Brutale Attacke im Vollrausch: Geständnis

LÜDENSCHEID ▪ „Mutti“ war auf dem Bildschirm des Handys zu lesen, das der junge Polizist gerade sichergestellt hatte. Damit war klar, wer die Polizei anonym alarmiert hatte, um den Gewaltausbruch des 33-jährigen Alkoholikers zu stoppen.

Als die Gesetzeshüter in der Nacht des 13. Juli in der Wohnung Am Weiten Blick eintrafen, war die Sache bereits gelaufen. Sohnemann „stellte sich doof“, wie ein Beamter im Zeugenstand sagt. Und Stiefvater saß, nur mit Unterhose bekleidet, auf der Couch: Schnitt- und Stichwunden, Zehen, Unterarm, Jochbein und Oberkiefer gebrochen, eingeschüchtert, schweigsam. Und Mutter? Längst geflohen, aus dem Schlafzimmerfenster gesprungen, die Polizei angerufen.

Neben Strafverteidiger Dirk Löber sitzt ein ernst dreinschauender und unscheinbar wirkender Mann. Er hat noch nicht viel zustande gebracht in seinem Leben. Gut, zwei Töchter hat er mit zwei Frauen gezeugt. Unterhalt zahlt er nicht. „Ich war ja immer arbeitslos.“ Die Schule nach der 9. Klasse abgebrochen, mit 14 die ersten Sauftouren durch die Stadt, 17 Vorstrafen auf dem Kerbholz, vorwiegend Körperverletzung, und schon zwei Jahre gesessen. Die Vorsitzende der 1. Strafkammer am Landgericht, Heike Hartmann-Garschhagen, interessiert sich für eine Selbsteinschätzung des Mannes. „Glauben Sie, dass Sie krank sind?“ Antwort: „Ich müsste auf jeden Fall an mir arbeiten.“

Ähnlich vage kommen seine Erklärungen zum Tatgeschehen daher. Sein Stiefvater habe Streit gesucht, „dann muss ich ausgeflippt sein“. Mit Messern, einem Tischbein, einem Brett und sogar mit einer Geflügelschere traktiert er sein Opfer. Die Richterin spricht von einer „ziemlichen Raserei“. Und fügt hinzu: „Es ist nicht ganz schön, wenn man sich dann als Opfer einer Provokation hinstellt.“

Verteidiger Löber relativiert daraufhin. Es sei „nicht ausgeschlossen“, dass vor dem Gewaltausbruch kein Streit stattgefunden habe, erklärt er für seinen Mandanten. Vorher hat er mit Gericht und Staatsanwaltschaft eine Absprache getroffen. Kommt ein umfassendes Geständnis, wird das Verfahren wegen einer weiteren Tat – Schlag mit Bierflasche gegen Kopf eines Zechkumpanen – eingestellt. Und der Angriff auf den Stiefvater mit einer Strafe zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren geahndet.

Zum Schluss des ersten Verhandlungstages tritt auch „Mutti“ in den Zeugenstand. Sie hat, weil es um ihren Sohn geht, ein Aussageverweigerungsrecht – und macht davon Gebrauch.

Der Prozess wird morgen um 9 Uhr in Saal 201 des Landgerichtes fortgesetzt.

Olaf Moos

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