Bewährungsstrafe nach Kindesmissbrauch

LÜDENSCHEID - Dies ist die Geschichte einer jungen Frau. Sie hat schlimme Dinge erlebt. Unter anderem die Trennung ihrer Eltern, mehrere Umzüge, den Psychoterror ihrer Stiefmutter und sexuelle Übergriffe des Lebensgefährten ihrer leiblichen Mutter. Dieser wurde jetzt verurteilt.

Von Olaf Moos

Sie erinnert sich an einen Tag im April 2012. „Da brach alles aus mir heraus.“ Sie löste sich aus dem verhassten familiären Umfeld – und zeigte ihren Stiefvater an. Den verurteilte das Schöffengericht am Mittwoch zu 15 Monaten auf Bewährung.

Heute ist sie 20 Jahre alt. Als sie noch längst keine 14 war, wohnte sie mit ihrer großen Schwester beim Vater und dessen neuer Frau in Düsseldorf, kam aber regelmäßig ins Sauerland. Hier lebte die Mutter mit ihrem neuen Freund. Er fasste das jüngere der Mädchen nach Überzeugung der Richter mehrfach unzüchtig an.

Die Mutter des Opfers sagt im Zeugenstand: „Das glaube ich nicht.“ Die Schwester sagt: „Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei.“ Die Psychologin, die ein Glaubwürdigkeits-Gutachten über die 20-Jährige erstellt hat, sagt: „Es gibt keine Anzeichen, dass die Zeugin lügt oder ihn zu Unrecht belastet.“

Strafverteidiger Dirk Löber bemängelt, die Anklageschrift sei „nicht konkret“, und die Zeugenaussagen hätten „nichts davon bestätigt.“ Die junge Zeugin kann sich an zeitliche Abläufe, Reihenfolgen von Übergriffen oder gar Daten nicht erinnern. Der Rechtsanwalt wittert Widersprüche.

Der Angeklagte, 51 Jahre alt, ungelernt, Hartz-IV-Empfänger und ehemaliger Drogensüchtiger, streitet die Vorwürfe ab. Er gibt sich freundlich, offen und gesprächsbereit und ist sichtlich um ein ruhiges Auftreten bemüht. So verliert er äußerlich auch nicht die Contenance, als sein Opfer im Zeugenstand bebt und zittert, kaum flüssig zu sprechen in der Lage ist – und stockend sagt: „Ich habe mich nicht getraut, mich zu wehren.“ Staatsanwältin Ina Pawel sagt: „Das müssen Sie sich nicht vorwerfen.“

Die Psychologin zweifelt nicht an der Glaubwürdigkeit der jungen Frau. Und die Kripo-Beamtin, die die Strafanzeige aufgenommen hat, hat nach eigenen Worten keinen Anlass gesehen, dem Opfer zu misstrauen. „Sonst hätte ich einen Vermerk in die Akte geschrieben.“

Ina Pawel beantragt zwei Jahre und zwei Monate. Doch nur drei der fünf angeklagten Missbrauchstaten haben nach Auffassung der Richter mit Sicherheit stattgefunden. Die 20-Jährige hört das Urteil nicht. Sie hat das Gericht zusammen mit ihrem Freund verlassen. Er ist 41.

Rubriklistenbild: © dpa

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