Brückenprüfung mit Hammer und gutem Gehör

LÜDENSCHEID ▪ Es ist 9 Uhr, der Berufsverkehr tost über die Rahmede-Talbrücke. Torsten Caspari hat einen undankbaren Arbeitsplatz. Den ganzen Tag sitzt er im Führerhaus seines Lastwagens, rollt mal einen halben Meter vor, mal zwei zurück – während der Lärm von zigtausend Autos, die einen Meter neben ihm vorbeifahren, nie verebbt. Zehn Meter unter ihm, auf einer schwankenden Arbeitsbühne, fernab des Verkehrslärms, herrscht Ruhe. Kurze Ansagen von Thorsten Ziolek wechseln sich ab mit dem Geräusch eines Hammers, mit dem Erich Strieter den Beton löchert. Die Brückenprüfer sind da.

Sie brauchen die Stille. Denn der Klang des Betons unter den Hammerschlägen sagt viel über den Zustand des Bauwerks aus. Thorsten Ziolek (40), Bauingenieur und seit 2003 mit Bauwerks-prüfungen des Landesbetriebs Straßen.NRW betraut, spricht von Erfahrungen und „ständigem Lernen“. Zu hören, wie bröckelig oder stabil der Beton ist, sei ebenso wichtig wie genau hinzuschauen, wie der Zustand der Stahlbauteile ist. Faustgroße Brocken platzen unter den Hammerschlägen vereinzelt aus der Oberfläche, landen polternd auf der 20 Meter langen Arbeitsbühne oder fallen in die Tiefe.

„Geräusch, Sicht, Wahrnehmung, Interpretation“, nennt Ziolek die Arbeitsweise. Er notiert, was er und sein Techniker Erich Strieter hören und sehen.

Er notiert nicht, was er sonst so beobachtet. Zum Beispiel Graffiti. An Stellen, die tödliche Fallen sein können. 40 oder 50 Meter über Grund finden sich sogenannte „Tags“. Von Leuten, die Zäune und Stacheldraht überwinden, auf Stahlträgern balancieren und ihr Sprayerleben aufs Spiel setzen. Thorsten Ziolek: „Wir haben in Brückenpfeilern schon Lager gefunden, die hatten sich diese Leute mit eigenen Vorhängeschlössern an den Zugangstüren gesichert.“ So weit die Eskapaden junger Draufgänger. Die Mannschaft um den Prüfingenieur ist seit einem Jahr verpflichtet, mit Gurtgeschirren gesichert zu arbeiten.

Nach zehn Tagen an der Unterseite der Brücke wissen die Spezialisten schon: Eine Grundinstandsetzung ist zeitnah angesagt. Die Rahmede-Talbrücke gilt nach Zioleks Einschätzung als standsicher und verkehrssicher. Aber die Stahlelemente müssten abgestrahlt und neu gestrichen werden – eine Frage der Nachhaltigkeit. Sicher seien die Bauwerke schon noch, „aber die meisten Brücken arbeiten an ihren Grenzen“.

In der nächsten Woche wollen die Männer sich „wie Fensterputzer“, wie Ingenieur Thorsten Ziolek sagt, von der Arbeitsplattform aus in die Tiefe hinablassen, um die Pfeiler in Augenschein zu nehmen, ebenfalls mit Hammer und gutem Gehör. Die Oberfläche der Brücke ist noch nicht dran. Vor drei Jahren, berichtet der Prüfer, haben er und seine Leute erst die Fahrbahndecke und die Sicherungseinrichtungen wie Leitplanken und Geländer überprüft.

Ist die Rahmede-Talbrücke geprüft, sollen als nächstes die Sterbecke-Talbrücke bei Lüdenscheid Nord und dann die Talbrücke Brunsbecke vor Hagen unter die Lupe genommen werden. Auch dann dürften die Arbeitsbühnen der Hagener Firma Cramer im Einsatz sein. Mitsamt firmeneigenem Personal. Ein Mann sitzt bei den Prüfern auf der Plattform unter der Brücke, schwenkt und dreht und senkt und hebt den stählernen Arm nach Bedarf. Ein weiterer Mann bleibt oben im Wagen und rollt dorthin, wo die Männer unter ihm hinwollen. Cramer-Arbeitsbühnen sind nach Angaben von Inhaber Peter Cramer weltweit im Einsatz. „Wir bauen unsere Bühnen selbst, vermieten und exportieren sie.“

Fahrer Torsten Caspari schaut auf die Uhr. Noch sechs Stunden Lärm, dann ist Feierabend.

Olaf Moos

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