Bürgermeisterwahl Lüdenscheid: Kandidat Sebastian Wagemeyer (SPD)

+
SPD-Bürgermeisterkandidat Sebastian Wagemeyer.

Lüdenscheid - "Lüdenscheid: Mein Zuhause" lautet der Wahlspruch von SPD-Bürgermeisterkandidat Sebastian Wagemeyer. Die LN haben ihn in seinem Zuhause besucht.

Der Frühstückstisch ist gedeckt. Ferienausklang im grünen Zuhause. Vor drei Jahren zog es die Wagemeyers aus dem Wikingerweg in die Freiherr-vom Stein-Straße. Weg von räuberischer Stammesaura, hin zum stadtnäheren Verwaltungsreformer. Vor allem aber in ein Eigenheim mit großem Garten, Charme und Problemzonen, 1926 von Architekt Robert Lamm erbaut. Der neue Hausherr musste aufräumen, Räume und Zusammenhänge neu denken. Das war Teamarbeit. Seine Frau, viele Freunde, Fachleute, jeder brachte Talente, Arbeitskraft und Ideen ein. Ein Gemeinschaftswerk. Natürlich ging es nicht ohne Einschnitte. Jahre der Untätigkeit hatten zu Wildwuchs geführt. Jetzt gibt’s eine Struktur: Immer an der Wand lang. Ohne verschlungene Wege. Ein knorriger alter Apfelbaum in der Rasenmitte, der durfte bleiben. Zunächst. Doch im Fallobst summt’s. Und der Kleine läuft so gerne barfuß. Ein Abwägungsprozess. Nicht so klar wie bei den alten Fichten, die die Sicht aufs große Ganze verdeckten: Hier wurden Entscheidung und Baumkulisse schnell gefällt. Zuletzt hat er die dunkle Ecke hinten rechts angepackt. Der Anfang ist gemacht. Links daneben ist alles im Plan: Im Hochbeet, selbst gemauert, wächst Salat, den er eigenhändig einen Kopf kürzer macht, und vieles mehr. Säen und ernten – der Rhythmus macht ihm sichtlich Spaß. Die Kartoffeln hätten allerdings noch etwas gekonnt. 

Zum Frühstück gibt’s das volle Programm, große Blaubeeren und kleine Tomaten, frisch vom Strauch. Wenn er denn frühstücken würde. Etwas Mediterranes abends um 10, das ist eher seins. Also stürzen sich die Wespen direkt auf Käse und Schinken, während Sebastian Wagemeyer zögernd zum Milchhörnchen greift. In zwei Gesprächsstunden über Gott und die Welt, eigentlich nur über die Welt, wird er es höflich zur Hälfte abknabbern. Nur Kaffee geht immer. Erst einmal schickt er den gut gelaunten Zweijährigen auf den Weg, der mit Oma ans Wasser darf. Tags drauf beginnt der Kindergarten, heute ist der letzte Tag in Freiheit, sagt der Papa.

Auch seine Tage „in Freiheit“ sind gezählt, sollte er Bürgermeister werden. Dann wird der Terminkalender anders aussehen als der Stundenplan eines Oberstudiendirektors. Im Moment fährt er zweigleisig, organisiert den Schulalltag in Corona-Zeiten und pflegt Wahlkampftermine ein. Das sei anstrengend, findet er. Eigentlich, sagt der Kandidat, der nach der Wahl seinen 44. Geburtstag feiert, hatte er sich fünf Wochen freistellen lassen wollen. Ohne Bezahlung. Dann kam Corona, und der Schulleiter des Zeppelin-Gymnasiums beschloss, es sei „ein wichtiges Signal für das Kollegium“, im Dienst zu bleiben. Jetzt hat er nur die Woche vor dem 13. September schulfrei – „das macht es sehr sportlich“. Er selbst war auch mal sportlich. BMX-Rad, Skateboard, Fußball, Volleyball – Empfehlungen für die Jahre, als auf Freizeiten sein Reisefieber geweckt wurde, erst als Mitfahrer, dann als Leiter. Die Ameland-Touren seiner Zeit am Bergstadt-Gymnasium waren prägend, ein rostiger Ameland-Schriftzug schmückt die Gartenmauer – auch, weil er auf der Insel seine Frau geheiratet hat. Aus erster Ehe stammt ebenfalls ein Sohn, heute 14.

Inzwischen denkt er über ein E-Bike nach, um zum Staberg zu kommen. Oder zum Rathausplatz. Die Skateboards sind nur noch Show. Wanddeko. Glatte Decks, die das ungestüme Einst ins etablierte Jetzt bringen. Den Spiel-Platz im Wohnzimmer teilen sich die Holzeisenbahn des Jüngsten und die Star-Wars-Figuren des Ältesten. Der 43-Jährige zeigte sich kompromissfähig: „Meine Avengers mussten nach oben.“ Das Haus ist ein Sprücheklopfer. „Welchen Tag haben wir?“ fragt ein Bild. „Es ist heute“ antwortet es: „Mein Lieblingstag.“ Ein hölzerner Maine-Schriftzug erinnert ihn, der Englisch und Geschichte studiert hat, an Reisen mit seiner Frau quer durch die USA. „The world is but a canvas to the imagination“ gibt Henry David Thoreau mit auf dem Weg in den Garten, ins Leben: „Die Welt ist nur eine Leinwand für unsere Vorstellungskraft.“ Die Welt hat ihn immer schon gereizt. Reisen erdet, sagt er: „Deutsche jammern gerne auf hohem Niveau.“ Nur die regelmäßige „Weltreise“ zu seinem Fußballverein, die schreckt ihn. Also keine Dauerkarte für Borussia-Mönchengladbach. Warum ausgerechnet die? „Ist mein Club,“ sagt er dann, „immer schon gewesen.“ Man muss nicht alles hinterfragen. Manches ist, wie es ist.

Deshalb darf auch Hawaii weiterhin fehlen im Kronkorkenpuzzle mit USA-Umriss, das die Küche dominiert. Der Aloha-Staat-Kronkorken landete kurzerhand irgendwo zwischen Oregon und Wisconsin. Man muss auch mal querdenken. Verrückt sein. Aus der Reihe tanzen. Apropos Musik: Im Regal stehen mehr CDs als Bücher, die Gitarre gehört für den Sänger und Frontmann der einstigen Lüdenscheider Band „root“ dazu. Seine eigenen Wurzeln liegen in der Bergstadt, in einem sozialdemokratischen, diskussionsfreudigen Elternhaus. Trotzdem war die Kandidatur für den Rat 2014 Zufall, der nächste Schritt aber nun, gemeinsam mit der Familie, gut überlegt. Trotzdem steht er im Blickpunkt, nicht sie. „Mein Zuhause ist das hier, Familie, Lüdenscheid. Ich habe nie den Drang gehabt, woanders hinzugehen. Alles, was ich heute bin, hat mit dieser Stadt zu tun.“ In sich ruhend, relativ gelassen – so sieht er sich. „Man lernt, Dinge nicht mitzunehmen“, fühlt er sich gerüstet für den mitunter persönlich werdenden politischen Alltag. Der führt in diesem Sommer eher in die Gärten als in die Häuser. Wenn überhaupt.

Auch die Zeit macht es nicht leicht, sich persönlich ein Bild zu machen von dem, der ganz nach oben will. Da war der Brokkoli schon, auf Griffhöhe mit seinem 1,90-Gärtner. Dann kam er in den Topf. Außerhalb des Gemüsebeetes setzt Wagemeyer auf dialogische Führung, auf „wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe“, Menschen brauchten Freiraum, um zu wachsen. Aber kein Gedeihen ohne Rückschnitt. „Ich kann auch Top-down“, sagt er. Der Schnittlauch kann’s bezeugen. Also sieht sich der Kandidat gut gerüstet für die Führung der Stadt. 60 Mitarbeiter in der Schule, das sei Stadtverwaltung im Mikrokosmos. Er habe, sagt er, schon den Hauch einer Vorstellung davon, wie öffentliche Verwaltung funktioniert. „Das nötigt mir Respekt ab.“ Egal ob Schule oder Stadt: „Der Wechsel von Personen ist wichtig, sonst kann es sich nicht entwickeln.“ Weil sich nie alles wunschgemäß entwickelt, müssen Möhren und Radieschen nun Platz machen für produktivere Gemüse. Sie brauchen zu lange, der Ertrag ist gering. Also kauft der Fleischfan und Gelegenheitskoch die Wurzelgemüsebeilage bundweise zu, auch Peperoni für die nötige Schärfe zieht er nicht selbst. Was er nicht mag, tischt er ungern auf: Käse.

Die Mitbewerber um das Bürgermeisteramt in Lüdenscheid: 

Zu Besuch bei Christoph Weiland, CDU

Zu Besuch bei Jens Holzrichter, FDP

Das ist der Einzelbewerber Olaf Knuth

Das ist der NPD-Kandidat Stephan Haase

Kommunalwahl in Lüdenscheid: Diese Parteien und Kandidaten stehen zur Wahl

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare