Andere Denkansätze

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Bianca Berenberg vor dem Ölgemälde, das sie selbst als „Kunstwerk des Monats“ ausgesucht hat.

Lüdenscheid - „Ich finde das total klasse. Wir haben damit junge Köpfe bekommen mit ganz anderen Denkansätzen.“ Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen ist mehr als zufrieden, mit der „Arbeit“, die seit einigen Wochen zwei junge Lüdenscheider in den Museen und in der Galerie leisten. Seit November letzten Jahres ist der 18-jährige Sebastian Pallach als „BufDi“ beschäftigt, noch bis zur nächsten Woche die 15-jährige Bianca Berenberg im Rahmen eines Schülerpraktikums.

Beide genießen ihre Zeit in den städtischen Museen, in der sie in alle Abteilungen hinein riechen können und die Arbeit des Teams kennenlernen. Für Sebastian Pallach war nach dem Abitur am Scholl im letzten Sommer klar, dass „ich erst mal etwas anderes machen wollte als Studieren.“ Kunstgeschichte als Studium, aber in NRW wollte er bleiben und sich vorher ein Jahr im kulturellen Bereich umsehen. Wiebke Wehberg von der Stadtverwaltung habe sich für ihn stark gemacht, sagt der 18-Jährige, die BFD-Stelle sei eigens für ihn geschaffen worden: „Ich kannte das Museum natürlich. Aber was ich gut finde, ist, dass hier Kunst und Geschichte verknüpft werden.“ Zu seinen Aufgaben gehören inzwischen das Digitalisieren der Denkmalliste, die Archivierung von Schenkungen, aber auch der Auf- und Abbau von Ausstellungen an der Seite von Museumstechniker Volker Kirstein. Dienstbeginn ist um 8.30 Uhr, und danach heißt es: „Es gibt immer was zu tun!“

Langeweile kennt auch Bianca Berenberg nicht. Die BGL-Schülerin hat sich die Praktikumsstelle in der Städtischen Galerie selbst gesucht. Interesse an der Kunst habe sie, aber nicht am Kunsthandel, sondern eher an der regionalen Kunst und Geschichte. In ihren „Arbeitsbereich“ fiel damit auch die Wahl des „Kunstwerks des Monats“ – diesmal aus der Sicht eines jungen Menschen. Gerhardi oder Wieghardt? Ihre Wahl fiel auf Paul Wieghardt und sein Ölgemälde ohne Titel – Kurt Gröger am Fenster um 1928, das über den Nachlass von Wieghardts Ehefrau Nelli Bar-Wieghardt den Weg ins Museum fand.

Gemeinsam mit dem Team der Galerie verfasste Bianca dazu folgenden Text:

„Paul Wieghardt studierte gemeinsam mit Kurt Gröger (1905 Sternberg - 1952 Paris) seit 1925 an der Dresdener Kunstakademie. Beide waren bis 1931 Meisterschüler von Robert Sterl, neben Max Liebermann ein bedeutender Vertreter des deutschen Impressionismus. Vor allem zeitaktuelle, sozialkritische Themen beschäftigten Wieghardt während seiner Akademieausbildung in Dresden.

Der Malerfreund Gröger entschloss sich 1930 nach Paris zu gehen. Ein Jahr später folgte Wieghardt ihm zusammen mit seiner späteren Frau, der Bildhauerin Nelli Bar. Kurt Gröger verbündete sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit der Widerstandsbewegung seines ursprünglichen Heimatlandes, der damaligen Tschechoslowakei. Er wurde Mitglied der tschechischen Legion in Frankreich und gehörte somit der Auflehnung gegen den NS-Staat an. Ab 1940 galt er als Staatsfeind Deutschlands und tauchte mit seiner jüdischen Frau Simone Gröger in Frankreich unter.

Grögers künstlerische Entwicklung wurde von Vuillard und Bonnard geprägt. Er hatte in Frankreich seinen Malstil weiterentwickelt und war damit international äußerst erfolgreich. Der Großteil seiner in Tschechien zurückgelassenen Werke war für ihn bis 1945 unzugänglich und wurde wenig später dort vernichtet.

Schon in Dresden entwickelte Paul Wieghardt sein wichtigstes Bildthema – die Figur im Raum. Dies spiegelt sich ebenso in seinem Gemälde Kurt Gröger am Fenster und bleibt auch nach seiner Flucht in die USA Grundgedanke seiner Kunst. Mit seinem eindringlichen Blick prägt der Dargestellte die Komposition, und gleichzeitig kann man durch das geöffnete Fenster der Dachschräge einen Blick auf die Stadt Dresden werfen.“

Begleitend zum „Kunstwerk des Monats“ wird kostenlos der Katalog „Paul Wieghardt – Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen“ an der Infotheke abgegeben.

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