Psychiatriepatientin vor Gericht: "Bin nicht bescheuert"

Lüdenscheid  - Es ist ein Sicherungsverfahren, kein Strafprozess. Die Frau wird nicht verurteilt werden. Aber ob und wann sie wirklich frei leben kann, entscheidet das Schwurgericht. Im Laufe des Verfahrens ist immerhin eine Tendenz sichtbar geworden.

Danach könnte die Lüdenscheiderin, die versucht haben soll, eine Mitpatientin in der Psychiatrie umzubringen, bald stationär in eine betreute Wohneinrichtung ziehen.

Aber sie will nicht. „Ich habe doch meine Wohnung renoviert und fühle mich da wohl.“ Und als Richterin Heike Hartmann-Garschagen sagt „Ihnen den Wohnungsschlüssel zu geben und Sie nach Hause zu entlassen, ist der denkbar schlechteste Weg“ – als der Beschuldigten dämmert, dass ihre sehnlichste Hoffnung unerfüllt bleiben wird, da hebt sie die Stimme.

Sie habe lange geschwiegen, jetzt wolle sie angehört werden, ruft sie in den Saal. Und: „Meinen Sie, ich würde alles aufs Spiel setzen? Ich bin doch nicht bescheuert, das alles hier geht mir doch nicht am Hintern vorbei.“ Es dreht sich um die Fragen, unter welchen Voraussetzungen sie die forensische Klinik in Eickelborn verlassen kann. Psychiater Johannes Völler aus Marsberg geht von einer „guten Prognose“ aus – aber nur, wenn Bedingungen erfüllt sind.

Die Rückkehr der 42-Jährigen in die eigene Wohnung gehört nicht dazu. Wohl aber ein gesetzlicher Betreuer, der Gesundheitsfürsorge und Aufenthaltsbestimmung regelt. Außerdem strenge Kontrollen, ob die Patientin ihre Medikamente regelmäßig nimmt. Ein Arzt, der langfristig die Behandlung übernimmt. Ein Spritzenpass, anhand dessen die Behörden prüfen können, ob die Medikation zuverlässig klappt. Wie im Strafverfahren sind das Bewährungsauflagen, die einzuhalten sind. Anderenfalls droht die Rückkehr hinter die Mauern der Forensik – dann auf unbestimmte Zeit.

Schon die Vorbereitung der Bewährungszeit fordert von der Justiz hohen Aufwand, wie die Richterin sagt. „Wir müssen eine geeignete Einrichtung finden, einen Kostenträger und einen gesetzlichen Betreuer.“ Dazu einen Arbeitsplatz in einer betreuten Werkstatt. Immer noch widerspricht die Beschuldigte – und besteht auf die Erfüllung ihrer Wünsche.

Da wird die Richterin strenger. „Wir verstehen Ihren Standpunkt durchaus. Aber wir haben auch einen.“ Die Maßnahmen seien „kein Angebot“, sagt Hartmann-Garschagen. „Das sind lediglich Dinge, die wir uns vorstellen können.“

Die Medikation zu Hause ist schon einmal gescheitert, weshalb die Patientin nahe ihrer Wohnung in einer Bäckerei randaliert und in der Nachbarschaft vor Türen getreten hat. Das soll sich nicht wiederholen. Die Beschuldigte hat keine Wahl.

Olaf Moos

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