Distanz als größtes Problem

„Angehörige brauchen viel Zuwendung“: Bestatter aus MK berichten über Extremsituation Corona

bestatter lüdenscheid
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Stefan Baumann und Daniele Messy auf dem evangelischen Friedhof in Lüdenscheid: Die Arbeit des Bestatters ist in der Corona-Zeit in vielen verschiedenen Punkten anspruchsvoller geworden.

In direkter Nachbarschaft zur Kapelle am evangelischen Friedhof in Lüdenscheid sitzt das Christliche Trauerhaus Aeterno. Stefan Baumann und Daniele Messy betreuen hier in diesen Räumlichkeiten die Angehörigen von Verstorbenen. Es ist der Standort des ursprünglich im oberbergischen Bereich Bergneustadt/Gummersbach ansässigen Bestattungsunternehmens in der Bergstadt Lüdenscheid. Wie geht es dem Bestatter in Corona-Zeiten? Redakteur Thomas Machatzke sprach mit Daniele Messy über eine anspruchsvolle Arbeit in einer schwierigen, schwermütigen Zeit.

Die Corona-Zeit hat in allen Lebensbereichen Dinge verändert. Zum einen hat man den Gedanken, dass im Moment verhältnismäßig mehr Menschen sterben und somit mehr Arbeit da sein müsste. Aber auch die Arbeit an sich hat sich sicherlich verändert. Wie ist es bei den Bestattern?
Es sterben gar nicht unbedingt mehr Menschen. Es sind zwar etliche dabei, die an oder mit Corona versterben, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass wir mehr Sterbefälle hatten als im Jahr 2019. Wir haben natürlich das Problem, dass wir Verstorbene zum Beispiel aus dem Krankenhaus abholen und wissen, sie haben Corona – dann müssen wir in voller Montur im Krankenhaus ankommen. Im Schutzanzug mit Handschuhen und Visier. In manche Krankenhäuser kommen wir zudem nur mit einem Test, müssen da auch noch eine Viertelstunde warten. Der Verstorbene ist dann schon in einer speziellen Hülle eingepackt.
Bleibt er dann in der Hülle oder wird er noch fürs Begräbnis fertig gemacht?
Das kommt auf die Empfehlung an, was wir noch machen dürfen. Am besten ist es, man packt den Verstorbenen nicht mehr aus. Andererseits muss der Amtsarzt bei einer zweiten Leichenschau den Toten noch einmal besichtigen. Gerade bei der Feuerbestattung muss es zwingend eine zweite Leichenschau geben. Auf jeden Fall muss man die Hygienevorschriften einhalten.
Das klingt deutlich aufwändiger als in der Vor-Corona-Zeit. Ist es beim Kontakt mit den Angehörigen ähnlich? Ist da die Arbeit auch aufwändiger geworden?
Es ist eigentlich noch gut zu handeln. Das Problem ist: Gerade in so einer Situation brauchen Angehörige viel Zuwendung. Dass alles sehr auf Distanz stattfindet, ist da schon sehr schade. Oft kennen wir die Angehörigen ja auch, die uns beauftragen. Man kann dann zum Beispiel nicht einfach mal einen Angehörigen in den Arm nehmen. Man sitzt weit ausein-ander am Tisch mit Maske. Das macht die Unterhaltung schwierig, wenn man sich mit Schwerhörigen trifft und dazu noch die Maske trägt. Manches macht man auch telefonisch, wenn Leute Angst haben und uns nicht sehen wollen. Generell merkt man aber: Die Menschen brauchen in dieser Zeit noch mehr Zuwendung. Man muss noch mehr auf sie eingehen.
Das wirkt sich ja auch auf die Trauerfeier aus…
Ja, man muss schauen, was man in dieser Zeit tun kann, wenn Trauerfeiern nur noch im kleinen Kreis stattfinden können. Also nicht mehr mit 50 oder 100 Personen. Je nach Größe der Trauerhalle dürfen im Moment noch gerade 13, 16 oder 25 Personen dabei sein. Dann suchen wir nach Möglichkeiten, wie wir die Leute vielleicht noch ein bisschen trösten können. Singen dürfen sie ja auch nicht mehr. Für viele ist es wichtig, alte Kirchenlieder zusammen zu singen. Auch das ist verboten. Wir machen seit letztem Jahr vermehrt Live-Musik. Mein Chef und mein Kollege sind sehr musikalisch, zum Teil auch in christlichen Musikgruppen unterwegs. Sie machen dann in der Trauerhalle oder am Grab mit Keyboard, Gitarre und Verstärker Musik. Bei den Angehörigen kommt das gut an.
Wie ist denn die Resonanz? Die Situation an sich ist ja eine sehr sterile, obwohl sie gerade in dieser Lebenssituation nicht steril sein sollte. Gibt es da positive Rückmeldungen, wenn man sich besonders Mühe gibt?
Ja, in der Regel sind die Rückmeldungen positiv. Viele sagen, sie wären erst frustriert gewesen, dass nur 25 Leute in die Trauerhalle durften. Aber im Nachhinein stellen sie dann fest, dass es doch eine kleine, sehr persönliche Trauerfeier gewesen ist. Im kleinen Kreis kann das teilweise schöner sein, als wenn da 200 Gäste stehen, die man ohnehin nicht alle begrüßen kann. Schade ist, dass man nachher nicht mehr Kaffeetrinken gehen kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt nach der Trauerfeier – dieses gemeinsame Zusammensitzen beim Kaffee, wenn man vom Friedhof kommt, sich aufzuwärmen, einen Kaffee zu trinken und sich zu unterhalten. Das fällt leider komplett weg.

 Im kleinen Kreis kann das teilweise schöner sein, als wenn da 200 Gäste stehen, die man ohnehin nicht alle begrüßen kann.

Bestatterin Daniele Messy
Wie geht es Ihnen dabei? Ist es emotional noch anstrengender, wenn man sich so ins Zeug legen muss, um die Situation für die Angehörigen noch irgendwie erträglich zu gestalten?
Es ist unterschiedlich. Es ist immer eine Extremsituation, wenn jemand stirbt. Wenn wir in die Familien gehen zum Trauergespräch, dann ist der erste Schock oft schon überwunden, hat sich oft die Situation schon ein bisschen entspannt. Viele sind sehr gefasst, wenn der Bestatter kommt, reißen sich zusammen. Viele Trauergespräche laufen gefasst und ruhig ab. Aber es gibt auch andere Momente, wenn jemand zum Beispiel ganz plötzlich verstirbt. Wir hatten in diesem Jahr auch schon mehrere Kinder- und Säuglings-Beerdigungen. Das ist immer sehr emotional. Wenn in diesen Fällen der Kreis sehr klein gehalten werden muss, obwohl viele kommen und mittrauern möchten, dann unterhält man sich schon länger und geht noch mehr auf die Bedürfnisse ein.
Stichwort Trauerbewältigung: Auch dies war in der Corona-Zeit ein Problem, weil viele Angebote nicht stattgefunden haben. Ist die Zeit der Trauer für die Angehörigen noch schwieriger geworden?
Es gibt natürlich verschiedene Trauergruppen und Gesprächskreise, zu denen man vor Corona gehen konnte. Da saßen alle in einem Boot, hatten dieselben Probleme. Auch in Lüdenscheid gibt es einige Angebote. Da läuft inzwischen vieles telefonisch oder online. Die Beratung kann stattfinden, wenn man das möchte, aber die Gruppen können sich nicht treffen. Alles läuft auf Distanz, und das ist schade in einer so schwierigen Zeit. Wir sind auch weiterhin ansprechbar und vermitteln zum Beispiel Trauerbegleiter, wenn das gewünscht ist. Zwei, drei Wochen nach der Beerdigung schließt man sich ja meist mit den Familien noch einmal wegen der Danksagungen kurz. Da kommt man ins Gespräch und unterhält sich, wie es weitergeht. Manchmal brauchen die Angehörigen nur jemanden zum Reden, und wenn es der Bestatter ist.
Sind diese Nachgespräche denn anders als in der Zeit vor Corona? Merkt man, dass alles noch belastender ist in dieser schwermütigen Zeit?
Die Zeit vor der Trauerfeier ist schwierig, weil die Menschen da angespannt sind, diese Hürde noch vor sich haben. Da ist auch Angst dabei vor diesem Tag. Und wenn dann die Beerdigung geschafft ist, wäre es halt schön, noch zum Kaffeetrinken zusammenzukommen. Und dann gehen alle ausein-ander nach der Beerdigung. Das fällt den Leuten auch schwer. Viele sagen dann auch nach ein paar Wochen so etwas wie: „Schade, dass wir nicht mehr zusammensitzen konnten. Das hätte sich mein verstorbener Mann so gewünscht, dass wir noch eine große Feier machen und uns alle noch mal sehen.“ Diese Trauerarbeit fällt weg. Das kommt sicherlich noch obendrauf.
Stellen wir also fest: Die Arbeit eines Bestatters ist durch die Pandemie noch einmal bedeutend schwieriger geworden!
Aufwändiger im Ablauf auf jeden Fall und auch bei den Trauergesprächen. Wir hatten zum Beispiel auch mal den Fall, dass beim Trauergespräch einmal eine Person Corona hatte – da durfte mein Chef drei Tage später direkt zum Gesundheitsamt und musste einen Test machen. Auch im Hospiz oder Altersheim muss man an der Pforte immer einen Test machen. Da ist der Zeitaufwand dann auch höher. Dazu ist alles natürlich für die Angehörigen belastender. Und man lernt Dinge neu einzuschätzen: Was ich vorher nie gedacht hätte: wie wichtig für viele das gemeinsame Singen ist. Das hat etwas Befreiendes. Auch Chorgesang tut vielen gut. Und dass man dann nun mit Mundschutz in der Kapelle am Friedhof sitzt, ist für viele ganz schwer auszuhalten. Wenn wir dann einen Sänger mitbringen, der zum Beispiel Bonhoeffers Von guten Mächten singt, tut den Leuten das gut. Aber schöner wäre es, wenn wieder Normalität herrschen würde…

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