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Busfahrkarte gestrichen: Stadt findet Abkürzung auf Schulweg

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Von: Olaf Moos

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Mutter und zwei Töchter auf dem Schulweg am Ehrenmal in Lüdenscheid
Michaela Reinfeld und ihre Töchter Frieda (links) und Emma testen den Fußweg vom Ehrenmal Parkstraße hinunter zum Oenekinger Weg – auf dem kürzesten Schulweg, wie ihn die Stadtverwaltung festgelegt hat. © Olaf Moos

Nach akribischen Messungen und der Suche nach einer Abkürzung auf dem Schulweg zweier Mädchen hat eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung einer Lüdenscheider Familie bewiesen: Die Entfernung zwischen der Wohnung und der Schule ist plötzlich zu kurz für die Übernahme der Kosten für Busfahrkarten.

Lüdenscheid - Gesunder Menschenverstand gegen Bürokratie: Michaela Reinfeld hat vier Töchter. Zwei von ihnen haben das Zeppelin-Gymnasium hinter sich – und kamen in den Genuss, die Busfahrkarten von der Stadt bezahlt zu bekommen. Die dritte Tochter, Emma (12), bisher auch, sie geht ebenfalls zum „Zepp“. Frieda (9) fängt nach den Sommerferien am Gymnasium an. Doch obwohl die Familie Reinfeld gefühlt schon ewig am Haus Schöneck wohnt, soll sie die Fahrkosten für Emma und Frieda künftig selbst tragen – je 45 Euro im Monat, 1080 Euro im Jahr. Der Kampf beginnt.

Es geht um jeden einzelnen Meter. Wenn der Schulweg mehr als 3,5 Kilometer lang ist, haben Familien Anspruch darauf, dass die Stadt die Kosten für die Busfahrkarte übernimmt. So steht es in der NRW-Schülerfahrkostenverordnung (SchfkVO). Und so hat die Stadtverwaltung die Anträge der Reinfelds auch stets bewilligt.

Stadtverwaltung Lüdenscheid verschickt überraschend Absage

Am 2. Juni bekommt Michaela Reinfeld, Altenpflegerin im Nachtdienst, Post aus dem Rathaus – und fällt aus allen Wolken. Die Sachbearbeiterin im Fachdienst Schule und Sport schreibt, der Schulweg ihrer Töchter sei nur 3,4 Kilometer lang. „Demnach liegen die Voraussetzungen für die Übernahme der Fahrkosten (...) leider nicht mehr vor.“ Dass der Weg von der Wohnadresse zur Schule plötzlich kürzer geworden ist, liegt laut Stadtverwaltung an „neuen Erkenntnissen“.

„Bei einer routinemäßigen Kontrolle“, so die Sachbearbeiterin weiter, „habe ich festgestellt, dass es sich bei dem genehmigten Antrag von 2019/2020 nicht um den kürzesten Schulweg handelt“. Die Fachfrau hat nämlich eine Abkürzung gefunden: die Parkstraße entlang und dann nicht weiter zum „Knapp“, sondern vor dem Ehrenmal rechts den Fußweg hinunter zum Oenekinger Weg und über die Westfalenstraße runter zur Kölner Straße und wieder hoch zum Sauerfeld bis zum Scholl-Gymnasium. Da steht laut SchfkVO „die nächstgelegene Schule der gewählten Schulform“.

Mutter Reinfeld fällt es schwer, ruhig zu bleiben. „Da kann ich ja froh sein, dass ich nicht abertausende Euro für die Busfahrkarten meiner älteren Töchter zurück erstatten muss.“ Sie nimmt Kontakt zum Fachdienst auf. Dort zeigt sich die Dame vom Amt zugänglich. Und verabredet sich mit Michaela Reinfeld am Haus Schöneck.

Am 15. Juni machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum „Scholl“. Die Mitarbeiterin hat ein geeichtes Messrad dabei. An der Grundstücksgrenze der „nächstgelegenen Schule der gewählten Schulform“ an der Hochstraße zeigt das Messrad die Distanz an. Voilà: 3477 Meter, also 23 Meter zu kurz. Der Antrag bleibt abgelehnt. Mutter Reinfeld hat die Zeit gestoppt: 57 Minuten. Und sagt: „Bei schönem Sommerwetter, als Erwachsene, ohne Tornister.“ Die Haustür der Reinfelds liegt 78 Meter von der Parkstraße entfernt, die Distanz ist eingerechnet. Hier zählt die Grundstücksgrenze nicht, nur an der Schule.

„Ganz weit bergab und dann wieder ganz hoch, das ist zu anstrengend“

Der Antragstellerin kommt es nicht nur auf die reine Strecke an, sondern auch auf die Topographie – „ganz weit bergab und dann wieder ganz hoch, das ist zu anstrengend“. Und was, wenn Schnee liegt? Eine Frage der Sicherheit. Dazu sagt der stellvertretende Werkleiter des Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetriebs (STL), Andreas Fritz, auf Anfrage von come-on.de: „Der Fußweg neben dem Ehrenmal runter zum Oenekinger Weg ist nicht beleuchtet, aber es gibt einen Winterdienst.“ Doch wann Schnee fällt und wie schnell er geräumt ist, wisse man vorher nie.

Michaela Reinfeld und ihr Mann Heinz, ein Schlosser, mögen sich mit dem Bescheid aus dem Rathaus nicht abfinden. „Man hat mir klipp und klar gesagt, ich brauche gar keinen Einspruch einzulegen, das habe sowieso keinen Erfolg.“ Der Klageweg beim Verwaltungsgericht Arnsberg steht der Familie offen – mit welchen Aussichten, ist unwägbar, Verfahrens- und Anwaltskosten sind hoch. Höher als 1080 Euro für Busfahrkarten.

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