Bodycheck gegen den Ex-Bürgermeister

Lüdenscheid - Es war wohl nur ein Reflex, der den Zeugen bewegte, „Halt, stehenbleiben, Polizei!“ zu rufen. Nach 23 Jahren im Polizeidienst – kein Wunder. Doch das ist längst Vergangenheit. Jörg Bora wurde dann bekanntlich Bürgermeister von Werdohl. Auch vorbei. Trotzdem:

Von Olaf Moos

Am 13. Juli 2013 stellt er sich tapfer einem Ladendieb in den Weg. Der ist zwar ein eher schlapper Heroin-Junkie, aber immerhin 17 Jahre jünger als sein Widersacher. Eine von Boras Rippen bricht entzwei.

Die Szene spielt auf dem Parkplatz des Elektromarktes nahe dem Bräuckenkreuz. Der Drogensüchtige – elffach vorbestraft – hat in einer „Klautüte“ zwei Spielkonsolen für 460 Euro an der Kasse vorbeigeschmuggelt. Die Tüte ist sorgsam mit Alupapier gefüttert, die Beute darin löst kein Signal aus. „Ich brauchte das Geld“, sagt der Hartz-IV-Empfänger.

Also rennt er los, einen Ladendetektiv und einen Verkäufer dicht auf den Fersen. Und schlägt zwei, drei Haken, um Jörg Bora zu umkurven. Doch der ist wild entschlossen, die Flucht zu vereiteln – und geht fünf Sekunden später nach einem Bodycheck zu Boden. Der Dieb rennt bergab, doch an der Tankstelle, erinnert er sich, „hatte ich keine Puste mehr“. Er lässt sich friedlich abführen.

Die Frage ist: Wann hat er die Tüte mit den Nintendo-Teilen weggeworfen? Gleich nach dem Rempler, wie er behauptet? „Ich wollte die Sachen nicht mehr, ich wollte nur noch weg.“ Oder erst viel später, „weil er sich im Besitz der Beute halten wollte“, wie der Staatsanwalt sagt? Zeugenaussagen dazu fallen unterschiedlich aus.

Für Strafverteidiger Heiko Kölz geht es in erster Linie um das Strafmaß. Bei einer Gesamtstrafe von unter zwei Jahren könnte die Vollstreckung zugunsten einer Therapie zurückgestellt werden. Kölz: „Hier ist schnelle Hilfe gefordert.“

Aus älteren Urteilen sind noch mehr als zweieinhalb Jahre abzusitzen, plus die aktuelle Strafe, in die die letzte Schuldspruch einbezogen wird. Außerdem hat der 32-Jährige schon zahlreiche Entgiftungen und Therapien abgebrochen. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter folgt dem Antrag des Anklägers: eineinhalb Jahre ohne Bewährung.

Die Rippe ist inzwischen verheilt. Jörg Bora hat eine neue Passion: Er engagiert sich beim Weißen Ring für Verbrechensopfer.

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