Angeklagter kommt nicht

Busengrabscher-Prozess platzt: Stattdessen Strafbefehl

Lüdenscheid - 12 Uhr, Amtsgericht, Saal E 29. Es verspricht, spannend zu werden. Staatsanwältin Ina Pavel hat sich akribisch vorbereitet, Strafrichterin Kristina Thies ruft die Sache über Lautsprecher auf. Ein Dolmetscher für Tigrinisch, Amtssprache in Eritrea, ist gekommen. Fünf Zuschauer haben Platz genommen, die 18-jährige Zeugin kommt herein, eine Freundin begleitet sie. Um 12.04 Uhr erscheint auch Strafverteidiger Heiko Kölz. Aber der Busengrabscher aus dem Linienbus schwänzt. Der Prozess platzt.

Polizeilich vorgeführt wird der 34-Jährige nicht, er hat noch keinerlei Vorstrafen im Register. Damit bleibt der Vertreterin der Anklage nur, einen schriftlichen Strafbefehl gegen den 34-Jährigen zu beantragen.

Die tätliche Beleidigung war mehr als ein kurzer Griff zur Brust des Opfers, der Übergriff soll mehrere Minuten gedauert haben. Laut Strafgesetzbuch steht darauf eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe. Ina Pavel appelliert an die Richterin, die psychischen Folgen der Tat, unter den das Opfer zu leiden habe, nicht außer Acht zu lassen.

Anders als im sogenannten Popograbscher-Prozess vor zwei Jahren, als Verteidiger Kölz wortreich alle Register zog, um seinen Mandanten vom Verdacht zu befreien, ein frauenfeindlicher und übergriffiger Beleidiger zu sein – anders als damals kommt der Rechtsanwalt jetzt sehr schweigsam daher. In einem Schriftsatz hatte er aber seine rechtliche Einschätzung kundgetan. Danach habe sich das Opfer nicht gewehrt, also habe der Mandant sein Tun auch nicht als verwerflich eingestuft. In einer polizeilichen Vernehmung hat er aber ein Geständnis abgelegt.

Strafrichterin Kristina Thies fragt Kölz: „Kommt er denn?“ Schulterzucken, dann die Antwort: „Ich habe ihn heute noch nicht gesehen.“ Dann hüllt sich Kölz wieder in Schweigen.

Für den Fall, dass der Verteidiger argumentieren sollte, ein solches Verhalten gegenüber einer Frau sei im Herkunftsland des Angeklagten eher üblich, hat Staatsanwältin Pavel zuvor mit dem Direktor des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle an der Saale, Günther Schlee, gesprochen. Auch gegenüber den LN äußert sich der Völkerkundler. Er sagt, eine solche Argumentation habe keine Grundlage. „Die eritreische Gesellschaft ist im Gegenteil sehr konservativ eingestellt“ und kenne keine Toleranz bei sexueller Bedrängung.

Die Recherche war müßig, der Fall wird nicht erörtert, die Zeugin kann nach Hause gehen. Richterin Thies entscheidet: Der Angeklagte wird zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen verurteilt. Der 34-Jährige Asylbewerber hat keine Einkünfte, er bekommt nur Taschengeld, die Tagessatzhöhe wird auf fünf Euro festgesetzt. 300 Euro Geldstrafe.

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