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„Busenbrunnen“ im MK verschwunden - Sohn von bekanntem Künstler über Vorgehen entsetzt

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Von: Jan Schmitz

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Waldemar Wien Busenbrunnen Kreishaus
Die Skulptur wurde beschädigt und erst einmal vorsorglich eingelagert. © Ulla Erkens

„Busometer“ oder „Busenbrunnen“: Die Namen für die mannshohe Skulptur am Kreishaus in Lüdenscheid sind eindeutig zweideutig. Dass der Märkische Kreis das voluminöse Kunstwerk vor einigen Wochen heimlich still und leise abgebaut hat, hat aber nichts mit einer möglichen Sexismus-Kritik zu tun, sondern mit der Verkehrssicherungspflicht und nachlassender Standfestigkeit.

Lüdenscheid - Einer Lüdenscheiderin fiel erst vor wenigen Tagen die fehlende Stele vor dem Casino des Kreishauses an der Heedfelder Landstraße auf. In den 1980er- und 1990er-Jahren war der Bereich ein beliebter Treffpunkt der örtlichen Jugend. „Es ist ein Relikt unserer Kindheit. Wir sind alle darauf herumgeklettert, haben alle oben drauf gesessen“, berichtet Melanie Zeisberg. Die Skulptur mit den Knubbeln ertrug all dies über viele Jahrzehnte klaglos

Zwar wurde der Brunnen bereits vor Jahren trockengelegt, um „Wasser und Energie zu sparen“, wie Kreissprecherin Ursula Erkens auf Anfrage mitteilte, doch auch ohne Wasser glänzte die Bronze noch viele Jahre in der Sonne. Bis zum Frühjahr 2021. „Im Zuge des Baubeginns beim Kreishausneubau hat ein Gerüstbauer den Brunnen angefahren und leicht beschädigt“, berichtet Erkens. Daraufhin wurde der ehemalige Brunnen durch das Gebäudemanagement am 20. April 2021 vorsorglich eingelagert.

Eine stadtbildprägende Skulptur

Ein Foto zeigt die Skulptur waagerecht in einem Keller, die Schrauben für die Verankerung im Boden sind verbogen. Das Loch vor dem Casino wurde provisorisch abgedeckt. Welcher Künstler den „Busenbrunnen“ erschaffen hat, konnte der Kreis am Freitag auf die Schnelle nicht sagen. „Der Brunnen wurde vermutlich in den achtziger Jahren im Rahmen des Kreishausneubaus erworben. Leider weist kein Schild auf den Künstler hin. Auch wird der Brunnen im Prospekt zum Kreishausneubau – Einweihung April 1986 – weder erwähnt noch im Foto gezeigt“, erklärt Kreissprecherin Erkens.

Recherchen unserer Zeitung ergaben, dass die Bronze einem der renommiertesten Bildhauer der Region zugeordnet werden kann. Der 1927 in Dortmund und 1994 in Kierspe gestorbene Waldemar Wien erschuf zahlreiche bedeutende, bis heute stadtbildprägende Statuen. Die wohl bekannteste ist „Onkel Willi“ am Sternplatz in Lüdenscheid.

Mein Vater war in der Region ja auch kein ganz unbekannter Künstler.“

Sebastian Wien

Sein Sohn Sebastian Wien, der ebenfalls als Künstler tätig ist und seine Werke derzeit noch bis 17. Oktober in der Villa im Park in Meinerzhagen ausstellt, bestätigte auf Anfrage, dass es sich bei der Säule am Kreishaus um ein „Busometer“ seines Vaters handelt. Ein fast baugleiches, aber mit viereinhalb Metern deutlich höheres Exemplar mit den typischen Auswölbungen befindet sich vor dem Erlebnisbad Copa Ca Backum in Herten (Kreis Recklinghausen). Zwei mit dem Lüdenscheider Modell identische Bronzegüsse befinden sich in Düsseldorf und Kierspe-Rönsahl in Privatbesitz. Der Entwurf stammt nach Angaben des Sohnes aus den 1960er-Jahren. Waldemar Wien gab den Skulpturen den Namen „vegetative Säule“. Die Hertener nennen sie stattdessen aber lieber die „Vielbusige“. Als 2004 ein Shopping-Center gebaut wurde, musste das Werk Wiens neun Jahre später zur Wellness-Oase umziehen.

Ob es so lange dauert, bis das Lüdenscheider „Busometer“ einen neuen Standort erhält oder ob es für immer im Depot des Kreishauses verschwindet, ließ Kreissprecherin Erkens noch offen. „Das Gebäudemanagement plant im Zuge des Kreishausanbaus eine Veränderung der Wegeführung, so dass eine Wiederaufstellung der Skulptur zur Zeit noch nicht planbar ist“, heißt es aus dem Kreishaus – eindeutig uneindeutig. Für Sebastian Wien aber ist klar, dass die Skulptur seines Vaters „nicht einfach in den Müll geworfen“ werden darf. „Mein Vater war in der Region ja auch kein ganz unbekannter Künstler“, sagt Sebastian Wien und erinnert den Kreis an seine Verantwortung für die Kultur. Der Kreis müsse sicherstellen, dass die Kunst seines Vaters den Menschen auch weiterhin zugänglich sei.

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