Bürgermeister adé: Dieter Dzewas über Freiräume, Ruhestand und den richtigen Mix für Lüdenscheid

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Dieter Dzewas' Amtszeit endet: Am 2. November wird sein Nachfolger als Bürgermeister vereidigt.

Lüdenscheid - Mit diesem Monat endet die Amtszeit von Lüdenscheids langjährigem Bürgermeister Dieter Dzewas. Der 65-Jährige geht in den Ruhestand. Zeit für einen Rückblick auf 16 Amtsjahre.

Der Fotograf schießt aus jedem Winkel. Und der Bürgermeister macht, was er in 16 Dienstjahren, in denen jeder etwas von ihm wollte, notgedrungen zur Perfektion gebracht hat – mehrere Dinge gleichzeitig. Unterschreibt, was sein Sekretariat vorbereitet hat, blickt zwischendurch lächelnd hoch, bedauert halblaut, dass es keinen Weihnachtsmarkt der guten Taten geben wird. Dieter Dzewas hat keine Amtszeit mehr zu verlieren, diese Tage sind gezählt.

Wird er sein Sekretariat vermissen, wenn er nur noch Bürger, nicht mehr Meister ist? Das Gefühl, delegieren, anordnen zu können? Ja, wird er. Aber was man auf der einen Seite verliert, gewinnt man auf der anderen. So ist das Leben. So ist es gut. Das Leben ist mehr als der Job. Deshalb hat er im Wahlkampf allen Kandidaten ein ehernes Gesetz ans Herz gelegt: „Freiräume bewahren.“ Er freut sich auf Freiräume. „Wir haben vieles aufgeschoben, was man besser tut“, sagt er mit Blick auf die Familie. Nun sei seine Frau „froh über gleichberechtigte Assistenz bei den Enkeln“.

Drei sind es. Er hat schon Dauerkarten für die Phänomenta. Für seine Enkel ist der Phänomenta-Turm das Wahrzeichen der Stadt. Für ihren Opa ist es die bis zur Wohnadresse Werdohler Straße sichtbare Erinnerung an ein „großes Highlight“ seiner Amtszeit: die Denkfabrik. Mit im Haus wohnt Mutter Dzewas, sie wird 93: „Ich hoffe auf Mamas Gene“, sagt der Sohn (65). Er hat noch einiges vor, vor allem möchte er häufiger nach Zeeland. „Meine erste große Liebe war Holländerin“, schmunzelt der Scheidende. Zumindest die Liebe zum Land, zur Sprache ist geblieben.

Er hat sich sechs Monate Abstinenz vom Ehrenamt verordnet, aber den Genossen signalisiert, er könne sich eine Rolle als sachkundiger Bürger vorstellen. In dieser Woche hat er den Rathausschlüssel abgegeben. Wie es ist, nicht mehr mal eben ins Rathaus zu kommen, hat er schon gemerkt, als ihn der Sicherheitsdienst nicht durchgelassen hat. „Den kannte ich nicht“, kommentiert er das Erlebnis gelassen. „Der kannte mich nicht“, hätte er auch sagen können, aber so ist er nicht. Ein Sozialdemokrat ohne Klassendünkel.

Aber man konnte ihn kennenlernen, wenn etwas nicht lief, selbst wenn der Verwaltungschef kein Mann großer Machtworte war. Doch: „Es ist hilfreich zu wissen, welche Stellschrauben man drehen könnte. Und wenn man kommunal nichts beschleunigen kann, muss man ans Land.“ Er ist Netzwerker. Eine Gabe, ja, aber auch fast zwangsläufige Folge aus Verflechtungen und Wissen, das sich ergibt durch Schnittmengen in Aufsichtsräten und anderen Gremien. Und durch unzählige Bürgerkontakte. Das prägt sein Verständnis von Kunst: „Die Kunst ist schon der Kompromiss, nicht das Durchsetzen der eigenen Ideologie.“

Sein Netzwerk reichte bis in den Bundestag, dem er von 1998 bis 2002 angehörte. Danach wollte er Bürgermeister werden. Der Wahlkreis war ihm wichtiger. Zu oft hatte er im Bundestag über „die Menschen draußen im Land“ reden hören. „Damit konnte ich nie etwas anfangen.“ In der Kommune sei es möglich, Mehrheiten aufzubrechen, wenn es um stadtprägende Entwicklungen gehe. Im Bund nicht. „Das Leben der Menschen ist nicht Berlin, nicht Düsseldorf. Das ist dort, wo sie wohnen.“ Die Liebe zu den Menschen, der Respekt vor Lebensleistungen, das war es, was ihn die negativen Seiten von Amt und Würden hat wegstecken lassen. Das „Stahlbad Sozialamt“, hat er einmal gesagt, habe ihn früh abgehärtet gegen persönliche Angriffe – die bedenklichen Auswüchse dieser Zeit.

Er sieht es als erste Bürgermeister-Pflicht, die Bodenhaftung zu behalten. Also ging er morgens gerne zu Fuß ins Rathaus oder über den Markt, besuchte Firmen. Er machte sich ein Bild von seiner Stadt unterwegs, sprach mit den Menschen, wies schon mal einen Müllsünder an der berüchtigten Sammelstelle Brüderstraße darauf hin, dass es so nicht gehe. Und fing sich den Spruch „Was geht Sie das denn an?“ ein. Das sind die Hamsterrad-Momente, in denen er energisch wird: „Manche Kulturtechniken muss man rechtzeitig und mit gewisser Sanktion vermitteln.“

Sich einmischen ist Tagesgeschäft, selbst wenn die Themenfülle erdrückend, die Erwartungshaltung der Bürger grenzenlos scheint. Daher sei die Landung hart nach einem Wahlsieg: „Der Schock ist groß.“ Dass sein Nachfolger die Kultur für sich reklamiert, findet er spannend. Er wird eigene Akzente setzen, Angefangenes weiterführen müssen. Die Übergabe ist gelaufen. Nein, ein geheimes schwarzes Büchlein sei nicht dabei gewesen, sagt er und lacht.

Aber den Pieper für den Stadtalarm ist er los, zum Glück. Der ertönte beim Brand an der Elbinger Straße, auch bei Kyrill, natürlich. Zwei Feuerwehrleute wurden damals schwer verletzt, einer starb. Das vergisst er nicht.

Was bleibt sonst nach 16 Jahren? Einige Stichworte: Wünsche: Mehr Mäzene, mehr Sponsoren. „Vereine brauchen Verlässlichkeit über Jahre.“ Beeindruckend: Ein Dach für Lüdenscheid. „Wie nachhaltig Hilfe für Obdachlose durch jemanden wie Monika Deitenbeck war.“ Aber auch die Bereitschaft vieler, ihre Angehörigen zu betreuen. „Das macht den Kern fürs Zwischenmenschliche aus.“ Bedauern: „Dem Stern-Center diese neue Form ermöglicht zu haben. Mit der Erkenntnis von heute sind es doch ein paar Quadratmeter zu viel angesichts des Online-Booms. Aber 2008 war es ein Befreiungsschlag.“ Zukunftsfrage: Wie gelingt der richtige Mix aus Verkehr, Marktplatz, Wohnen, Kultur und Gastro in der Stadt von morgen? Die müsse, angesichts des „Pendler-Irrsinns“ attraktiv zum Wohnen sein. 

Neue Wege: Stadtteilkonferenzen, Sporteln, Zusammenarbeit mit Sportvereinen: „Lebensqualität ist nicht nur in der City zu sehen. Die Lebenswirklichkeit spielt sich auch im Stadtteil ab.“ Freude: Dass er noch einmal daran mitwirken konnte, die Schullandschaft aufzubauen, die Bildungslandschaft zu gestalten. „Das ist der Schlüssel für Integration, für die Zukunft der Stadt.“ Politische Enttäuschung: Das Nein zum Jahnplatz als Spielplatz für alle Generationen. Aber: „Unbequeme Entscheidungen zu respektieren, das ist Demokratie.“

Daueraufgabe: der Ausbau der Kita-Betreuung. „Da kommen wir nicht hinterher.“ Dass immer mehr Bauvorhaben mit privaten Investoren laufen, habe er sich 2004 schwer vorstellen können. Knackpunkt: Die sozialen Medien förderten die Erwartungshaltung der unmittelbaren, unreflektierten Antwort. Bleibe die aus, führe das zu Politikverdrossenheit. Sorge: Es fließe zu viel Geld in Kohleregionen, in absterbende Industrien. Aber: „Wir müssten jetzt Unterstützung haben für die Transformation unserer automotive-lastigen Wirtschaft.“

Dank: gilt den Willis. „Die bewegen viel in kurzer Zeit.“ Hoffnung: Auf Umsetzung der FH-Zusage, den Hochschulstandort auszubauen. Rettungswache: schwer zu verdauen. „Aber es gewährleistet auf 50 Jahre die Sicherheit in der Stadt.“ Tunnel: Hängt viel dran, steht viel drauf. Die Problematik habe eine „Turboentwicklung“ genommen – von der herabgefallenen Lampe zum Brandschutz. 

Zum Zitat vom Wahlabend: „Als das Ergebnis feststand, habe ich im Rathaus viele Steine plumpsen gehört“ – das, sagt er eloquent wie eh, habe sich nur auf eines bezogen: „Kommt jemand mit Verwaltungserfahrung oder ohne ins Amt? Sonst prallen Welten aufeinander. Eine gewisse Kontinuität im Handeln ist wichtig.“ Abschied: Dass er das Bundesseuchengesetz noch kennenlernen musste, „das ist kein schöner Abschied. Aber es ist, wie es ist.“

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