Für Bomberpiloten, nicht für Mädchen

LÜDENSCHEID ▪ Das Mädchen, gerade 18 geworden, weint dicke Tränen. Aber erst, als es im Zeugenstand über Erfahrungen mit Marihuana, Amphetamin, Kokain und Heroin berichtet. Über Entziehungskuren und darüber, dass die Mutter sie immer wieder rausgeschmissen hat. Ob der Drogenkonsum zum Liebesentzug geführt hat oder dessen Folge war – wen kümmert das schon? Das Schöffengericht nicht. Das kümmert sich um die beiden Angeklagten, die die damals Jugendliche mit Rauschgift versorgt haben.

Damit haben sie, sagt Staatsanwalt Axel Nölle, einen Verbrechenstatbestand erfüllt. Die Männer, 37 und 38 Jahre alt, zur Tatzeit direkte Wohnungsnachbarn an der Werdohler Straße, machen keinen Hehl aus ihrem Drogenkonsum. „Hartzer“, der eine seit fünf, der andere seit zehn Jahren arbeitslos, ungelernt, schnupfen „Pep“ und spielen nächtelang Ballerspiele am Computer. Kein gutes Umfeld für ein junges Mädchen.

Und trotzdem zieht es die 17-Jährige immer wieder dorthin. Auch nach dem Rausschmiss im Januar vergangenen Jahres. Der 38-Jährige – „Ich habe ihr was überlassen, ein Verkauf hat nie stattgefunden“ – nimmt sie auf, lässt sie ein paar Nächte bei sich schlafen. Und gibt ihr „was zum Wachbleiben“, wie sein Freund es nennt. „Das Zeug ist für Bomberpiloten und Fernfahrer entwickelt worden.“

Aber nicht für Kinder und Jugendliche. Der Staatsanwalt betont den Schutzzweck des Betäubungsmittelgesetzes. Und droht: „Darauf steht für jeden einzelnen Fall mindestens ein Jahr.“ Der Angeklagte macht dicke Backen und schielt zur Decke. Er hat Vorstrafen und Knasterfahrung. Immer wieder Drogengeschichten. Der Ankläger sieht keine Chance auf Bewährung. Wohl aber für den Kumpel, der nicht vorbestraft ist.

Die beiden Verteidiger, die Rechtsanwälte Rolf Holthaus und Henning Weißgerber, bringen ihre Mandanten dazu, ein Geständnis abzulegen. Sonst wäre es noch bitterer geworden. Weißgerber plädiert auf eine letzte Chance. „Er hatte gute Absichten und wollte einem jungen Menschen in Not helfen.“ Richter Jürgen Leichter und seine Schöffen sind milde gestimmt. Neun Monate mit Bewährung für den einen, zwei Jahre mit Bewährung für den anderen. Und dazu: 200 Sozialstunden und einmal im Monat ein Drogenscreening – auf eigene Kosten.

Olaf Moos

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