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Flut-Betroffene aus dem Rahmedetal: „Ich gehe nicht hin und mache bitte, bitte“

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Von: Leon Malte Cilsik

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Zukünftig erhoffen sich die Lembckes Schutz durch eine neue Steinmauer.
Zukünftig erhoffen sich die Lembckes Schutz durch eine neue Steinmauer. © Cornelius Popovici

In den Tagen nach der Flut vor einem Jahr haben wir mit Betroffenen aus dem Rahmedetal gesprochen. Nun haben wir sie wieder besucht und gefragt, wie es ihnen ergangen ist.

Lüdenscheid/Altena – Ein Jahr ist vergangen, seit der Rahmedebach über seine Ufer trat und den Anwohnern das Wasser buchstäblich bis zum Hals stand. Die Flut hinterließ eine Schneise der Verwüstung und Erinnerungen, die sich wohl für immer in die Köpfe der Betroffenen eingebrannt haben.

Die LN waren damals vor Ort, um die Bilder jener denkwürdigen Julitage auch über die Talgrenzen hinaus bekannt zu machen. Ein Jahr später sind wir erneut dem Flussverlauf gefolgt und haben bei unseren damaligen Protagonisten nachgefragt, wie es ihnen ergangen ist. Ihre Geschichten sollen stellvertretend stehen für die vielen weiteren Schicksalsschläge, die das Wasser auch im Rahmedetal mit sich gebracht hat.

Wiederaufbau ein Vollzeitjob

Bei Sabine Lembcke, die in Grünewiese direkt an der Rahmede wohnt, hatte das Hochwasser die fast abgeschlossenen Renovierungsarbeiten an ihrem Haus – einem ehemaligen Fabrikgebäude – wieder zunichte gemacht. Die komplette untere und große Teile der oberen Etage wurden zerstört, dazu auch die Garage mit allem, was sich darin befand. Der Sachschaden belief sich auf etwa 80 000 Euro, eine Elementarversicherung hatten sie und ihr Mann nicht abgeschlossen.

„Nach all der Arbeit gleicht unser Haus nun wieder einem Rohbau“, fasste es Lembcke damals gegenüber unserer Zeitung zusammen. Ihr habe eine Warnung gefehlt, um mehr von ihrem Zuhause retten zu können. „Die Soforthilfe für Hochwasser-Betroffene haben wir innerhalb weniger Tage bekommen. Sie reicht zwar bei Weitem nicht aus, wir nehmen sie aber als Startschuss, um wieder von Neuem zu beginnen“, gab Lembcke sich damals kämpferisch.

Einfahrt und Hof vor dem Haus waren mit das Erste, was Sabine Lembcke gemeinsam mit ihrem Mann eigenhändig in Angriff genommen hat. Aktuell können sie nur das obere Stockwerk ihres Hauses bewohnen.
Einfahrt und Hof vor dem Haus waren mit das Erste, was Sabine Lembcke gemeinsam mit ihrem Mann eigenhändig in Angriff genommen hat. Aktuell können sie nur das obere Stockwerk ihres Hauses bewohnen. © Cornelius Popovici

Und das haben sie und ihr Mann im vergangenen Jahr auch getan – ausschließlich in Eigenregie: „Im Außenbereich haben wir unser Grundstück schon wieder auf Vordermann gebracht. Eine unserer Prioritäten war der Bau einer Mauer, die uns vor kommenden Hochwassern schützen soll.“ Im Haus hingegen wartet noch einiges an Arbeit auf das Paar, die aber bis Ende dieses Jahres erledigt sein soll: „Wir haben mit der oberen Etage begonnen, um schnell wieder ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen. Als nächstes nehmen wir den Totalschaden im Erdgeschoss in Angriff.“

Auch bei der 59-Jährigen selbst hat die Flut im Nachhinein ihre Spuren hinterlassen: „Durch die feuchte Luft in unserem Haus bekam ich eine Lungenentzündung, vor lauter Stress platzte mir das Trommelfell.“ Und dennoch: „Ich möchte mich nicht beklagen, viele hat es damals hart getroffen. Ich bin bloß froh, dass bei uns niemand ernsthaft verletzt wurde.“

Wiederaufbauhilfe vom Land NRW haben die Lembckes bislang nicht beantragt: „Wir sind schlicht nicht dazu gekommen.“ Informiert hätten sie sich aber bereits und wollen den Antrag zeitnah stellen. Für Lembcke ist dabei jedoch klar: „Ich gehe nicht hin und mache bitte, bitte. Entweder wir bekommen etwas oder wir kämpfen uns eben so weiter durch.“

Verantwortung für drei Wohnungen

Peter Kirchhoff aus Mühlenrahmede musste während der Flut durch schulterhohes Wasser zu seinem Haus waten. Dankbar war er dabei vor allem für drei Dinge: „Bei uns wurde niemand verletzt, das Wasser ist relativ warm und die Flut kam tagsüber“, sagte der damals den LN. Andernfalls hätten die Schäden seiner Meinung nach noch viel höher ausfallen können. Obwohl Kirchhoffs Wohnung – als Vermieter lebt er nur im oberen Stockwerk seines Hauses – weitgehend verschont blieb, verlor auch er einiges: Zwei Autos – ein BMW und ein Porsche – erlitten einen Totalschaden, ebenso wie viele Maschinen und Werkzeuge. Gleiches galt für drei Wohnungen im Keller und Erdgeschoss, die Kirchhoff vermietet.

Eine davon bewohnte David Mösch, der während der Arbeit von der Flut erfuhr und die Schäden erst nach Feierabend zu Gesicht bekam. Seine Wohnung hatte er gerade erst neu eingerichtet: „Die finanziellen Verluste konnten die Landeshilfen bei Weitem nicht aufwiegen. Aber ich bin trotzdem froh, wie es unter diesen Umständen weitergegangen ist.“ Mösch zog für zwei Wochen zu Verwandten nach Dortmund, bevor er an seine alte Adresse zurückkehrte. Nur ein Stockwerk höher. „Das wir eine so einfache Lösung finden konnten, hat mir in dieser stressigen Zeit viel Arbeit erspart“, sagt Mösch. Die Sorge vor einem erneuten Hochwasser habe ihn nicht abgehalten, „erst recht nicht eine Etage höher“.

In der Wohnung von David Mösch zerstörten die Wassermassen die Innenwände. Nur zwei Wochen dauerte es, bis er wieder an seine alte Adresse zurückkehren konnte – wenn auch eine Etage höher.
In der Wohnung von David Mösch zerstörten die Wassermassen die Innenwände. Nur zwei Wochen dauerte es, bis er wieder an seine alte Adresse zurückkehren konnte – wenn auch eine Etage höher. © Cornelius Popovici

Kirchhoff selbst hingegen hatte im vergangenen Jahr Arbeit genug mit der Renovierung von drei Wohnungen. „Mittlerweile befinden wir uns endlich im Endspurt, gemacht werden müssen ‘nur’ noch die Flure, der Garten und der Keller.“ Finanzielle Unterstützung habe er erhalten, vom Deutschen Roten Kreuz, der Stadt und dem Land. „Die reicht aber gerade so, wenn man alles selber macht. Aber dazu war ich zum Glück fähig“, sagt Kirchhoff. Nun kann er bereits wieder auf die Suche nach neuen Mietern für die frisch renovierten Wohnungen gehen. „Vielleicht meldet sich ja jemand, wenn die Geschichte in der Zeitung steht“, scherzt Kirchhoff.

Dankbar für die Versicherung

Bei Drucklufttechnik Volker Turk geht ein Jahr nach der Flut wieder weitgehend alles seinen gewohnten Gang. „Das haben wir meinem Vater zu verdanken. Als unser Versicherungsmakler uns 2019 eine Hochwasserversicherung für 2500 Euro im Jahr empfohlen hat, hielten wir alle im Betrieb das für Unsinn – bis auf er“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Andre Turk, der privat auf eine vergleichbare Versicherung verzichtet hat.

Während der Flut floss das Wasser über das Firmengelände von Turks Reinigungstechnik ab. Die Staubsaugeranlage für das Auto auf dem rechten Bild fand er 40 Meter weiter an der Straße.
Während der Flut floss das Wasser über das Firmengelände von Turks Reinigungstechnik ab. Die Staubsaugeranlage für das Auto auf dem rechten Bild fand er 40 Meter weiter an der Straße. © Cornelius Popovici

Rund 100 000 Euro Sachschaden habe die Flut im Laden mit angrenzender Autowaschanlage an der Rahmedestraße angerichtet. „Innerhalb weniger Minuten wurde das kleine Rinnsal auf unserem Hof zum reißenden Strom“, erinnert sich Turk. Er selbst habe die Nacht im Laden verbracht, das Wohngebäude auf der anderen Hofseite sei für ihn unerreichbar gewesen. „Und als das Wasser ging, blieb der Schlamm. Der war überall in unseren Geräten.“ Zum Glück sei sein Bruder Landwirt und konnte mit seinem Traktor den Hof relativ zügig reinigen.

„Außerdem verkaufen wir ja selber Kehrmaschinen und Schmutzwasserpumpen, die wir einsetzen konnten“, ergänzt Turk. Das sei auch nötig gewesen, da sich ein Großteil der Hilfsbemühungen weiter in Richtung Altenaer Stadtzentrum konzentriert habe. „Wir Nachbarn haben uns gegenseitig geholfen, sonst kam da nicht viel.“

Trotzdem sind auch die Turks rückblickend der Meinung, dass es hätte schlimmer kommen können. „Niemand ist ums Leben gekommen, alle Schäden wurden reguliert. Was bleibt, ist der psychologische Effekt“, sagt Turk. „Mein fünfjähriger Sohn bekommt heute noch Panik bei Starkregen, und sind wir unterwegs und es beginnt zu nieseln, möchte er heim, um unsere Sachen zu retten.“ Auch er selbst könne sich nicht ganz von diesen Gedanken freimachen.

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