Blick zurück auf Kyrill: "Für alle eine Zäsur"

+
Andreas Müller, Holger Hoßfeld, Heiko Pasternak, Revierförster Marcus Teuber und Daniel Busche, Fahrer des Zangenschleppers, sind auch jetzt mitten im Winter bei der Arbeit und ernten Holz auf der Fläche der Gutsverwaltung Platehof. Fast alle waren vor zehn Jahren auch schon bei Kyrill im Einsatz. 

Lüdenscheid - "„Wir hatten schon vorher alle Maschinen aus dem Wald geholt, um sie nutzen zu können“, erinnert sich Revierförster Marcus Teuber; und er erinnert sich daran, wie der Akku seines Handys leer war nach all den Anrufen, die eingingen und Schäden mitteilten. „Kyrill war für mich in meiner Funktion das erste Großschadensereignis, und der Orkan war für alle eine Zäsur.“

Eine nervöse Stimmung habe zunächst geherrscht an diesem 19. Januar 2007, einen Tag nach dem verheerenden Orkan, der sich bereits am Mittag zuvor angekündigt hatte. Doch schnell sei Ruhe eingekehrt.

 „Das hängt mit der guten Struktur hier vor Ort mit den Forstbetriebsgemeinschaften zusammen.“ Blockpreise seien fixiert worden und Ausgleichzahlungen, um den Erlöspreis pro Festmeter für alle Waldbesitzer zu vereinheitlichen. Denn natürlich hatte Kyrill auch ökonomische Folgen. Der Einschlag durch den Orkan bedeutete allein für den Lüdenscheider Bezirk 65.000 Festmeter im Jahr 2007 und 50.000 im Jahr darauf. 

„Normal sind 15.000 bis 18.000 Festmeter im Jahr“, verdeutlicht Marcus Teuber die Dimensionen und die Holzmengen, die jetzt in kürzerster Zeit von den Sägewerken verarbeitet werden mussten. Mehr als die Hälfte der Fläche – rund 3700 Hektar – seien von dem Orkan betroffen gewesen. „Der starke Wind drehte sich mehrfach, so dass Bäume zum Teil in verschiedene Richtung fielen. Das sah aus wie beim Mikado.“

Der Orkan Kyrill und seine Folgen in Lüdenscheid

Die Logistik, um den Transport des Holzes aus dem Wald zu regeln, erforderte die Nutzung des vorhandenen Waldwegesystems. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt Lüdenscheid war sehr gut. Teilweise mussten die Wege befestigt werden. Gut war zudem, dass wir das Gelände am Brügger Bahnhof als Lagerort nutzen konnten.“ 

Im Volmetal hatte Kyrill an den steilen Hängen zwischen Brügge und Schalksmühle teilweise starke Schäden hinterlassen. Mit einem Schweizer Unternehmen, das einen Seilkran zur Verfügung stellte, habe er hervorragende Erfahrungen gemacht. „Eine dauerhafte Zusammenarbeit hat sich daraus ergeben. Das war bewegend und ist positiv hängen geblieben. Aus einer zunächst chaotisch anmutenden Situation kann sich auch Positives entwickeln“, sagt Marcus Teuber.

Lesen Sie hier unsere Multimedia-Reportage

Aus dem Orkan und seinen Folgen wurden Analysen erstellt. Viele Fichten hatte der starke Wind aus dem Boden gerissen. Als Flachwurzler konnten sie am wenigsten Widerstand leisten. „Aber es gibt nicht nur schwarz und weiß“, meinte Teuber. „Der Boden war weich und es hat auch Laubholz getroffen. Auch Buchen fallen bei einer Windgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern.“

Der Waldbesitzer habe das letzte Wort, wenn es um Neupflanzungen gehe und darum, wann er einen Ertrag daraus erwarte. Der fällt nun einmal bei der Fichte erheblich eher an als bei der Buche. Dennoch sorgten Förderprogramme dafür, dass mit der Wiederaufforstung eine andere Waldstruktur einher ging. Nach Angaben des Landesbetriebs Wald und Holz in NRW betrug der Laubholzanteil auf den Kyrill-Flächen vor dem Sturm sieben Prozent, das Nadelholz machte 93 Prozent aus. 2015 verteilten sich die Baumarten zu 47 Prozent auf Laubholz und 53 Prozent auf Nadelholz.

„Kyrill hat krasse Veränderungen gebracht“, bilanziert Marcus Teuber. „Die Wertigkeit des Waldes ist im Bewusstsein aller höher – derer, die ihn für die Freizeit nutzen und derer, die einen ökonomischen Nutzen daraus ziehen.“ Der Fichtenpreis liege heute mit 92,50 Euro pro Festmeter, über dem Niveau von vor Kyrill. Aber Kyrill habe bei Waldbesitzern und Forstleuten auch psychische und physische Auswirkungen gehabt. „Alles, was über Generationen gewachsen ist war in wenigen Stunden zerstört. Das steckt man nicht so einfach weg.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare