„Wir produzieren für die Tonne“

Ein Jahr Bonpflicht: Unverständnis bei Händlern im MK

Die Pflicht zum Kassenbon gilt seit dem 1. Januar 2020. Seit diesem Datum müssen Händler einen Kassenbon für ihre Kunden erstellen und ihnen den Beleg aushändigen. Nach einem Jahr ziehen die Einzelhändler Bilanz: Wie schlimm war die Bonpflicht wirklich? Welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet? Wir haben uns in der Innenstadt von Lüdenscheid umgehört.

Lüdenscheid – Die Pflicht zum Kassenbon ist vielen Einzelhändlern ein nerviges Dorn im Auge. Nach einem Jahr ziehen die Einzelhändler der Lüdenscheider Innenstadt Bilanz - diese fällt zwar nicht durchgehend, aber mehrheitlich negativ aus.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohner 72.313 (Stand: 31.12.2019)

Jeden Mittwoch und Samstag steht der Halveraner Metzger Reiner Wiebel mit seinem Wagen auf dem Lüdenscheider Wochenmarkt, um Aufschnitt, Sülze und Co. an die Bergstädter zu verkaufen. Für ihn war die Umstellung zur Bonpflicht keine Umstellung, denn: „Als Kaufmann lernt man: Keine Buchung ohne Beleg. Ich möchte meinen Kunden ja die Sicherheit geben, dass sie auch noch zu Hause nachvollziehen können, was sie gekauft haben.“

Ein Jahr Bonpflicht: Metzger Wiebel sieht Bon als „Kontrolle“ für Kunden und sich

Zudem sei der Bon auch eine Kontrolle für ihn. „Ich möchte ja wissen, welche Ware ich genau verkaufe.“ Nur so könne er auch selbst planen, welche Fleisch- und Wurstwaren er mit auf die Märkte nehmen muss.

„Wir produzieren direkt für die Tonne. Das ist ganz klar: Durch die Beschichtung ist der Bon ja kein Papiermüll“, sagt Verkäuferin Sandra Seifert von der Bäckerei Kayser am Rathausplatz und zeigt auf den prall gefüllten Mülleimer voller Bons. „Bei uns wollen die Kunden keinen Bon für ihr Brötchen. In einer Schicht wollen maximal zehn Kunden einen Beleg.“

Ein Jahr Bonpflicht: Neue Kasse kostete 2500 Euro

Arnd Nitsch weiß genau, wie viele Kunden einen Bon in seinem Lotto-Bistro am Sternplatz haben wollen. „Von unseren täglichen 250 bis 350 Kunden nimmt nur ein älterer Herr seinen Bon immer mit. Ansonsten möchte kein Kunde einen Beleg. Der ist ja eigentlich für den Umtausch gedacht. Zigaretten werden ja nicht umgetauscht“, sagt Nitsch, der sich aufgrund der Bonpflicht eine zweite Kasse mit Bonsystem anschaffen mussten. Kostenpunkt: 2500 Euro, die Wartung des Geräts kostet ihm in diesem Jahr weitere 500 Euro. „Wir haben uns damit abgefunden und bieten auch jedem Kunden seinen Bon an. Wir können ja auch nichts daran ändern und halten uns an die Vorgaben.“

Für Jeroen Jörning, den Inhaber von Jörning Blumen, hat sich der Arbeitsalltag durch die Bonpflicht nicht verändert. „Der Bon wird bei unserem Kassensystem automatisch gedruckt. 80 Prozent unserer Kunden wollen den Bon zwar nicht haben, aber das ist für uns kein Problem.“ Der Florist hat vielmehr die Sorge, dass auch sein Blumengeschäft vom Lockdown betroffen sein könnte und dadurch viele Blumenhändler Probleme bekommen würden. „Aber so lange wir öffnen dürfen, ist alles gut.“

Ein Jahr Bonpflicht: Aldis Umstellung auf phenolfreie Qualität, E-Bon bei Rewe

Die Aldi-Nord-Gruppe, zu der auch die Aldi-Märkte in Lüdenscheid zählen, berichtet auf Anfrage, dass sich für sie durch die Bon-Pflicht nichts geändert habe, „da wir an unseren Kassensystemen schon vor der Einführung der gesetzlichen Bonpflicht immer einen Kassenbon ausgestellt haben“, sagt Unternehmenssprecher Dr. Axel vom Schemm. Er weist darauf hin, dass Aldi „bereits seit September 2010 in allen Filialen ausschließlich Thermokassenpapierrollen ohne den Weichmacher Bisphenol verwendet“. Bisphenol ist üblicherweise Bestandteil von Thermopapier und anderen Produkten des täglichen Gebrauchs. Die Europäische Union hatte es beispielsweise als Bestandteil von Baby-Trinkflaschen 2011 verboten.

Das Papier bei Aldi sei allgemein auf phenolfreie Qualität umgestellt worden. „So wird bei der Herstellung der Kassenbonrollen auch keine ,chemische Tinte’ verwendet. Es handelt sich hierbei um ein Wärmereaktionsverfahren“, erklärt vom Schemm, dass man trotz des automatischen Bondrucks bemüht sei, die Umwelt zu schonen. „Unsere Kassenbelege sind schon seit vielen Jahren FSC-zertifiziert und stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft, können also über das Altpapier entsorgt werden. So steht das Material wieder dem Recyclingkreislauf zur Verfügung.“

In den Rewe-Märkten wurde vor der Bonpflicht ebenfalls stets ein Kassenbon ausgestellt. Allerdings teilt der Rewe Dortmund, zu dem die heimischen Märkte gehören, auf Anfrage mit: „Unsere Märkte bieten auch den E-Bon an, der gesetzeskonform ist und gleichzeitig Papier sparen hilft. Die Nutzerzahlen des E-Bons steigen – ob dies mit der Bonpflicht oder der zunehmenden Digitalisierung unserer Kunden zusammenhängt, ist nicht sicher zuzuordnen.“

Rubriklistenbild: © Cedric Nougrigat

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