Briten hatten damals sogar schon Fernsehen

Eine Aufnahme von der Gründungsversammlung am 11. September 1962. Dazu hieß es damals: „Vom Glatzer in den großen Saal des Stadthauses umziehen mussten alle, die zur Gründung der Lüdenscheider Brighouse-Gesellschaft in die Luisenstraße gekommen waren. Dann wurden mit den Bürgern unserer Stadt auch drei englische Gäste von Oberbürgermeister Diemer willkommen geheißen (von rechts): das Ehepaar Hexham und neben der Dolmetscherin Hanna Preuß James Pickels, Geschäftsführer der Lüdenscheider-Society in Brighouse.“

LÜDENSCHEID – „Völkerverständigung“ ist ein großes Wort. Und ein großes Ziel, dem man sich in vielen kleinen Schritten nähert.

Einen solchen Schritt machen in diesen Ostertagen wieder Engländer und Deutsche. Denn die Brighouse-Gesellschaft empfängt am Freitag Gäste aus der Partnerstadt (heute Calderdale). Damit setzen beide Seiten die Tradition der Osterbesuche fort, die vor 60 Jahren begann.

Bereits im Juli 1950 weilte „Englische Jugend in Lüdenscheid“, wie die LN damals berichteten. Zwölf junge Engländer im Alter von 16 bis 25 Jahren durchliefen Lüdenscheids Begrüßungsprogramm und lernten, in Gastfamilien untergebracht, 14 Tage lang die Bergstadt und ihre Menschen kennen. Noch unter dem Eindruck der jüngsten Kriegeserlebnisse und -folgen lag auf der Begegnung schon damals eine hohe Erwartungshaltung, sollten die jungen Leute doch „neue friedliebende Beziehungen unter den Völkern anbahnen“, wie es hieß. Die deutsche Gruppe, die im Anschluss zum Austausch in England war, zeigte sich beeindruckt vom freundlichen und lockeren Empfang. Der Grundstein war gelegt.

Der Lüdenscheider Georg Reiners, engagiert in der heute 84 Mitglieder zählenden Lüdenscheid-Brighouse-Gesellschaft, hat den runden Geburtstag der Begegnungen zum Anlass genommen und in Archiven nach Zeugnissen der gewachsenen Freundschaften gesucht. Unter anderem fand er ein „Englisches Tagebuch des Lüdenscheider Laienspielringes“, der 1950 zu den ersten England-Fahrern gehörte – damals noch eine gut 22-stündige Reise per Bahn, Fähre und Auto. Am Ende stand dabei regelmäßig die Erkenntnis, dass „der steife Engländer“ sehr herzlich und gastfreundlich sei.

Seit 1962 sind diese Freundschaften institutionalisiert: Am 11. September, wurde die Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Die Lüdenscheid-Society in Brighouse war zu dem Zeitpunkt schon ein paar Monate alt, die Osterbesuche längst lieb gewonnene und gepflegte Tradition. „Der Kern war damals“, so Reiners, „die Nachbarn zu verstehen, ihre Sprache zu lernen, zu sehen, wie sie leben. Das hat uns umgetrieben, und das fasziniert uns immer wieder.“ Und es ermöglichte manch’ erstaunliche Entdeckung. „Sie hatten bereits Fernsehen“, hieß es beispielsweise unter dem Foto einer englischen Gastfamilie 1950.

Galt es anfangs noch als „beschämend“, die Gäste einfach im Hotel unterzubringen, so wandelte sich das im Laufe der Jahre – zum Bedauern von Georg Reiners. „Es ist ausgesprochen wichtig, in die Familie zu gehen“, findet der pensionierte Pädagoge. „Aber es ist auch altmodisch“, räumt er ein. Zumal mittlerweile praktische Überlegungen für eine Unterbringung im Hotel sprechen. Gerade für die älteren Mitglieder – Gastgeber wie Gäste – sei das bequemer. Gleichwohl gibt es noch Unterbringung in Familien – wie beim aktuellen Besuch.

15 Gäste werden in Lüdenscheid erwartet. Eine Woche lang haben sie einen engen Terminkalender. Sie werden die Phänomenta sehen und später kegeln, sie fahren zur Hohkühler Bucht und machen einen Ausflug nach Essen, sie besichtigen die Kaffeerösterei und dürften, fast nebenbei, reichlich Gelegenheit haben – und geben – Sprachkenntnisse ungezwungen aufzufrischen. Und vielleicht die einen oder anderen Unterschiede im Lebensgefühl festzustellen, wie anno 1950, als ein Teilnehmer der Laienspielschar im Abschlussbericht seine Beobachtungen in der Theaternation England notierte: „Optimismus kommt auch in der Haltung und im Spiel der Jugend zum Durchbruch. Man spielt nicht problematisch, man ringt nicht mit dem Stoff, um selbst zur Klarheit zu kommen, sondern man freut sich an der Sprache, an der Bewegung und am Kostüm. (...) Im Mittelpunkt unseres Tuns steht das ernste Spiel. (...) Ich weiß, man hat auch in Lüdenscheid schon oft gesagt, wir sollten lustiger sein – aber können wir das, eine Jugend, die nicht mehr in dem Optimismus vergangener Jahrzehnte leben kann.(...) Die englischen Jugendgruppen dürfen und müssen anders spielen als wir; sie leben in einer splendid isolation.“

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