Info- und Diskussionsrunde

Bunter Ballon-Protest aus Solidarität mit Hussel

Gastronomen, Einzelhändler, Handwerker – der Protest hat viele Gesichter.

Lüdenscheid  - „Nichts hat das Fass zum Überlaufen gebracht,“ sagt Friseurmeister Yves Bubert, „nur die Ballons.“ Und so fing er mit einer Aktion an, die nun stadtauf, stadtab Solidarität mit Hussel zeigt.

Weil der Süßwarenhändler von der Wilhelmstraße seine das Stadtbild angeblich verunstaltende Ballontraube auf Weisung einer städtischen Bediensteten abhängen sollte, waren plötzlich an einer ganzen Reihe von Ladenlokalen und Gaststätten, selbst an Gerüsten und Firmentoren, Luftballons aufgetaucht – bunter Kontrast angesichts eines zunehmend als langweilig und gängelnd empfundenen Farb- und Gestaltungskonzepts der Stadt. Die Ballon-Parole ist längst zurückgenommen, die Unzufriedenheit ist geblieben.

„Man versucht, alles schön zu machen. Aber immer wenn man fragt, ‘ich hab’ da eine Idee’, heißt’s ‘Nein’.“ Thomas Ottofülling hat seit ein paar Jahren sein Geschäft „marrying“ an der Corneliusstraße. Seit dieser Woche dekoriert er das mit einer roten Ballontraube. Ronja Eicks Beruf ist das Schaffen von Ambiente, von Wohlfühlzonen, der Einsatz dekorativer Details. Ihr „Szenario“ von Gegenüber zelebriert das Besondere, setzt auf Individualität. Und auf Ballons. Vorne, am Übergang zur Wilhelmstraße, hat Apotheker Joachim Schulz ebenfalls Luftballons an seine Aufsteller geknüpft. Sie alle finden, es sei an der Zeit, einmal die vielen kleinen Ärgernisse anzusprechen, die das Händlerleben nicht nur erschwerten, sondern auch manches Mal unnötig teuer machten.

Im gerade frisch renovierten Altstadt-Wirtshaus „Zum Schwejk“ baumeln weitere Ballons in der Frühlingsbrise. Joana Schweitzer und Alexander Thomas unterstützen die Aktion. Eigene Erfahrungen? „Ja.“ Alexander Thomas findet: „Man kann die Stadt auch schön kaputt machen.“ Oder sie „falsch“ reparieren: Wie jener Hausbesitzer in der Oberstadt, so erzählt Pawel Zelazkowski, Geschäftsführer von „12 Freunde“, der seine großflächig mit Graffiti beschmierte seitliche Hauswand überstrichen hatte. Leider in der falschen Farbe.

Dann war da noch die Markise von Ronja Eick, die nun dreigeteilt sein musste statt durchgehend. Die Wunschfarbe, möglichst dunkel, „ging nicht“ erzählt die Dekoexpertin. Eine Farbe aus der Fassade sollte es sein. Es wurde ein Schlammton. Für die neuen Markisen allerdings werden jetzt 55 Euro im Jahr wegen „Nutzung einer öffentlichen Verkehrsfläche“ fällig. Die alte hatte Bestandsschutz, war kostenfrei. „Für die Verschönerung bezahlt man auch noch Geld“, sagt sie kopfschüttelnd. Apotheker Schulz hat seine eigene Markisenrechnung: drei Fenster, drei Markisen, drei Gestänge, drei Motoren, dreimal Montagekosten – das sieht er nicht ein.

Im Altstadt-Salon Bubert lässt sich „Meistermaler“ Michael Zentler gerade die Haare schneiden und auf den neuesten Stand bringen. Der Vortrag wirkt, er geht gleich ‘rüber zu Schubidu und kauft eine Großpackung Ballons. „Die kommen jetzt an mein Gerüst an der Kalve“, sagt er. Und erzählt von Übermal-Aktionen bereits fertiger Schriftzüge, weil „der Dame von der Stadt“ die Nuance nicht gefiel. „Die sollen doch froh sein, dass sich überhaupt etwas tut“, findet er.

Beratung und Vorschrift trennen

Das sind sie auch. Martin Bärwolf, Fachbereichsleiter Planen und Bauen bei der Stadtverwaltung, redet Tacheles zur Ballon-Frage: „Es gibt keine Grundlage, zu sagen: ‘Nehmen Sie die Ballons ab’. Wo kommen wir denn da hin!?“ Der Begriff „Missverständnis“ ist gefallen; mittlerweile sieht man es durchaus als tief greifendes Kommunikationsproblem: „Da kann man offensichtlich mit ein, zwei Bemerkungen viel Porzellan zerschlagen.“ Deshalb ist für ihn eine Lehre aus der „Ballon-Revolution“: „Wir müssen an Kommunikationspannen arbeiten.“ Das soll auf verschiedenen Wegen passieren:. „Mit allen, die draußen mit Leuten zu tun haben, klären wir: ‘Wie spricht man die Menschen an?’“ Dagmar Däumer, für die Stadtplaner in Gestaltungsfragen unterwegs, berate intensiv, und „natürlich lässt sie dabei ihre persönliche Meinung einfließen“. Beratung sei ein wichtiger, häufig gewünschter Punkt. Aber man müsse offensichtlich konsequenter trennen: „Jetzt berate ich. Das ist ein persönlicher Vorschlag. Das muss sein.“ Drittens: „Wir sollten einen Zirkel einrichten.“ Eine solche Runde mit Vertretern aus allen Fachbereichen, die die Satzungen nach außen vertreten müssten, sollte regelmäßig tagen und über Probleme, Einzelfälle, aktuelle Fragen informiert sein.

Fingerspitzengefühl gefragt

Es sei Fingerspitzengefühl gefragt im Umgang mit Einzelhändlern und Gastronomen, betont Martin Bärwolf: „Wenn hier jemand als Start-up einen Leerstand beseitigt, dann können wir dem nicht alles aufs Auge drücken.“ Und: „Wenn wir ein gutes Aufenthaltsklima erreichen wollen, können wir das nur zusammen machen.“

Gleichwohl brauche man gewisse „Leitplanken“, wofür die Satzungen stünden. Bislang habe man bei Versammlungen zum Thema, bei denen man eine Überarbeitung angeboten habe, keinen großen Gegenwind gespürt. Im Gegenteil. Aufweichungen habe die Mehrheit nicht gewünscht. „Wir haben das als Bestätigung aufgefasst.“ Dass mitunter die Furcht vor Sanktionen mitschwinge, will er nicht glauben und nicht hoffen. Natürlich sei Kritik problemlos möglich.

Aber er erwartet auch von Händlern und Gastronomen einen fairen Umgang. Als Verwaltung könne man erwarten, dass jemand, der Veränderungen am Geschäft, am Haus vornehmen wolle, wenigstens „mal anfragt“, nicht erst macht und sich dann wundert. - sum

Für Dienstag, 11 Uhr, lädt die Stadtverwaltung die Innenstadt-Gastronomen zur Info- und Diskussionsrunde in den kleinen Sitzungssaal des Rathauses ein.

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