Sorgen am Zweitstandort

Zweiter Lockdown: Händler aus MK blickt mit Sorge nach Verl

+
Björn Jaeger hat der zweite Lockdown an seinem Zweitstandort in Verl „volles Rohr“ getroffen. „Am Ende des Tages läuft mir in Verl die Zeit davon“, sagt er.

Lüdenscheid/Verl – Wie sich ein Lockdown anfühlt, wissen auch in Lüdenscheid seit Ende März Geschäftsinhaber, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Erfahrung eines zweiten Lockdowns in so kurzer Zeit, sie ist in der Bergstadt aber bisher eher als drohendes Ungemach in den Köpfen präsent. Nicht so bei Björn Jaeger.

Der Inhaber und Geschäftsführer des Modehauses Strodel & Jäger an der Wilhelmstraße erlebt gerade den zweiten Lockdown: an seinem zweiten Standort in Verl. Zwar sind die Corona-Beschränkungen für das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh am Montagnachmittag durch das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht vorläufig außer Vollzug gesetzt worden, doch die Auswirkungen der vergangenen Wochen spürt Björn Jäger.

Seit 2017 gehört der Herren-Ausstatter Hagemann Herrenmoden an der Paderborner Straße in Verl zur Strodel & Jäger GmbH. Und in Verl hat der zweite Lockdown „volles Rohr“ zugeschlagen, wie Jaeger es ausdrückt. „Als die Nachricht vom Lockdown kam, da hatte ich Puls“, erzählt der Lüdenscheider, der seit zehn Jahren das Lüdenscheider Traditionsgeschäft in nächster Generation weiterführt und seit drei Jahren auch in Verl Herrenmode verkauft, „ich hatte von meinen Mitarbeitern dort ja schon gehört, dass da bei Tönnies etwas auf uns zukommt. Dann habe ich erst gebangt, ob wir überhaupt weiter aufmachen dürfen. Geöffnet haben wir aktuell, aber das ist schon eine zähe Nummer.“ 

Die 26 000-Einwohner-Stadt Verl ist im Kreis Gütersloh eine gute Adresse. Viele gut Situierte, die in Gütersloh arbeiten, wohnen hier. Der örtliche Fußballverein ist gerade in dieser Woche in die 3. Liga aufgestiegen. Hagemann Herrenmoden ist der Nahversorger in diesem Umfeld. „Wir sind dort etwas anders aufgestellt als in Lüdenscheid, wo wir ein modischeres und breiteres Angebot haben“, sagt Jaeger, „in Verl ist es das klassische Anlass-Geschäft: Loch im Hemd, neues Hemd. Loch in der Hose, neue Hose. Es geht um Hochzeiten, Beerdigungen, Mode für den Beruf, das tägliche Leben. Da wird es schwierig, wenn das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommt. Die Schockstarre ist dann da.“ Auch die Verlagerung der Arbeit ins Home-Office ist so ein Aspekt: Daheim tragen die Leute keine Business-Kleidung. Jaeger sieht es an den Zahlen. Der Absatz an Jacken und Strickwaren ist im Frühjahr schlecht gewesen.

Jaegers Mitarbeiter an der Paderborner Straße arbeiten nun jedenfalls wieder einzeln oder, wenn es Doppelschichten sein müssen, in festgelegten, nicht wechselnden Teams. „Gütersloh ist ein Kreis mit einer Anreihung von Dörfern“, sagt Björn Jaeger, „meine Mitarbeiter sind verteilt auf diese Dörfer, und in jedem Dorf gibt es auch Tönnies-Mitarbeiter…“ Die Angst, sich bei den derzeitig vorherrschenden Infektionsraten im Kreis anzustecken, ist präsent. Der zweite Lockdown in Verl, der im Juni das letzte Drittel betroffen hat, bildet sich in der Bilanz deutlich ab. 50 Prozent des Umsatzes aus dem Juni des Vorjahres waren es. 

Bei Saisonware läuft Jaeger in Verl die Zeit davon

In Lüdenscheid ist Jaeger mit seinem Hauptgeschäft auf dem Weg zurück zur Normalität. Die erste Woche nach dem Lockdown sei okay gewesen, sagt er, die Anfänge mit Masken dann schwieriger. Doch inzwischen läuft es wieder besser. Seit Anfang Juni gibt es am Standort Lüdenscheid keine Kurzarbeit mehr. In Verl ist das noch nicht so. „Und die Perspektiven sind offen“, sagt der Geschäftsführer, „es ist im Moment nicht kostendeckend. Durch den zweiten Lockdown verschärft sich die Situation.“ 

Die Saison, erklärt Jaeger, sei ohnehin eine verkürzte. Normalerweise kommt im Juli die neue Herbst- und Winterkollektion. Dieser Termin ist in diesem Jahr durch Corona ohnehin in den September verschoben worden in der Branche. „Wir haben dadurch etwas mehr Zeit, die Saisonware zu verkaufen“, sagt Jaeger, „aber am Ende des Tages läuft mir in Verl die Zeit davon.“ Es geht da auch um Liquidität – im September muss die neue Ware für Herbst und Winter bezahlt werden. 

Ware aus Verl nach Lüdenscheid geholt

Jaeger selbst fährt dieser Tage nicht nach Verl, spricht aber einmal in der Woche mit jedem Mitarbeiter, hat eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Es geht ihm darum, den Kontakt zu halten und Wertschätzung zu zeigen in schwierigen Zeiten. Einmal hat er sich auf einem Rastplatz mit einem Mitarbeiter aus Verl getroffen und hat Ware nach Lüdenscheid geholt – in der Bergstadt ist die Chance auf Absatz dieser Tage höher. Auch wenn sich auch hier zuletzt ein „Pandemie-Juni“ eher wie ein „guter Februar“ angefühlt habe, erzählt Björn Jaeger, der dies auch darauf zurückführt, dass viele Menschen durch Kurzarbeit weniger Geld zum Ausgeben zur Verfügung steht. 

Generell gilt zwischen seinen Standorten erst einmal: kein unnötiger Kontakt. „Wir haben in Verl einen Statthalter, der das Gesicht des Ladens ist, mich braucht man da nicht vor Ort“, sagt er, „die EDV ist an Lüdenscheid angebunden, das läuft alles.“ An der generellen Skepsis ändert all das nichts. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass man ob der großen Infektionszahl ein Exempel statuieren wird“, sagt Jaeger. Ob es nach dem 17. Juli wieder normaler weitergeht im Kreis Gütersloh? Zweifel bleiben. Die Schockstarre, sie ist noch nicht vorbei…

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare