Bewährung: Endlich wieder nach Liebling

LÜDENSCHEID ▪ In der 3000-Einwohner-Stadt Liebling am Rande des Banater Hügellands in Rumänien bangt eine Frau um ihren Mann. Er ist – nicht zum ersten Mal – nach Deutschland gereist. Diesmal aber nicht, um Geld zu verdienen. Sondern um sich am Amtsgericht seine Strafe abzuholen. Die Frau und die beiden Töchter, sechs und neun Jahre klein, wissen nicht, wann er wiederkommen wird. Im Herbst war er drei Monate weggeblieben. Untersuchungshaft.

Vor dem Vorsitzenden des Schöffengerichts, Richter Jürgen Leichter, sitzt ein schwarzhaariger breitschultriger Kerl, ärmlich gekleidet, unrasiert, 34 Jahre alt, Tischler und Schlosser von Beruf. Umgerechnet 250 Euro monatlich verdient er in der Heimat mit ehrlicher Arbeit, sagt er. Da kam das Angebot seines alten Freundes gerade recht, der ihn für Touren in Deutschland als Fahrer anheuerte. Für 800 Euro in zehn Tagen. Die Flugtickets übernahm der Chef.

So wurde der bislang unbescholtene Familienvater aus Liebling im Banater Land Mitglied einer sehr aktiven rumänischen Einbrecherbande. Sie hatten sich auf Metalldiebstähle in Nordrhein-Westfalen spezialisiert – in Nachtschicht, versteht sich. Am Gielster Stück im Industriegebiet Römerweg betrug der Wert der Beute laut Anklage 24 200 Euro. Aus einem Betrieb in Dorsten holten die Einbrecher Buntmetall für rund 30 000 Euro. Fünf weitere Anklagepunkte zeugen vom unermüdlichen Fleiß der Bande. Zäune und Tore knacken, mit Lieferwagen vorfahren, von Hand aufladen, Abtransport – „harte Arbeit, schlecht bezahlt“, wie Staatsanwalt Axel Noelle anmerkt.

Vor der ersten Reise ist dem 34-Jährigen angeblich nicht klar, dass er Straftaten begehen soll. Erst bei der nächsten Tour. Aber das Geld lockt. „Rumänien ist Mitglied der Europäischen Union“, sagt Strafverteidigerin Britta Greb aus Essen. Die Preise stiegen allmählich immer weiter. „Nur die Löhne nicht.“ Man könne von „ganz gemeiner Not“ sprechen. „Aber das rechtfertigt natürlich keine Straftat“, sagt Britta Greb.

Für ihren Mandanten kommt diese Einsicht zu spät. Am 27. September 2010 klicken die Handschellen. Weihnachten in Liebling ohne Papa. Am 29. Dezember kommt er wieder auf freien Fuß.

Die U-Haft aber hat er genutzt, auszupacken. Der Kopf der Bande und einige Komplizen sind dank seiner Hilfe inzwischen verurteilt. Sein Geständnis und die Tatsache, dass er sich noch einmal nach Deutschland traut und in die Fänge der Justiz, sprechen für Milde. Staatsanwalt Axel Noelle beantragt zwei Jahre mit Bewährung. Das Gericht folgt dem Antrag. Zuvor hat der Angeklagte das letzte Wort. Da schweigt und weint der Mann aus Liebling.

Olaf Moos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare