„Das sind zum Teil wirklich rührende Geschichten"

Besuchsverbot im MK: Ehemann zieht zu Frau ins Altenheim - um sie zu sehen

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So sieht ein möglicher Besuch im Haus Elisabeth in Lüdenscheid aus: Caritasdirektor Stefan Hesse sitzt auf einem Stuhl vor der Balkontür und spricht mit Bewohner Werner Schmalenbach, der sich mit Abstand drinnen in Begleitung von Einrichtungsleiter Carsten Brinkmann befindet.

Lüdenscheid – Balkon-Gespräche und Fenster-Besuche sind seit Wochen für viele Senioren in Altenheimen die mitunter einzige Kontaktmöglichkeit. Für einen Mann im MK war das keine Option - er zog kurzerhand zu seiner Frau ins Altenheim, um sie täglich treffen zu können.

Seit Mitte März gilt in NRW das Besuchsverbot in den Einrichtungen, bis auf das Personal darf dort niemand hinein. Bewohner und Angehörige trifft das hart, „sie leiden unter der Situation“, sagt Caritasdirektor Stefan Hesse. Seit Dienstag ist klar: Familie und Freunde dürfen ihren Lieben ab Sonntag auch wieder persönliche Besuche abstatten. Vorgesehen sind dafür strenge Auflagen, wie das NRW-Gesundheitsministerium mitteilte. 

„Wir wünschen uns das natürlich für die Bewohner“, sagt der Caritasdirektor. „Aber das muss in einem richtigen Verhältnis zum Schutz der Bewohner und dem Personalaufwand stehen – wir versuchen, Lösungen zu schaffen.“ 

Gartenstühle stehen draußen für Besucher bereit

Um Lösungen haben sich die Mitarbeiter auch schon in den vergangenen Wochen bemüht: Wo möglich, stehen Gartenstühle vor den Einrichtungen bereit, auf denen Angehörige draußen Platz nehmen dürfen. „Wir haben in manchen Einrichtungen Räume im Erdgeschoss, die leer stehen“, sagt Hesse. Die dürfen die Bewohner nutzen – etwa für einen kurzen Plausch mit den Kindern durchs offene Fenster. Natürlich nur mit ausreichend Abstand. 

„Manche nutzen auch den Balkon, um Angehörige draußen vor dem Haus oder auf dem Parkplatz zu sehen und sie rufen sich dann zu“, erzählt Hesse. „Das sind zum Teil wirklich rührende Geschichten, die man jetzt gerade erlebt.“ 

Mann zieht zu seiner Frau ins Altenheim

Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm diese: „Als das Besuchsverbot beschlossen wurde, kam ein Mann auf uns zu, dessen Frau in einer unserer Einrichtungen lebt“, sagt Hesse. Sie nicht mehr besuchen zu können, habe ihm große Sorgen bereitet, „er suchte nach einer Lösung“. 

Die hat die Caritas ermöglicht: „Es gab noch einen freien Platz in der Einrichtung – der wurde ihm angeboten. Er hat nicht gezögert und ist einen Tag später mit Sack und Pack eingezogen, um bei seiner Frau bleiben zu können.“ Das seien natürlich Einzelfälle, sagt Hesse. 

Als erste Maßnahme habe die Caritas bereits vor Wochen Tablets angeschafft, Mitarbeiter helfen den Senioren bei Videotelefonaten – auch sonntägliche Gottesdienste, die inzwischen häufig im Internet zu sehen sind, gehören dazu. „Das ist natürlich alles ein anderer personeller Aufwand, als ohnehin schon – aber das war uns die Sache wert.“ 

"Die Gefahr ist zu groß"

Doch nicht nur die Angehörigen fehlen in den Einrichtungen, weiß Hesse. „Das waren auch die Friseure – Mitarbeiter haben den Bewohnern teilweise die Haare getönt – oder sind noch die Fußpfleger und Physiotherapeuten, die nur kommen dürfen, wenn es medizinisch erforderlich ist.“ 

Doch eine komplette Öffnung der Pflegeheime sieht der Caritasdirektor nicht: „Die Gefahr ist zu groß, man muss weiter auf die Distanzregeln setzen und Besucherräume schaffen. Unsere Cafeteria hat ja geschlossen, das wäre dafür vielleicht eine gute Möglichkeit.“ Und auch personell müssen die Besuche stemmbar sein. 

Schutzkleidung nur für das Personal

„Wir haben in Lüdenscheid 75 Betten, in Plettenberg 115 – ein Besucher für jeden Bewohner pro Woche bedeutet schon eine Menge Arbeit. Das muss alles mit dem Kalender geplant werden.“ Denn das Personal müsse in jedem Fall den Besuch einweisen, „das erfordert weitgehende Präsenz“, sagt Hesse. 

Was Schutzkleidung wie Kittel und Masken angeht, sei man in den Einrichtungen gut ausgestattet – „allerdings nur für das Personal“, betont er. Für die Besucher reiche der Vorrat nicht aus, „die Lieferungen kommen nur tröpfchenweise. Das wäre so viel, das kann man im Moment gar nicht ordern“.

Lesen Sie mehr zu den Entwicklungen rund um das Coronavirus im MK in unserem News-Ticker.

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