Mit Kind die Lehre meistern

Hand drauf: Die erste Teilzeitausbildung bei Busch-Jaeger besiegelten Christian Richter, Karsten Adenauer, Ramona Frohn, Busch-Jaeger-Ausbildungsassistent Robert Bierkoch und Eva Henseler.

Lüdenscheid -  Mehrere tausend Schalter entstehen pro Schicht auf den hochmodernen Anlagen von Busch-Jaeger Elektro. Automaten montieren sie in mehreren Schritten aus rund 20 Einzelteilen, prüfen, verpacken, etikettieren. Vollautomatisch, aber doch noch nicht ganz ohne Menschen. Zwei Mitarbeiter bedienen jede Anlage. Ramona Frohn wird in wenigen Monaten dazugehören.

Die 20-Jährige beginnt am 1. September beim Elektrounternehmen am Freisenberg ihre Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin – in Teilzeit. In 25 statt 35 Stunden inklusive Berufsschulunterricht wird sie lernen, die Anlagen zu bedienen, den Ablauf zu überwachen, Qualitätskontrollen durchzuführen und die Automaten zu warten.

„Ich bin so glücklich, dass ich diese Chance habe“, strahlt die zierliche junge Frau übers ganze Gesicht. „Eine Teilzeitausbildung zu bekommen ist schwer.“ Jetzt bleibt der Alleinerziehenden genug Zeit, sich um ihre zweijährige Tochter zu kümmern, hat sie kein Problem mit KiTa-Öffnungszeiten.

„Teilzeitausbildungen sind eine Rarität“, bestätigt Eva Henseler, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit in Iserlohn. Im gesamten Regierungsbezirk Arnsberg gäbe es gerade mal 38, und ihres Wissens keine davon im gewerblich-technischen Bereich. Sie wünscht sich mehr Unternehmen wie Busch-Jaeger, die ohne Scheu unkonventionelle Wege gehen – und das sehr schnell.

Erst Mitte Mai hatte Eva Henseler bei einer Veranstaltung zur Familienfreundlichkeit von Unternehmen das Thema Teilzeitausbildung gegenüber Busch-Jaeger-Personalchef Karsten Adenauer angesprochen, mit Blick auf Personen, die ein Kind oder einen pflegebedürftigen Angehörigen betreuen. „Schon da war klar, wir wollen das machen“, erinnert Adenauer sich: „Wir sind flexibel und gerüstet für die Veränderungen bei der Bewerberstruktur.“

Bei seinem gewerblich-technischen Ausbildungsleiter Christian Richter rannte er offene Türen ein. Die Wahl unter den elf möglichen Berufen fiel auf den Maschinen- und Anlagenführer. „Bei einem Mechatroniker hätte ich wegen der komplexen Inhalte noch etwas Bedenken“, meint Richter. Beim Maschinen- und Anlagenführer kann der Betrieb – in Absprache mit der Industrie- und Handelskammer – den Inhalt weitgehend selbst bestimmen. Und auch die hat sofort mitgezogen.

„Sobald wir die Zeiten der Berufsschule haben, werden wir die Ausbildung zeitlich den persönlichen Bedürfnissen von Ramona Frohn anpassen“, sieht Richter überhaupt keine Probleme: „Erst geht es in die Lehrwerkstatt, ab Januar oder Februar dann in die Produktion.“ Läuft es gut, spräche nichts dagegen, das Angebot an Teilzeitausbildungsplätzen auszuweiten. Im kommenden Jahr wird Busch-Jaeger die Zahl der einzustellenden Azubis ohnehin noch einmal auf dann 23 erhöhen.

„Wir haben auch eine gesellschaftliche Verpflichttung. Wir verdienen gut und können es uns erlauben, etwas andere Wege zu gehen“, erklärt Adenauer. Glücklich ist darüber die, die es trifft – und die es sich verdient hat. Ramona Frohn hat rund 70 Bewerbungen geschrieben, vergebens. Der Start ins Berufsleben wollte nicht klappen für die Lüdenscheiderin, die, kaum mit dem Realschulabschluss von der Schule gekommen, schwanger wurde.

Seit März nahm sie an einer Vorbereitungsmaßnahme des Jobcenters teil und hielt durch. „Ich wollte aus der Jobcenter-Abhängigkeit heraus“, sagt sie. Bei Busch-Jaeger wird sie das wohl schaffen, denn die Ausbildung ist nicht nur wegen der Teilzeit attraktiv: Sie kommt auch ihrem Technikinteresse entgegen, das sie während der Maßnahme entdeckt hat. Von Hildegard Goor-Schotten

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