meinem Mann ist das noch gar nicht angekommen.“

Der Tisch am Eingang, direkt hinter der Tür mit dem bronzenen, altdeutschen Baumkuchengriff, ist für fünfzig Jahre reserviert. Fünfzig Jahre Feste unter Freunden und Pause vom Alltag. Plüsch und Plunderteilchen, Trauriges und Tortentrost, Damenkränzchen und Herrengedecke. „Flöhe“ aus einem halben Jahrhundert hat Marita Wermter hier ausgebreitet. Decken im Dutzend, farblich sortiert, für jede Saison. Tanzplatten und Trio. Conan-Bücher und eine „Frohes-Fest“-Girlande. Bunt und vielfältig, wie das Leben im Café Wermter selbst. Zum Monatsende ist Schluss.

Doch die Zeichen sind eindeutig. Suppentassen für einen Euro, Kerzenhalter aus Zinn und Spekulatiusmodel müssen raus, Gläser und Eisschalen, Formen für Pudding und Eisrosen, dazwischen ein alter Plattenspieler, Weintrauben und ein Clownsbild – das Schaufenster trägt seine letzte, üppige Jahreszeitendeko, der Rest kann schon weg.

„Herr Berger, er hat Ihnen Frankfurter gemacht“, ruft Marita Wermter quer durchs Café. Sie werden es vermissen, das samstägliche Treffen im munteren Kreis, das stets deftig beginnt und süß endet. Linsensuppe und Lüdenscheider Torte aus Kaffeesahne mit Weincreme und „Knübbelchen“ – kleinen Windbeuteln – obendrauf.

Marita Wermter wird’s auch vermissen. 71 ist sie jetzt, nach überstandener schwerer Krankheit trotzdem kein bisschen müde, wie sie sagt. Aber doch beruhigter: Weil’s endlich geklappt hat mit dem Verkauf des Hauses, das schon ein paar Jahre angeboten wurde, geht jetzt alles ganz schnell. Am 30. Dezember ist Schlüsselübergabe. Ein paar Tränchen sind gekullert, räumt sie ein, aber mittlerweile liegt auch das Bild auf dem Flohmarkt-Stapel, das die Kreuzung Werdohler-, Humboldt- und Kluser Straße vor mehr als 100 Jahren zeigt, mitsamt der Zuckerbäckerhäuser, die die Ecke einst prägten. Ein Café gab’s hier „schon immer“. Bald endet auch diese Tradition. „Ich will nichts mitnehmen. Das sind alles so viele Erinnerungen“, sagt das Herz des Hauses resolut: „Jetzt kommt ein anderer Lebensabschnitt.“

Ihr Mann ist 74 und denkt noch ungläubig an die Zeit danach. Keine Sonntagsarbeit mehr. Keine langen Backstubentage, die selbst den montäglichen Ruhetag auf einen halben eindampften. Nach unzähligen Tagen hinter der Kuchentheke mit bis zu 23 kunstvollen Gebilden aus Marzipan, Buttercreme, Sahnetuffs und Nougatschichten, die hier Platz und Probierwillige finden. Genuss ohne Reue. Wer hier reinkommt, zählt keine Kalorien. Der liebt Stachelbeer-Makrone.

„Erst kommt das Geschäft, dann die Freizeit“, hieß es immer. Jetzt überlegt er, dass es doch schön wäre, wieder zu Fotografieren. „Es gibt so vieles, was ich gerne gemacht hätte.“ Backen will er weiterhin, für sich und seine Marita: „Man kann ja auch kleine Torten backen.“

„Wir sind nicht nur in der Arbeit aufgegangen“, betont seine Frau. Aber sie sind mit den Kunden alt geworden. Am liebsten würde sie ein Buch schreiben über all das, „was ich hier erlebt habe. Trauriges und so viel Liebes, das ich zurückgekriegt habe“. „Sollen wir wieder tanzen gehen?“, fragt sie mit schelmischem Blick über die Theke hinweg. 17 Jahre waren sie der Tanzschule Meister treu, schwärmen von Festen, von Gemeinschaft, den Freundschaften: „Das war wirklich unsere schönste Zeit.“

Ein letztes Mal pflegen sie nun ihre Weihnachtstradition, öffnen Heiligabend bis 14 Uhr und an beiden Feiertagen von 10 bis 12 Uhr. So richtig komisch wird’s Neujahr werden. Da kamen die Kunden immer mit den besten Wünschen für das, was kommt. Die gibt’s in diesem Jahr schon alle vorher.

Von Susanne Kornau

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