Recherchen zu Brandschutzmängeln

Gutachter sieht Todes-Gefahr für Patienten am Klinikum: Stadt drohte mit Schließung

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Großeinsatz am 5. Juli 2019 am Klinikum in Hellersen: Damals brannte der Fahrstuhlschacht vor dem Gebäude. Ein Gutachten im Auftrag der Stadt kommt nun zu dem Ergebnis, dass bei einem Brand im Hauptgebäude wegen Brandschutzmängeln Menschenleben gefährdet sind.

Lüdenscheid – Die Situation am Klinikum in Hellersen ist dramatischer als bisher bekannt. Wegen Brandschutz-Mängeln stand zwischenzeitlich sogar die sofortige Schließung des Krankenhauses im Raum.

  • Die Stadt Lüdenscheid hat ein Gutachten zum Brandschutz im Klinikum in Auftrag gegegeben
  • Der Gutachter sieht bei einem Brand eine tödliche Gefahr für die Patienten
  • Jetzt ist ein Streit zwischen Klinikum und Aufsichtsbehörde entbrannt

Die Schließung konnte zwar abgewendet werden, dennoch ist hinter den Kulissen ein heftiger Streit zwischen dem Klinikum und der Stadt Lüdenscheid als Aufsichtsbehörde entbrannt. Auslöser ist ein Gutachten, das im Falle eines Brandes eine nicht unerhebliche Zahl von Todesopfern auf einzelnen Stationen voraussagt. 

Klinikum und Stadt Lüdenscheid hatten in der vergangenen Woche in einer gemeinsamen Erklärung die Brandschutzmängel im Hauptgebäude eingeräumt und auch den Einsatz von sechs externen Brandschutzhelfern bestätigt, weitere Nachfragen zu den Hintergründen aber abgeblockt. Diese kommen nun durch Recherchen unserer Zeitung ans Licht.

Gutachter errechnet Todesgefahr für bettlägerige Patienten im Falle eines Brandes

Demnach wurde das besagte Gutachten der Dekra im Auftrag der Stadt Lüdenscheid erstellt und Ende Oktober vorgelegt. Darin soll unter anderem errechnet worden sein, wie viele bettlägerige Personen in welcher Zeit durch das Personal evakuiert werden können. Im Ergebnis müsse im Brandfall mit Toten gerechnet werden, heißt es sinngemäß in dem Gutachten. 

Da die vermeintliche Todesgefahr nun schwarz auf weiß in einem städtischen Gutachten auftauchte, sah sich die Aufsichtsbehörde zum Handeln gezwungen

Nach unbestätigten Informationen kam es Anfang November zu einem Krisen-Treffen, an dem neben Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper auch Lüdenscheids Bürgermeister Dieter Dzewas teilnahm. Darin soll die Stadt Lüdenscheid mit der Schließung des Klinikums gedroht haben, sollten die Mängel nicht unverzüglich abgestellt werden. Dies sei nur zu verhindern, indem der Krankenhaus-Betreiber eine 24-Stunden-Brandsicherheitswache mit mehr als 20 Personen stelle. 

Märkische Kliniken geben Gegen-Gutachten in Auftrag - und weisen Dekra-Gutachten zurück

Das Klinikum gehört der Märkischen Gesundheitsholding. Sie ist eine 100-prozentige Tochter des Märkischen Kreises. Die Behörde hat unter anderem die Gesundheitsversorgung im Kreisgebiet sicherzustellen. Die Schließung der Klinik oder einzelner Stationen wurde daher als unverhältnismäßig zurückgewiesen. Die angedrohte Ordnungsverfügung wurde daraufhin von der Stadt zurückgezogen. 

Dennoch gab der Klinik-Betreiber ein Gegen-Gutachten in Auftrag, das Mitte November zu einer gänzlich anderen Einschätzung als die Dekra kam. Tenor: Ein Gefahrenpotenzial für Leib und Leben der Mitarbeiter und Patienten sei auch im Brandfall nicht vorhanden. Zudem sollen die Berechnungen zu Todesfällen aus dem Dekra-Gutachten auf falschen Annahmen beruhen. 

Stadt Lüdenscheid fühlt sich an Aussagen im Dekra-Gutachten gebunden 

Die Stadt Lüdenscheid hält sich dennoch an dieses Gutachten und sieht auch weiterhin Gefahr im Verzug. Anfang Dezember wurde daher eine Ordnungsverfügung für das Klinikum Lüdenscheid erlassen, die dem Klinikum eine Brandsicherheitswache im Hauptgebäude vorschreibt. Kalkulierte Kosten für die Märkischen Kliniken: Mehr als 200.000 Euro im Monat.

Dem Vernehmen nach geht der Krankenhaus-Betreiber gegen die Ordnungsverfügung mit juristischen Mitteln vor. Hat er Erfolg, drohen der Stadt hohe Schadensersatzforderungen. 

Zwischen Stadt Lüdenscheid und Klinikum gibt es seit Jahren Differenzen beim Brandschutz

Die Stadt hat dem Klinikum nun eine ganze Reihe von Auflagen gemacht, die dem Vernehmen nach bis spätestens Ende Februar erfüllt sein müssen. Welche Maßnahmen das genau sind und welche Auswirkungen das auf den Klinikbetrieb hat, war zunächst nicht zu erfahren. 

Was im Zuge der Recherchen auch deutlich wurde: Das Thema Brandschutz beschäftigt Aufsichtsbehörde und Klinikum bereits seit 2012. Damals waren bei einer Begehung im Hauptgebäude fast 150 Brandschutz-Mängel aktenkundig geworden, die aufgrund neuer Brandschutz-Richtlinien zu beseitigen sind. 

Tiefe Gräben zwischen Klinikum Lüdenscheid und Aufsichtsbehörde

Bis heute ist die Liste nicht vollständig abgearbeitet worden. Im Ergebnis bedeutet das: Auch sieben Jahre nach der ersten Begehung liegt nach Informationen unserer Zeitung kein gemeinsam abgestimmtes Brandschutzkonzept für das Hauptgebäude vor. Klinikum und Stadt machen sich dafür gegenseitig verantwortlich. 

Da die Gräben zwischen der Aufsichtsbehörde und dem Krankenhaus-Betreiber mittlerweile offenbar zu tief sind, sollen nun Vertreter aus dem NRW-Innenministerium als Mediatoren in dem Streit vermitteln.

Anfrage an das Klinikum Lüdenscheid bleibt unbeantwortet

Eine weitere Anfrage zu den Auswirkungen auf den Klinikbetrieb am Klinikum blieb am Dienstag erneut unbeantwortet. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man über die Erklärung hinaus keine weiteren Fragen beantworten, hieß es aus der Pressestelle des Klinikums. 

Ein Großeinsatz nach einem Brand am Klinikum beschäftigte die Feuerwehr Lüdenscheid im Juli. am Zu einem Zwischenfall kam es am Wochenende in der Notaufnahme im Klinikum Lüdenscheid. Dort wurde ein bewaffneter Mann angeliefert. Eine medizinische Meisterleistung lieferten Ärzte im Klinikum Lüdenscheid, als sie einer Frau mehrere abgetrennte Finger annähten. 

Im Foyer des Klinikum Lüdenscheid schließt ein Geschäft für immer. 

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