Bürgermeisterwahl Lüdenscheid: Christoph Weiland (CDU) im Porträt

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Christoph Weiland, Familienmensch: Gruppenbild im Garten mit Ehefrau Tanja, den Söhnen Louis und Phil (rechts).

Lüdenscheid – Mitunter verrät ein Detail einer Spurensuche mehr, als es dem ersten Anschein nach zu verraten scheint. Wer mit dem Bürgermeisterkandidaten Christoph Weiland dieser Tage über den Menschen Christoph Weiland spricht, der trifft irgendwann auf den Schauspieler Christoph Weiland. Bühnenmäuse, na klar, aber auch Klavier-Ausbildung und klassischer Gesangsunterricht bei Volker Freibott, Kinder-Oper, Sparingsche Kulturhaus-Inszenierung mit Weiland, der den Prolog des Jedermann spricht. Und eben diese Lieblingsrolle: „Der Mann, der zweimal war“.

Klingt irgendwie kryptisch, kommt auf der Bühne aber vor allem lustig daher. Jack Popplewell hat das Lustspiel in zwei Akten geschrieben über die eineiigen Zwillinge, den Pfarrer Simon und den Geschäftsmann Peter, der auch ein Gauner ist. Und die Bühnenmäuse haben es gespielt, mit Christoph Weiland als Simon und als Peter. „Zwei gegensätzliche Charaktere, die sich im Laufe des Stücks annähern. 88 Seiten Text, die müssen erst mal sitzen“, sagt Christoph Weiland bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon in seinem Haus am Wehberg. Er hat das damals geschafft, die Leute haben sich amüsiert. Weilands Augen leuchten. „Komödien sind dankbar“, sagt der 44-Jährige und erzählt von den zwei älteren Damen, die daheim ihre Angehörigen pflegen und sich lange, lange auf den Theaterabend bei den Bühnenmäusen freuen. Über diese Abwechslung. Für sie hat er gerne gespielt, und natürlich für Sierra Leone, fließen die Einnahmen doch in die Hilfsprojekte. 

Der Mann, der zweimal war. Weiland hat ihn gespielt, doch im realen Leben ist Weiland der Mann, der dreimal ist, vielleicht viermal oder gar fünfmal. Oder noch mehr? Weiland, der CVJM-Vorsitzende an der Mathildenstraße. Er ist im CVJM groß geworden, hat seinen Zivildienst gegenüber vom Friedhof geleistet, hat Freizeiten organisiert, hat Andachten gehalten, sich um die Bühnenmäuse gekümmert, um die Blechbläser. „Im Zivildienst habe ich Reinigungstätigkeiten übernommen, habe an der Theke Dinge ausgegeben, aber wir haben auch den Bolzplatz neu gestaltet, viel mehr durfte ich ja nicht“, sagt er und denkt kurz nach, „ja, wahrscheinlich gibt es inzwischen beim CVJM nicht viel, was ich noch nicht gemacht habe…“ 

Die Freizeiten haben ihm immer besonders am Herzen gelegen. Seine Frau Tanja hat da mal für 60 Kinder gekocht, und Hund Kalle, den die Familie aus Ungarn zu sich genommen hat und der ein besonders liebenswerter Zeitgenosse ist, ist zu den Kindern, die Heimweh hatten, ins Zelt gekrochen, um sie zu trösten. „Es geht immer darum, die Kinder zu befähigen und zu bestärken“, sagt Weiland. Worum es ihm nie ging, das waren exotische Ziele. Anderes hatte Priorität. Die Freizeiten sollten für jeden erschwinglich sein, kein Privileg für diejenigen, die es sich von zu Hause aus leisten konnten. Also ging es nicht nach Schweden, Frankreich oder England, sondern nach Hessen. Holzhäuser, Zelte, Selbstverpflegung und ganz viel Gaudi beim Schlammrutschen. Wieder leuchten die Augen. 

Weiland erinnert sich aber auch gern an eine ganz andere Freizeit: 2011 waren es nur 16 Freizeit-Teilnehmer, nur Erwachsene. Das Ziel: Sierra Leone. Weiland, der Entwicklungshelfer. Zwölfmal hat er das Land in Westafrika besucht, zuletzt 2017. Weiland nennt es eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“. „Ich bin dahin gekommen, und die Menschen haben ihr Essen mit mir geteilt, obwohl sie nicht wussten, ob sie am nächsten Tag selbst noch etwas zum Essen haben würden.“ Es sind die Momente, in denen man den leisen, den nachdenklichen Bürgermeister-Kandidaten erlebt. Die Professionalität und die Motivation der Menschen dort trotz aller Rückschläge – es sind Dinge, die den Lüdenscheider nachhaltig beeindruckt, vielleicht ein Stück weit noch demütiger gemacht haben. „Rebellenkriege, Schlammlawine, Ebola“, sagt Weiland, „das ist das, was man hier im Fernsehen von Sierra Leone gesehen hat.“ Weiland hat herzliche Menschen, lohnende Projekte gesehen, und es liegt ihm unheimlich am Herzen, dass die Finanzierung für die Projekte dort weiter steht, auch durch die Hilfe der Bühnenmäuse. Irgendwie bleibt alles mit allem verwoben in seinem Leben. 

Die Politik? Die Wende 1989 habe ihn politisiert, sagt Weiland, doch in die richtige Politik ist er letztlich vor allem über sein soziales Engagement gerutscht. Erst seit 2009 ist er Mitglied der CDU. Da arbeitete er schon nicht mehr bei Hotset, der Firma des heutigen Stadtverbandschefs Ralf Schwarzkopf. „Wir haben immer einen guten Draht gehabt“, sagt Weiland über sich und Schwarzkopf, „den haben wir auch aufrecht erhalten, als ich nicht mehr dort gearbeitet habe.“ Als Schwarzkopf ihm die Bürgermeister-Kandidatur angetragen habe, da habe er „nach einer gewissen Zeit des Sacken-Lassens aus ganzem Herzen Ja gesagt“. 

Die Biermesse in Nürnberg würde er vermissen

Von Hotset aus ging es zu einer Firma für Umwelt-Messtechnik in Iserlohn, inzwischen ist Weiland Leiter des Vertriebes bei der Friedhelm Selbach GmbH in Radevormwald („Ich bin nicht der klassische Öko, habe im Beruf aber immer wieder mit Energie-Effizienz und -Einsparungen zu tun gehabt...). Bierzapfanlagen, Zapfanlagen für Erfrischungsgetränke, Tafelwasser-Geräte, Glühwein-Durchlauf-Erhitzer. Die Produktpalette lässt ahnen, dass die Corona-Zeit auch für Weiland keine leichte Zeit gewesen ist. Im März noch habe man mit einem Mega-Jahr gerechnet, auch wegen der Fußball-EM, dann sei das Tal der Tränen gekommen. „14 Betriebsversammlungen haben wir gemacht, immer mit nur fünf Mitarbeitern, aber das persönliche Gespräch war mir wichtig“, erzählt er, „heute sehen wir wieder Licht am Ende des Tunnels.“ Mobile Bierbars seien im Kommen, Tafelwasser-Stationen in Süddeutschland an Schulen und Universitäten ein Renner. Aber ob es die Biermesse in Nürnberg geben wird 2020? Weiland zweifelt daran und gibt zu, dass er sie besonders vermissen würde. 

Und noch etwas würde er wohl vermissen: BVB-Spiele mit Zuschauern. Weiland, der Fußball-Fan. Familie Weiland, die Fußball-Familie. Mit Frau und Sohn Louis schlägt das Herz für den BVB. Nur Phil, der mit elf Jahren Jüngste in der Familie, steht dem Fußball eher zurückhaltend gegenüber. „Ich kann mich noch gut an Spiele von Rot-Weiß Lüdenscheid in den 80er-Jahren erinnern, zu denen mich mein Opa mit an den Nattenberg genommen hat“, sagt er. Der eine Opa ein alter 08er, der andere später Ehrenmitglied bei RWL mit Wurzeln beim RSV Höh: in zweiter Generation vererbte Fußball-Liebe. Die Weilands sind nun seit einer kleinen Ewigkeit Dauerkarten-Inhaber für den Signal-Iduna-Park, inzwischen sogar nach mehreren Umzügen quer durchs Stadion auf der Ehrentribüne. Ein glücklicher Zufall, auch Angela Merkel hat man hier schon getroffen, BVB-Chef Watzke sowieso. 

"Durcheuphorisiert" von Jürgen Klopp

Christoph Weiland erinnert sich indes vor allem an sein erstes ganz bewusstes Fußball-Stadionerlebnis im UEFA-Cup 92/93 gegen den AS Rom, an die Pokalfinals, die er in Berlin erlebt hat, und natürlich ans Champions-League-Finale zwischen Bayern und dem BVB 2013 in Wembley. „Wir haben die Karten übers UEFA-Vater/Kind-Kontingent zugelost bekommen“, erzählt Weiland, „Louis hat vor Freude geweint, als ich ihm gesagt habe, dass wir nach London fahren.“ Das vergisst man so wenig wie den Pokalabend gegen Malaga – Nachspielzeit, Frau Tanja auf der Toilette: ein Tor. „Und ich dachte, das Stadion stürzt ein“, erzählt sie, echte Angst. Oder echte Freude, Tänze auf der Ehrentribüne, alles erlebt. Vater und Sohn waren auch 2016 in Basel, beim UEFA-Cup zwischen Liverpool und Sevilla. „Wahrscheinlich wegen Jürgen Klopp“, sagt Weiland, „der hat uns durcheuphorisiert.“ Weiland sagt tatsächlich „durcheuphorisiert“, was für ein schönes Wort. Inzwischen haben die Weilands auch für Sohn Louis (14) eine Dauerkarte zugeteilt bekommen, 2009 hat Vater Christoph seinen Sohn auf die Warteliste setzen lassen… 

Die Zeit vergeht beim Kaffee, die Themen ziehen vorbei, jedes könnte einen Abend füllen. Ist Christoph Weiland bei den vielen Facetten seines Lebens ein Rastloser? Ehefrau Tanja widerspricht: „Eher ein stetiger“, sagt sie, „was er macht, da bleibt er auch dabei.“ Ihr Mann ergänzt: „Natürlich sind die Tage voll, aber ich regeneriere schnell, brauche immer wieder neue Impulse.“ Regenerieren – das geht beim Fußball gut, oder zu Hause. Ein „offenes Haus“ haben die Weilands am Wehberg, nebenan wohnen Onkel und Tante, unten die Mutter des Kandidaten. Weiland, der Familienmensch, der sich nach dem Job auch gerne Kalle schnappt und in den Wäldern verschwindet. Oder eben daheim sitzt und erzählt. 

"Man muss immer in den Spiegel schauen können"

Der mit Sohn Louis zur Demo gegen die EU-Urheberrechtsrichtlinie nach Dortmund fährt und sich wundert, wie peinlich aufgestellt die älteren Politiker aller Parteien in dieser Frage daherkommen. Der nichts dagegen hat, wenn Sohn Phil lieber die Welt verbessern als Fußball schauen will und zu „Fridays-for-Future“-Demos läuft. Der mit seiner Frau Tanja mitfiebert, die die Tierliebe mit ins Haus gebracht hat und die nun noch vor der Kommunalwahl ihre Prüfung zur staatlich geprüften Hufschmiedin bestehen will. Dessen älterer Bruder in Ascheberg lebt und dessen ältere Schwester in Hall/England. Und der schon seit 1984 Halbwaise ist, weil sein Vater starb, als er gerade acht Jahre alt war. Sein Vater war stellvertretender Direktor am Zeppelin-Gymnasium, das nun seine beiden Söhne besuchen und das inzwischen sein SPD-Gegenspieler Sebastian Wagemeyer leitet. Lüdenscheid ist ein Dorf. 

Der Mann, der zweimal war: Wie viele Gesichter hat Weiland? Es sind so viele, aber doch noch eines, das vielleicht über allen strahlt: Weiland, der überzeugte Christ. Zu Hause seit jeher in der Markuskirche am Breitenfeld, die so schlicht und bescheiden daherkommt und die er trotzdem oder gerade deshalb so mag. Was bedeutet ihm der Glaube? „Es hat etwas mit Halt zu tun“, sagt Weiland, „etwas mit einem Kompass.“ Er überlegt, geht in sich. „Bezogen aufs tägliche Handeln: Man muss immer in den Spiegel schauen können.“ Egal, ob er dort den Fußball-Fan sieht, den CVJM-Chef, den kaufmännischen Leiter, den Entwicklungshelfer, den Ehemann, den Vater, den Sohn oder den Schauspieler – er will ihn mit einem guten Gewissen sehen. Auch den Bürgermeister-Kandidaten, am Ende vielleicht gar den Bürgermeister.

Zur Person: Christoph Weiland

Christoph Weiland wird zehn Tage nach der Kommunalwahl 45 Jahre alt. In seinem ehrenamtlichen Portfolio finden sich der Vorsitz des CVJM Lüdenscheid-West (seit 2014), die Mitgliedschaft im Jugendhilfe-Ausschuss der Stadt (seit 2016), die Arbeit als Beauftragter für die CVJM-Weltdienst-Arbeit im CVJM-Kreisverband Lüdenscheid (seit 2003), die Mitgliedschaft im CVJM-Stadtverband Lüdenscheid (seit 2014) und die Mitgliedschaft in der Arbeitsgruppe „Aktion Hoffnungszeichen“ (internationale Entwicklungshilfe-Projekte-Koordination) im CVJM Deutschland (seit 2012) wieder. Zu Weilands Hobbys zählen neben Fußball, Theater und Musik auch das Wandern und interationale Reisen.

Die Mitbewerber um das Bürgermeisteramt in Lüdenscheid: 

Zu Besuch bei Sebastian Wagemeyer, SPD

Zu Besuch bei Jens Holzrichter, FDP

Das ist der Einzelbewerber Olaf Knuth

Das ist der NPD-Kandidat Stephan Haase

Kommunalwahl in Lüdenscheid: Diese Parteien und Kandidaten stehen zur Wahl

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