"Aus bloßer Lust an der Gewalt": 39-jähriger verurteilt

Lüdenscheid - Ein geistig behinderter Mann, 38 Jahre alt, klein, dürr und langhaarig wie ein Teenager, vielen Lüdenscheidern im Stadtbild vertraut – dieser arg- und wehrlose Heimbewohner wurde in der Nacht zum 6. März am Kluser Platz beinahe totgeschlagen. Der Täter (39) kommt vergleichsweise glimpflich davon. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu 27 Monaten Gefängnis.

Opfer-Anwalt Dominik Petereit bringt auf den Punkt, was die Mehrheit der Prozessbeteiligten bewegt. „Ich weiß nicht, was mehr erschüttert: wie der Angeklagte mit meinem Mandanten umgesprungen ist – oder wie er seine Tat heute auf das perfideste bagatellisiert.“ Staatsanwältin Ina Pavel attestiert dem 39-jährigen Hartz-IV-Empfänger, „aus bloßer Lust an der Gewalt“ und „mit kaum zu überbietender Brutalität“ gehandelt zu haben.

Als Passanten beobachten, wie der Angreifer wie wild auf den fast bewusstlosen Mann am Boden eintritt, ist es für „Marki“ fast zu spät. Der Täter lässt von dem blutenden Mann ab und sucht das Weite. Kommt aber drei Minuten später zurück, um sein Handy aufzusammeln, das er offenbar am Tatort gelassen hat. Die Polizei ist schon da. Er landet in der Zelle. Der Verletzte wird eilig ins Klinikum gebracht. Er hat eine Hirnblutung erlitten, Platzwunden am Schädel, Rippenprellungen, ein Bauchtrauma, Zähne verletzt und eine Gehirnerschütterung. Die Ärzte schließen Lebensgefahr nicht aus. „Markis“ Betreuer sagt: „Das Erlebnis hat er bis heute noch nicht verarbeitet.“

Der Angeklagte erklärt so einiges. Wie er betrunken und unter Tabletten zufällig auf sein Opfer traf. Und gleichzeitig mit seiner Freundin telefonierte, die ihm Vorhaltungen wegen seiner Sauferei machte. „Ich habe ihn dann gebeten, mal eben mein Handy zu halten, weil ich mir eine Zigarette drehen wollte.“ Dass er mit dem kleinen Mann noch einen trinken gehen wollte. Und dass der Behinderte ihn beleidigt habe, „mit solchen wie dir trinke ich nicht“.

Die Version des Opfers klingt anders: nach Raub, „er wollte Geld von mir“, und nach nackter Angst und roher Gewalt. „Ich habe Glück gehabt, dass Leute gekommen sind.“ Dass der Täter obendrein seine Handschuhe geklaut hat, „ist mir egal“.

Die Staatsanwältin beantragt eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren. Rechtsanwalt Hansjörg Spickenbom schafft es dennoch, seinen Mandanten vom Vorwurf der räuberischen Erpressung freisprechen zu lassen – „nicht ausreichend nachgewiesen“. Das Urteil ergeht „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung.

Ausgerechnet die Schwäche eines behinderten Menschen ausgenutzt zu haben, sagt Leichter, „ist für das Strafmaß von großer Bedeutung“.

Olaf Moos

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