Bürgermeisterwahl Lüdenscheid: Stephan Haase (NPD) im Porträt

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Stephan Haase und der Rosengarten: Hier würde der NPD-Kandidat Obstbäume pflanzen lassen, wenn er Bürgermeister würde.

Lüdenscheid – Im Biergarten des Lüdenscheider Brauhauses ist nichts los, nicht mal die Bedienung ist da. Ortstermin mit Stephan Haase, Gesicht der Lüdenscheider NPD. Ratsmitglied, Kreistagsmitglied, Bürgermeisterkandidat in der Bergstadt.

Zum dritten Mal nach 2009 und 2014. Beige Shorts, graues T-Shirt, dazu Schuhe, mit denen man auch einen ordentlichen Berg bewältigen könnte. Das Gesicht ist älter geworden als auf den Bildern früherer Kandidaturen und auch auf seiner Wikipedia-Seite im Internet. Haase ist inzwischen 51 Jahre alt, bei der ersten Kandidatur war er 40. Er wirkt hager. Ein hagerer Hüne, dem man den Bergwanderer abnimmt, der schon zweimal per pedes die Zugspitze erklommen hat, und das Hasenöhrl. Der mit seinen Gletscherfotos im Berner Oberland die Klima-Veränderung in den vergangenen Jahrzehnten festhält. Der noch den Watzmann besteigen will, und vielleicht irgendwann den Kilimandscharo, aber das ist teuer. 

Politisch arbeitet sich Haase seit 33 Jahren an einem Berg ab, den er nicht erklimmen kann. Er ist der von allen geächtete Exot vom rechten Rand oder, wie er selbst sagt, der „Platzhirsch für nationale Positionen“ im Südkreis. Ewiggestrig. „Geschichte ist Geschichte“, sagt er, „ich werde mich nicht verteidigen.“ Es gibt NPD-Mitglieder, die den Holocaust leugnen, das tut er nicht. Das Kernthema, der Umgang mit Ausländern, ist dieser Tage ohnehin nicht sein primäres Hauptthema, sondern eines unter vielen. 

Sein Thema der Stunde ist Corona. Haase war kürzlich einer der Demonstranten bei der Berliner Anti-Corona-Demo auf der Straße des 17. Juni und bezweifelt – natürlich – die offiziellen Teilnehmerzahlen. Viel mehr Demonstranten seien es gewesen, sagt er. Mit den Corona-Beschränkungen sei er nicht einverstanden, weil sie sinnlos seien. Haase erzählt, dass er sich seit dem Jahr 2000 intensiv mit dem Gesundheitsthema beschäftigt habe. Er traut der Schulmedizin nicht, habe vielmehr selbst ein Konzept ausgearbeitet, mit dem er Deutschland revolutionieren könne. Wie bei einer Verfassungsklage gegen Bundeskanzlerin Merkel, die er gerade vorbereite, gilt indes: Nichts Genaues zum Konzept, nur so viel: „Ich glaube nicht an krankmachende Viren!“ Eigentlich glaubt er gar nicht an Viren. Corona jedenfalls sei allenfalls ein Vehikel, um eine Panik zu schüren, die die Impfbereitschaft im Volk erhöhen solle. 

Haase trägt deshalb keine Maske. In 70 Prozent aller Fälle komme er damit gut durch, sagt er. Er trägt eine Auslegung der städtischen Justiziarin von Schaewen im Din A4-Format bei sich, die er zur Not Ordnungshütern zeigt. Er ist überzeugt, dass ihn kein Gesetz zwingen kann, trotzdem hat er sich zweimal selbst angezeigt, weil er gegen die Ordnungsvorgaben verstoßen habe. Es hat keine Reaktionen auf die Selbstanzeigen gegeben, was ihm nun auch wieder nicht recht zu sein scheint. Es bleibt kompliziert, den Bürgermeister-Kandidaten zu verstehen. Doch zurück zu Lüdenscheid und zur Kandidatur. Corona steht auch lokal auf seiner Agenda. „Mit mir als Bürgermeister wird es in Lüdenscheid den schwedischen Weg geben“, sagt Stephan Haase, so als ob es die realistische Chance gebe, Bürgermeister zu werden. Der schwedische Weg: Keine Maskenkontrolle, jeder dürfe selbst entscheiden. Dazu würde Haase alle Parkgebühren in der Innenstadt abschaffen, um den Einzelhandel zu helfen. Gegenfinanzierung? Natürlich über eine florierende Innenstadt und höhere Gewerbesteuern. Ein ausgeglichener Haushalt liegt dem NPD-Mann am Herzen. „Alle Zusatzaufgaben von Bund und Land sollen Bund und Land auch bezahlen“, sagt er. 

Und dann kommt er eben doch zum Kernthema der NPD: „Nur anerkannte Asylbewerber“ wolle er in Lüdenscheid aufnehmen, für alle anderen seien Bund und Länder zuständig. Integrations-Ausgaben? Nicht nötig, Haase will diese Menschen ja ohnehin zurückführen, was er persönlich gar nicht für fremdenfeindlich hält. Er will als Deutscher unter Deutschen leben, glaubt an die Unterschiedlichkeit der Kulturen. Doch zurück zur Stadt. Haase wünscht sich eine „grüne Welle“, was nicht politisch, sondern für den Verkehr gemeint ist. „Sogar Halver und Hemer schaffen das“, sagt er. Er wünscht sich, dass Industriebrachen genutzt werden. Und er wünscht sich Obstbäume am Rosengarten, von denen die Bürgerinnen und Bürger im Herbst die Früchte essen sollen. Unentgeltlich. In seiner Freizeit ist er im Nutzpflanzenbereich tätig. „Es geht mir darum, die Stadt so ökologisch wie möglich aufzustellen – mit einheimischen Bäumen, mit denen Bienen und Hummeln etwas anfangen können.“ Und dann doch noch einmal Corona. Die Forderung, Lüdenscheid zur Wissenschaftsstadt auszubauen, kombiniert er direkt mit der Ansage, im Kulturhaus einen alternativen Corona-Kongress ausrichten zu wollen. Mit Drosten, Wieler, aber eben auch kritischen Wissenschaftlern wie Bhakdi oder Wodarg. Stephan Haase ist keine Idee zu groß. 

33 Jahre als politischer Rechtsdraußen

Vielleicht gehört das zur politischen Erfahrungswelt nach 33 Jahren als Rechtsdraußen: Dass es unerheblich ist, wie groß die Forderung daherkommt, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich erfüllt, ohnehin gegen Null tendiert. Aber warum dann dieser Aufwand bei so wenig Ertrag? Warum dieser Verzicht auf ein normales Leben? Dieses Leben als Ausgegrenzter? Politisiert hat Haase 1987 eine Auseinandersetzung zwischen Lüdenscheider Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in der Lüdenscheider City. Seinen Schilderungen zu Folge, habe die LN seinerzeit die Dinge nicht korrekt dargestellt. Auf seine Beschwerde hin habe es keine Richtigstellung gegeben. Und eigentlich, sagt er, habe sich die Erfahrung, dass Dinge nicht richtig dargestellt werden, seit 33 Jahren durch sein Leben durchgezogen. 

Haase war danach in kleineren rechtsextremen Gruppen unterwegs, die bald verboten wurden. Er hat gemeinsam mit einem bekannten Lüdenscheider Nazi den Donner-Versand betrieben, der später als rechtsextrem verboten wurde. Er hat in der NPD-Zentrale gearbeitet in Berlin-Köpenick (2000 bis 2002), um danach NPD-Geschäftsführer in NRW zu werden. Als dann der NPD-Vorsitzende in NRW als V-Mann enttarnt wurde, übernahm Haase für sechs Jahre den Vorsitz der Landespartei. Es ist eine Karriere am rechten Rand, bei der er zweimal körperlich richtig Prügel einstecken musste (einmal in Lüdenscheid, einmal in Berlin), neben der er beruflich indes ein Gescheiterter blieb – auch und wegen seiner politischen Positionen. 

Sechs Mitglieder hat die NPD aktuell in Lüdenscheid

Offset-Drucker hatte Haase in den 80er-Jahren gelernt, nach der Bundeswehr aber zum Galvaniseur umgeschult und in diesem Beruf auch erst gearbeitet. Mit dem Donner-Versand, den er später an die NPD verkaufte, in die er übrigens erst 1998 eintrat, scheiterte er vor Gericht. Als Mitarbeiter eines Wachschutzes auch – die Stadt Lüdenscheid hatte ihm keine Unbedenklichkeitsbestätigung ausgestellt. Nach seiner Zeit als hauptamtliche Kraft in der Partei versuchte sich Haase als Ich-AG wieder im Bereich der Galvanik, doch die Rentenversicherung schätzte ihn nach sieben Jahren als Schein-Selbstständigen ein. Sein Arbeitgeber musste nachzahlen und beendete die Zusammenarbeit. Es folgte ein Intermezzo, bei dem er einen Laden betrieb, was aber auch nicht klappte. Nun ist Stephan Haase Kurierfahrer in Teilzeit – Vollzeit gehe das nicht wegen seiner kommunalpolitischen Aufgaben, sagt er. 

„Politik hat immer etwas damit zu tun, dass man etwas im Sinne seiner Einstellung verändern will“, sagt Haase. Aber hat er das? Er stimmt heute im Stadtrat mal mit der CDU ab, mal mit der SPD, mal mit den Grünen. Trotzdem bleibt er der Außenseiter, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Erfolge? Als er erstmals im Stadtrat saß, kamen 400 Gegner, der Saal war übervoll. Podiumsdiskussionen wurden 2014 und nun auch 2020 abgesagt, weil man mit ihm nicht am Tisch sitzen wollte. Dinge, die ihm eine Aufmerksamkeit verschaffen, die er realistisch kaum verdient hat. Sechs Mitglieder hat die NPD derzeit in Lüdenscheid, wie Haase erzählt. Mit Mühe hat er 23 Wahlbezirks-Kandidaten aufgetrieben – Hunderte hat er inzwischen angesprochen. Die meisten kandidieren nur einmal und dann nicht mehr. Die Resonanz ist gesellschaftlich nicht so, dass man das gerne zweimal macht. 

"Ich denke an die nächste Generation"

Haase bleibt dennoch unbeirrt. „Ich beacker das Feld thematisch. Die Zeiten werden sich ändern“, sagt Haase, „ich habe mich mit Mitte 20 entschieden, meinen Weg zu gehen. In aller Konsequenz. Ich will weitermachen, bis ich 70 bin.“ Haase sagt noch, dass er sich eigentlich nicht als Politiker sehe, sondern als Staatsmann. Er denke nicht in Legislaturperioden, er denke an die nächste Generation. Es bleibt dabei: Keine Idee ist groß genug. Im Brauhaus-Biergarten ist die Zeit vergangen. Die Bedienung ist nun da, auch einige Gäste in den Mittagsstunden. 

Noch diese eine letzte Frage. Was sagen eigentlich die Eltern zu ihrem Sohn? Haase erzählt, dass er aus einem christlichen Elternhaus stamme. Nein, die Eltern haben seinen Weg nicht gerne gesehen, aber sie haben es ihm auch nicht verboten. Sie haben gedacht, dass sie ihn vielleicht erst recht dorthin treiben würden, wenn sie es verbieten. Der Sohn ist indes bald aus der Kirche ausgetreten, weil er mit dem „Chef“ dort nichts anfangen konnte, nicht aus der rechten Szene. Sein Vater ist trotzdem mit ihm ins Gericht gegangen und hat sich aufgeregt darüber, wie geurteilt wurde. Sein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Haase hat nur noch seine Mutter. Ein normales Leben mit Frau, Kindern, Haus? „Ja, so ein normales Leben hätte ich mir gut vorstellen können“, sagt Haase und hält inne, „aber es sind Dinge vorgefallen. Ich habe immer neue Widersprüche entdeckt.“ Eigentlich, sagt Haase, sei er kein Mensch der ersten Reihe. „Aber das Schicksal hat es anders gemeint.“

Zur Person: Stephan Haase

Stephan Haase (Jahrgang 1968) ist gebürtiger Lüdenscheider und an der Höh zu Hause. Hier ist auch seit jeher sein Wahlbezirk. Haase wurde Ende 1996 als Betreiber des rechtsextremen Donner-Versandes wegen Volksverhetzung und Verbreitung von Kennzeichen einer verfassungsfeindlichen Organisation zu sieben Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe von 2000 DM verurteilt. Die Freiheitsstrafe wurde in der Berufungsverhandlung 1997 vor dem Landgericht Hagen auf sechs Monate reduziert. 1998 trat er der NPD bei, war zu Beginn des neuen Jahrtausends sechs Jahre lang Landesvorsitzender in NRW und gehörte dem Bundesvorstand an. 2007 kandidierte Haase in Schalksmühle für das Bürgermeisteramt, 2009 und 2014 in Lüdenscheid. Seit 2009 sitzt Haase als einziges NPD-Mitglied im Lüdenscheider Stadtrat, seit 2014 auch im Kreistag.

Die Mitbewerber um das Bürgermeisteramt in Lüdenscheid: 

Zu Besuch bei Sebastian Wagemeyer, SPD

Zu Besuch bei Christoph Weiland, CDU

Zu Besuch bei Jens Holzrichter, FDP

Das ist der Einzelbewerber Olaf Knuth

Kommunalwahl in Lüdenscheid: Diese Parteien und Kandidaten stehen zur Wahl

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